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Blasenschwäche, der soziale Tod

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Harninkontinenz ist immer noch ein Tabuthema. Viele Menschen trauen sich nicht einmal mit dem Hausarzt darüber zureden. Dabei wäre die Blasenschwäche gut behandelbar.

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Harninkontinenz ist immer noch ein Tabuthema. Viele Menschen trauen sich nicht einmal mit dem Hausarzt darüber zureden. Dabei wäre die Blasenschwäche gut behandelbar.

Es ist höchste Zeit, sich dem Thema Harninkontinenz zu widmen." Primarius Franz Böhmer, ärztlicher Direktor des Wiener Sophienspitals und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie, will dieses Tabuthema nun ansprechen.

Der Geriatrieexperte weiß aus Erfahrung mit seinen Patienten, daß viele ältere Menschen von dem Problem des unfreiwilligen, manchmal auch unbemerkten Abganges von Harn betroffen sind, sich aber aus Scham oder Unwissenheit nicht einmal dem Hausarzt anvertrauen. Böhmer: "Mit einem Herzinfarkt kann man heute geradezu angeben, denn man signalisiert dadurch, im Arbeitsleben etwas ,geleistet' zu haben. Bei Harninkontinenz ist das anders. Das ist eines der letzten Tabus."

In Österreicher betrifft Harninkontinenz - im Volksmund auch Blasenschwäche genannt - rund eine Million Menschen, die Mehrzahl davon sind Frauen. Die Zahlen können nur geschätzt werden, da viele Menschen eben noch nie mit einem Arzt über das Problem geredet haben und daher keine Behandlung bekommen. Viele Frauen klagen bereits mit 50 über Inkontinenz. Nach dem 70. Lebensjahr leidet bereits mehr als jede Dritte darunter, aber auch rund zwölf Prozent der Männer. Und diese Rate steigt auf Grund der immer größeren Zahl von Prostatabeschwerden. Daher sollte man, so die Mediziner, die Blasenschwäche künftig auch beim Mann verstärkt thematisieren.

In Pflegeheimen sind zwei Drittel der Heimbewohner inkontinent. Bei den über 80jährigen sind es sogar acht von zehn, wie eine kürzlich in Wien durchgeführte Untersuchung zeigte. Damit ist die Blasenstörung die häufigste Erkrankung im Alter. Höchste Zeit also, sich diesem Thema anzunehmen und eine Informationskampagne zu starten.

Jeder zweite fühlt sich durch sein Gebrechen in der Lebensqualität beeinträchtigt, aber nur bei etwa 15 Prozent der Betroffenen wird das Problem behandelt. Das ist fatal, denn, so Böhmer, der Harnverlust beim Husten, Niesen, Lachen und Heben schwerer Lasten ist keine Alterserscheinung, die einfach hingenommen werden muß: "Den Betroffenen muß gezeigt werden, daß Inkontinenz bei richtiger Diagnose in den meisten Fällen erfolgreich behandelt werden kann. Eine Enttabuisierung des Themas erscheint unter diesem Aspekt absolut essentiell."

Soziale Isolation Leider komme es nicht sehr häufig vor, daß der Arzt von sich aus nach diesem Problem fragt. "Es gibt hier auf beiden Seiten enorme Defizite", meint Böhmer. Bei 85 Prozent der Betroffenen könnte der Hausarzt das Problem soweit abklären, daß der Patient mit einer Behandlung beginnen könnte. Vor allem bei der sogenannten Dranginkontinenz - ein häufiger, plötzlich auftretender Harndrang mit unfreiwilligem Harnabgang - können Arzneimittel wirkungsvoll helfen. Böhmer appelliert daher an praktische Ärzte, bei Untersuchungen von älteren Patienten gezielt nach Inkontinenz zu fragen.

"Man stirbt zwar nicht an Harninkontinenz, aber unbehandelt bedeutet sie für viele ältere Menschen den sozialen Tod", meint Universitätsprofessor Helmut Madersbacher, Ärztlicher Leiter der Neuro-Urologischen Ambulanz von der Universitätsklinik Innsbruck. Der unfreiwillige Urinverlust wird daher nicht nur zu einem medizinischen, sondern auch zu einem hygienischen und sozialem Problem. Die Betroffenen neigen dazu, sich auf Grund ihrer Erkrankung gesellschaftlich zu isolieren.

