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Aufbruch in Richtung Prävention

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Eine erste Präventionslandkarte, ein Versicherungsprogramm mit neuem Anreizsystem und der viel beschworene informierte Patient: Gesundheitsvorsorge und Eigenverantwortung werden zunehmend betont.

Die Lebenserwartung der Österreicher steigt jedes Jahr um zweieinhalb Monate. Das ist erfreulich, bedeutet jedoch nicht, dass die Österreicher besonders gesund sind. Laut einer OECD-Studie verbringen sie nur knapp 60 Lebensjahre in Gesundheit - und dann fast 20 Jahre in Krankheit. "Wir sind viel zu stark auf die Reparaturmedizin ausgerichtet“, sagt dazu Peter McDonald, geschäftsführender Obmann der Sozialversicherung der Gewerblichen Wirtschaft (SVA): "Im österreichischen Gesundheitssystem werden zwar pro Jahr über 31 Milliarden Euro investiert, aber nur zwei Prozent dieses gewaltigen Budgets fließen in die Prävention. Der Schlüssel zu mehr Gesundheit aber liegt in gezielter Prävention.“

Prävention, also die Vermeidung des Auftretens von Krankheiten, und das wesentlich weiterreichende Konzept der Gesundheitsförderung haben in Österreich seit der Verabschiedung der Ottawa-Charta deutlich an Bedeutung gewonnen. In dieser Erklärung gab die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 1986 das Ziel "Gesundheit für alle“ aus und definierte Gesundheitsförderung als einen Prozess, der allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit ermöglicht und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit befähigt. Momentan stehen Prävention und Gesundheitsförderung weit oben auf der politischen Agenda in Österreich.

Anreize für Gesundheit

Gerade haben sich Sozialversicherung, Bund, Länder und die Wirtschaft im Rahmen der Alpbacher Gesundheitsgespräche auf ein gemeinsames Verständnis der Begriffe Prävention und Gesundheitsförderung geeinigt. Auch wurden auf mehreren von der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt AUVA organisierten Veranstaltungen Handlungsbereiche identifiziert, in denen großer Nachholbedarf besteht. Doch das ist nur der Anfang: So soll jetzt unter dem Titel Präventionslandkarte ein Ist-Stand der Präventionsaktivitäten in Österreich erhoben werden: "Wir müssen wissen, wer bisher welche Aktivitäten setzt“, erläutert die AUVA-Obfrau Renate Römer: "Dann können wir Doppelgleisigkeiten vermeiden und Best-Practice-Beispiele ausbreiten.“ Diese Präventionslandkarte soll nächstes Jahr in Alpbach finalisiert und weitere Schritte sollen für eine abgestimmte Prävention beschlossen werden. Dabei sollen auch gemeinsame, bis 2020 stufenweise umzusetzende Ziele erarbeitet werden.

Auch die SVA tut sich hervor in Sachen Prävention. Vorige Woche präsentierte sie die Evaluierung ihres freiwilligen Vorsorgeprogramms "Selbständig Gesund“. Das 2012 ins Leben gerufene Programm basiert auf einem Anreizsystem, das Eigenverantwortung für die Gesundheit belohnt. Dabei wird im Rahmen eines Gesundheitschecks gemeinsam mit dem Arzt des Vertrauens ein individuelles Ziel erarbeitet, das an den fünf Gesundheitsparametern Blutdruck, Gewicht, Bewegung, Tabak- und Alkoholkonsum festgemacht wird. Nach mindestens sechs Monaten gibt es einen Evaluierungstermin, bei dem überprüft wird, ob die Gesundheitsziele auch erreicht wurden. Hat man das Ziel erreicht, zahlt man nur noch den halben Selbstbehalt. Die nächste Untersuchung ist - abhängig vom Alter - nach zwei bis drei Jahren fällig.

