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"Stillstand ist ein Erfolg"

"Der kompetente Patient" lautet ein neues Rezept in der Gesundheitsdiskussion. Doch was bedeutet das für Alzheimer-Patienten?

Ein grau melierter Herr oder eine ältere Dame im Fitnessstudio, die ihren Körper auf Trab halten - ein ungewohntes Bild? Wohl kaum. Doch was bitte ist ein Braintrainer?

Die alternde europäische Gesellschaft soll also nicht nur am Hometrainer strampeln, sondern auch den Kopf anstrengen: Seniorenstudium, Spanisch für 50 plus oder ein Gedächtnistrainingsprogramm am PC. Was sich auf den ersten Blick wie ein Modetrend "pro-mental aging" statt "anti-aging" anhört, stellt sich als eine von EU-Experten geförderte präventive Maßnahme gegen die starke Zunahme von Demenzerkrankungen in Europa heraus (Alzheimer nimmt darin die größte Gruppe ein).

Das International Longevity Centre in London enthüllt die nackten Zahlen: Über fünf Millionen Europäer waren 2006 an Demenz erkrankt, die Anzahl Neuerkrankter dürfte in den nächsten 30 Jahren um 60 Prozent ansteigen. Jedes Jahr erkranken mehr Menschen an Demenz als an Herzkrankheiten, Diabetes oder Brustkrebs. In Österreich sind geschätzte 100.000 Menschen an Alzheimer erkrankt, mit großer Dunkelziffer und Zunahme.

"Gehört zum Altern"

Doch immer noch herrscht eine "nihilistische Sicht" gegenüber Demenz und Alzheimer, wie die britischen Experten feststellten. Man könne eh nichts dagegen machen, das gehöre eben zum Altern, die Medikamente dagegen würden ab einem gewissen Alter nichts mehr bringen, so eine noch weit verbreitete Sicht unter der Ärzteschaft.

Zudem werden Frühsymptome von Ärzten und von Betroffenen zu lange nicht richtig gedeutet oder geleugnet. Dabei ist neben Prävention durch mentales Training die Früherkennung wesentlich. Nur so könne durch Medikamente und Training der Krankheitsverlauf verlangsamt werden.

"Die Situation hat sich aber gebessert", meint Antonia Croy vom Verein "Alzheimer Angehörige Austria" in Wien. "Stillstand der Krankheit ist ein Erfolg. Wenn eine 80-Jährige dadurch ein paar Jahre gewinnt, ist das sehr viel."

Das Wissen über die bis dato unheilbare Krankheit, ihren Verlauf und ihre Behandlung ist somit entscheidend. Hier setzt die Bedeutung von "Health Literacy" oder "Gesundheitskompentenz" an: der informierte Patient, der sich selbst bildet, Eigenverantwortung übernimmt, dem aber auch die nötige Information über das Gesundheitssystem nicht vorenthalten wird. Das neue Konzept wurde am diesjährigen zehnten European Health Forum in Bad Hofgastein Anfang Oktober unter Experten diskutiert.

Die Diagnose ist klar: Es herrscht eine Flut an Gesundheitsinformationen und Behandlungsoptionen. Zugleich drängen Kostenexplosionen durch Überalterung und rasanter medizinischer Forschung zu Effizienz. Gewisse Gruppen - wie ältere chronisch kranke Menschen und ärmere Schichten sind gefährdet, "Patienten zweiter Klasse" zu werden.

"Zunächst geht es um das bloße Wissen über Gesundheit, danach um Kommunikationsfähigkeiten zwischen Arzt und Patient, zuletzt um das Wissen, Behandlungen auch kritisch zu hinterfragen", erklärt Ilona Kickbusch, Expertin im Bereich Gesundheitsförderung und Beraterin für das Schweizer Bundesamt für Öffentliche Gesundheit. Wesentlich sei, dass "Health Literacy"-Programme vor allem auf ärmere Schichten zielen, betont Kickbusch.

Universität für Patienten

Modelle umfassen etwa "Patienten-Universitäten", wie es sie auch in Österreich in Form von "Mini Med Schools" bereits gibt. An der Universität Hannover ging man einen Schritt weiter: "Neben allgemeinen Informationsveranstaltungen zum Thema Körper, Gesundheit und Prävention, werden auch Veranstaltungen für chronisch Kranke und deren Angehörige angeboten, um Bewältigungskomptenzen zu stärken," wie Friedrich Wilhelm Schwartz von der Medizinischen Hochschule Hannover erklärt. Die dritte Säule des Unterrichts richtet sich an professionelles Personal, Vertreter von Selbsthilfegruppen und Patientenanwälte.

Wie aber vertragen sich EU-weite Tendenzen zu Verboten und strengeren Regulierungen (etwa gegen das Rauchen) und Programme zu Patientenmündigkeit? "Wir brauchen beides", betont Kickbusch. "Beide Ansätze wirken gegenseitig verstärkend."

Der Umgang mit der Mündigkeit des Patienten ist gerade bei Alzheimer-Patienten besonders schwierig, wie Antonia Croy erklärt. "Es ist eine Gratwanderung zwischen Fördern aber nicht Überfordern. Aber oft werden Menschen in einem Krankheitsstadium bereits bevormundet, in dem es noch nicht sein müsste." Wichtig sei vor allem der Ausbau von Tageszentren, zumindest in allen größeren Ortschaften, um Betroffene zu fördern und in späteren Stadien Angehörige zu entlasten, sagt Croy: "Im Bereich Prävention tut sich schon einiges. An Volkshochschulen wird Gedächnistraining angeboten. Aber meist fangen die Menschen zu spät damit an."

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