Eine Erfahrung, die auch sein Kollege aus Deutschland, Professor Ingo Füsgen von der Klinik St. Antonius und Inhaber des Lehrstuhls für Geriatrie der Universität Witten-Herdecke, bestätigt: "Das ist eine Einbahnstraße. Wer inkontinent ist, traut sich oft nicht mehr aus dem Haus gehen und verarmt geistig. Dadurch wird es noch schlimmer. Wenn dann einmal die Wohnung nach Urin stinkt, muß der Betroffene meist in ein Heim." Inkontinenz ist der zweithäufigste Grund für eine Aufnahme in ein Pflegeheim.

Eine Vielzahl von Gründen kann zur Harninkontinenz führen, der häufigste ist der Verlust der Kontrolle über die Harnblase. Aber auch Defekte im Gehirn, Hormonmangel, chronische Infektion der Harnwege bis hin zur Beckenboden- und Schließmuskelschwäche können Ursachen sein. "Diese Vielzahl von Gründen gibt uns aber auch die Chance, den einen oder anderen Grund zu behandeln und damit auszuschalten."

Meist werden bei Harninkontinenz Medikamente verschrieben. Neben den Arzneimittel ist das Kontinenztraining ein wichtiger Teil der Therapie. Ziel dabei ist, die Kontrolle über die Blase wieder zu erlangen. Das Training kann von speziell ausgebildeten Pflegepersonal eingeleitet werden und dann von zu Haus weitergeführt werden. Meist führt eine Kombination von Medikamenten und speziellem Training zum Erfolg. Wird kontinuierlich trainiert, kann der erreichte Standard gehalten werden, bestätigen die Ärzte.

Doch Harninkontinenz hat nicht nur für den Betroffenen schwerwiegende Folgen, sondern auch für die Gesellschaft, betont der deutsche Geriatriker Füsgen. Untersuchungen zufolge ist die Blase für rund 30 Prozent des gesamten Pflegeaufwandes in Heimen verantwortlich. "Man sollte das nicht hinnehmen, erstens weil der Betroffene vereinsamt und zweitens, weil es für uns alle viel Geld kostet."

Mit entsprechenden Medikamenten und Training könnte man bis zu einem Drittel der Kosten einsparen, ist Füsgen überzeugt. Es gilt das Motto: je früher man sich beraten und behandeln läßt, um so besser der Erfolg. Die Betroffenen sollten bereits beim ersten Anzeichen aktiv beim Arzt anfragen. Das bestätigt auch Primarius Böhmer: "Ein frühzeitiger Beginn der Behandlung reduziert nicht nur die Kosten, sondern verhindert darüber hinaus auch noch die Folgekosten, indem Sekundärerkrankungen vermieden werden." Die beste Prophylaxe sei körperliche und geistige Fitneß. Bewegungsmangel verschlechtert die Inkontinenz.

Nebenwirkungen Therapeutische Mißerfolge bei der Behandlung, so Füsgen, beruhen hauptsächlich auf einer unzureichenden Diagnostik. Ein Problem dabei sei natürlich, daß ein 70- bis 80jähriger Mensch im Schnitt zwischen fünf und sieben behandlungsbedürftige Krankheiten hat. Füsgen: "Da kommen schnell 15 Tabletten zusammen. Hier muß man acht geben, daß man nicht mehr schadet als hilft. Das Wohlbefinden sollte nicht stärker gestört sein, als zumindest in dem gleichen Maße eine Verbesserung eintritt. Sonst setzt der Patient das Medikament ab."

Der Rat der Mediziner: niedrigdosiert mit dem Medikament anfangen. Sollte das verschriebene Medikament nicht helfen, oder Nebenwirkungen, etwa Mundtrockenheit, hervorrufen, kann oft eine andere Wirkstoffgruppe helfen. Besonders Augenmerk sollte darauf gelegt werden, ob zusätzlich eingenommene Medikamente die Wirkung verstärken oder abschwächen.

Ein Thema, das noch mehr tabuisiert ist als die Harninkontinenz ist der unfreiwillige Stuhlabgang. Zwischen fünf bis zehn Prozent leiden darunter, in erster Linie ebenfalls ältere Mensche. Mehr als zwei Drittel der Patienten könnte aber auch hier mit eine Therapie geholfen werden.

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