Aufwertung des Patienten

Auf diese Weise ist es der SVA gelungen, die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen im Vergleich zum Vorjahr um fast 40 Prozent zu steigern und die Anzahl der Krankenhausaufenthalte zu reduzieren. Der Gesundheitszustand zwischen den erfolgreichen und nicht erfolgreichen Teilnehmern unterscheidet sich bereits bei der Erstuntersuchung erheblich. Jene Programmteilnehmer, die einen Antrag auf Reduktion des Selbstbehaltes gestellt haben, konnten ihre Gesundheitswerte von der Erst- zur Zweituntersuchung verbessern und sparten nebenbei im Durchschnitt rund 66 Euro pro Jahr. "Wir setzen ganz bewusst auf Positivanreize und Freiwilligkeit“, bekräftigt McDonald: Eigenverantwortung sei der Schlüssel zu einem gesünderen Leben.

In diese Richtung zielt auch die Broschüre "Kompetent als Patientin und Patient“, die der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger in Kooperation mit dem Frauengesundheitszentrum in Graz und der Patientenanwaltschaft erarbeitet und soeben präsentiert hat. Die Broschüre bietet neben Informationen über das Gesundheitssystem Checklisten und wertvolle Hinweise im Umgang mit den Leistungserbringern sowie Hilfestellung, wie etwa die richtige Ansprechperson gefunden werden kann ( www.hauptverband.at). Laut Patientenanwalt Gerald Bachinger soll sie dazu beitragen, dass die Bürger und Patienten zu einer neuen Rolle im Gesundheitssystem finden: "von einem fremdbestimmten, unmündigen und inaktiven Teilnehmer zu einem selbstbestimmten, gut informierten und selbstbewussten Co-Produzenten.“

Prävention und Politik

Auch die Politik meldet sich in Sachen Prävention zu Wort - schließlich ist Wahlkampf. Hans Jörg Schelling, Hauptverband-Vorsitzender und Vizepräsident der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), betont den Aspekt der Eigenverantwortung: "Nicht das System ist für die Gesundheit der Menschen verantwortlich, sondern jeder einzelne kann und muss selbst wesentlich dazu beitragen, ein längeres Leben in Gesundheit führen zu können.“ Erich Foglar, Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, bekräftigt: "Prävention ist Investition.“ Er spricht sich dafür aus, das Gesundheitsbudget nicht durch Beitragssenkungen zu minimieren, sondern gerade dort viel mehr zu investieren. Wenn Prävention und Gesundheitsförderung die Investition der Zukunft sein sollen, dann brauche es ein Mehr an finanziellen Mitteln.

Prävention müsse bereits im Elternhaus beginnen, betont Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl: "Gesunde Verhaltensweisen können und müssen Kindern schon von den Eltern mitgegeben werden. Auch Kindergarten und Schule legen einen wichtigen Grundstein bei der Bewusstseinsarbeit“, betont Leitl. Gemeinsam mit dem ÖGB habe die Wirtschaftskammer vor zehn Jahren das Arbeitnehmerschutzgesetz auf den Weg gebracht und damit ein Minus von 30 Prozent bei Arbeitsunfällen erreicht, lobt der WKÖ-Präsident: "Ich würde mich freuen, wenn es künftig heißt: ‚Prävention vor Rehabilitation vor Pension‘.“

In Österreich sei es seit rund 18 Monaten geglückt, das Alter des Pensionsantritts anzuheben, wenn auch vorerst in kleinen Schritten, erwidert Sozialminister Rudolf Hundstorfer und verweist auch auf die seit dem Vorjahr leicht rückläufige Zahl der Invaliditätspensionen. Prävention sei ihm sehr wichtig: "Wir nehmen viel Geld dafür in die Hand“, unterstreicht Hundstorfer und verweist auf das "fit2work“-Programm, dessen Ziel auch die Förderung und Erhaltung der Arbeitsfähigkeit von Arbeitnehmern ist.

Glücklicherweise steht das Thema Prävention selbst außer Zweifel: Im Rahmen der Gesundheitsreform haben sich SPÖ und ÖVP bereits darauf geeinigt, dass in den nächsten zehn Jahren 150 Millionen Euro in die Prävention fließen sollen.