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Gesellschaft

Europa bereitet sich auf ein gesundes Altern vor

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In Europa steigen Anzahl und Anteil der älteren Menschen. Bei den Pflegeberufen droht ein Mangel an Fachkräften, zugleich erhöhen sich die Kosten. Was zu tun ist, berieten Experten.

Eine "tickende Zeitbombe“: Mit diesem drastischen Vergleich umschreiben Gesundheitsexperten die Tatsache, dass der Anteil älterer Menschen in unserer Gesellschaft stetig zunimmt. Schon 2012 wird es mehr Europäer über 60 Jahre als jene im Erwerbsalter geben. "Bis zum Ende des Jahrzehnts wird rund ein Drittel aller Europäer 65 Jahre und älter sein“, stellt Paola Testori-Coggi, Generaldirektorin für Gesundheit und Verbraucherschutz in der Europäischen Kommission, klar. Im Jahr 2050 werden einem Menschen über 65 nur zwei Menschen im arbeitsfähigen Alter gegenüberstehen, bekräftigte die hochrangige EU-Beamtin beim European Health Forum Gastein (EHFG), dem wichtigsten gesundheitspolitischen Kongress der Europäischen Union. Vorige Woche diskutierten mehr als 600 Vertreter aus 45 Ländern Zukunftsthemen der Gesundheitssysteme, vor allem die Auswirkungen des demografischen Wandels.

Anstieg chronischer Erkrankungen

"Die Auswirkungen der demografischen Veränderungen auf die Gesundheitssysteme Europas und der Welt können gar nicht zu hoch eingeschätzt werden“, betont Peter Boyle, Präsident des International Prevention Research Institute in Lyon (Frankreich): "Sie werden zu substanziellen Finanzierungsproblemen führen und sehr wahrscheinlich die Qualität und Quantität der Gesundheitsleistungen in Frage stellen.“ Die demografische Entwicklung, die sich momentan abzeichnet, wird zu einem massiven Anstieg der Zahl chronischer Erkrankungen führen. Das zeichnet sich schon ab: Zwischen 2004 und 2006 stieg die Zahl neu diagnostizierter Krebserkrankungen europaweit von jährlich 2,9 Millionen auf 3,2 Millionen. Die Zahl der Diabetes-Patienten wird von 2010 bis 2030 von 55 Millionen auf geschätzte 66 Millionen anwachsen. Ähnliche Steigerungsraten sind auch bei anderen altersbedingten Erkrankungen zu erwarten.

Um dem drohenden finanziellen Kollaps entgegenzuwirken, fordert Boyle einen Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen. "Wir müssen unseren Fokus von der gegenwärtig betonten Reparaturmedizin in Richtung Prävention verschieben und wo immer nötig eine aktive Einstellung zur Gesundheitserhaltung annehmen.“ Mit anderen Worten: Es müssen Maßnahmen getroffen werden, damit sich die Menschen auch noch im hohen Alter einer guten Gesundheit erfreuen. Aktives und gesundes Altern - "Ageing in Action“ - lautet das erklärte Ziel. "Die begrenzten Ressourcen des Gesundheitssystems dürfen nicht für Diagnose, Behandlung und Langzeitbetreuung vermeidbarer Erkrankungen verschwendet werden“, betont Boyle.

Um die Lebensqualität der alternden Bevölkerung zu verbessern und die Menschen zu befähigen, länger aktiv zu bleiben, haben einzelne EU-Mitgliedsstaaten bereits eigene Programme entwickelt. Auch tummeln sich zahllose Einrichtungen und Organisationen auf nationaler und europäischer Ebene, deren Ziel das gesunde und aktive Älterwerden ist. Die einen propagieren gesunde Ernährung sowie Bewegung, um Zivilisationserkrankungen wie Diabetes, Übergewicht und Krebs einzudämmen. Die anderen kämpfen für neue Modelle der Altenbetreuung außerhalb von Krankenhäusern und krankenhausähnlichen Einrichtungen, um das psychische Wohlbefinden älterer Menschen zu erhöhen. Abgesehen vom ethischen Aspekt bringt dies ökonomische Vorteile: Wer sich schlecht fühlt, wird eher krank - und kostet das Gesundheitssystem Geld.

Gerade was den Umgang mit älteren, pflegebedürftigen Menschen anbelangt, liegt in Europa einiges im Argen: Altersarmut ist Realität und wird weiter zunehmen: Laut EU-Statistiken sind 20 Prozent der über 65 Jahre alten Europäer - 16 Millionen Menschen - armutsgefährdet. Erst kürzlich hat ein offizieller britischer Bericht für Aufsehen gesorgt, demzufolge mindestens 100.000 alte Menschen in Großbritannien in Pflegeeinrichtungen leben, die nicht einmal Minimalstandards erfüllen.

Auch Pfleger werden älter - ohne Nachwuchs

Das Alterungsproblem betrifft nicht nur die Gesamtbevölkerung, sondern auch das Gesundheitspersonal selbst. "Ein nicht unerheblicher Anteil von Menschen, die in Gesundheitsberufen arbeiten, nähert sich dem Pensionsalter - und für sie gibt es nicht ausreichend Nachwuchs“, warnt Armin Fidler, Strategischer Berater für Gesundheitspolitik bei der Weltbank. Schon jetzt ist der Mangel an Gesundheitspersonal spürbar. Glaubt man den Prognosen, so wird sich dieser verschärfen: Nach Schätzungen der EU-Kommission werden europaweit 2020 ein bis zwei Millionen Fachkräfte im Gesundheitssektor fehlen, falls nicht gegengesteuert wird. Allein beim Pflegepersonal gehen die Prognosen von 600.000 fehlenden Fachkräften in zehn Jahren aus.

Einen Lösungsansatz hat Günther Leiner, Präsident und Gründer des EHFG: "Wenn die europäische Finanztransaktionssteuer kommt, wie die EU-Kommission sie erst kürzlich vorgeschlagen hat, dann sollte zumindest ein Teil der lukrierten Mittel in die Aus- und Fortbildung von neuen Pflegepersonen und eine attraktivere Gestaltung der Berufsbedingungen fließen“, fordert er: "Es gelingt uns, große Finanzströme zur Rettung von Banken und Finanzinstitutionen zu mobilisieren. Da muss es doch auch möglich sein, einen nachhaltigen Rettungsschirm zur Beseitigung des Pflegenotstands in Europa zu spannen.“