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Gesellschaft

„Politik übt sich in Vogel-Strauß-Haltung“

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Experten schlagen Alarm: Die gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen liegt im Argen – vor allem im Bereich Prävention und Therapien. Ungehörte Hilferufe?

Ruhig ist es an diesem Nachmittag Anfang Februar im Institut für Erziehungshilfe bei der 14er-Stiege Mitten im Karl-Marx-Hof im 19. Wiener Bezirk. Ruhig im riesigen Hof, ebenso wie in den Räumen des Instituts, das Kinder und Jugendlichen samt ihren Familien psychotherapeutische Hilfe anbietet. Man würde kaum erahnen, welche Betriebsamkeit hier sonst herrscht. Aber zurzeit sind Semesterferien. Kinder mit psychischen Störungen und deren Eltern kommen hierher zur Therapie. Doch nicht selten schließen auch frustrierte Eltern die Tür zur 14er-Stiege und verlassen den Karl-Marx-Hof. Sie müssen woanders Hilfe für ihre Kinder suchen, mit denen sie nicht mehr weiterwissen.

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts für Erziehungshilfe ist es jedes Mal eine enorme Belastung, wenn eine Familie abgewiesen werden muss. Aber die Kapazitäten seien mehr als ausgeschöpft, erklärt die ärztliche Leiterin aller fünf Institute für Erziehungshilfe bzw. „Child Guidance Clinic“, Barbara Burian-Langegger: Es gebe Wartezeiten für das Erstgespräch bis zu zwei Monaten. Auf Therapien würden Familien bis zu eineinhalb Jahre warten, beklagt sie: „Was das für ein Kind bedeutet, brauche ich Ihnen nicht zu sagen! Das ist verlorene Zeit.“ Im Jahr 2008 gab es 1187 Neuanmeldungen, 281 Kinder und Jugendliche sind derzeit in einer Langzeittherapie. „Das ist auch für die Mitarbeiter eine wahnsinnige Belastung: Nicht nur, dass sie mit schwierigen Familien psychotherapeutisch arbeiten, sie müssen sich auch noch damit beschäftigen, wie Familien geholfen werden kann, die Hilfe bräuchten, für die es aber keine Plätze mehr gibt.“

„Verlorene Zeit“

Dabei ist die „Child Guidance Clinic“, die großteils vom Magistrat 11 der Stadt Wien unterstützt wird und kostenlose Therapien anbietet, noch ein wenig besser dran als andere Einrichtungen mit psychosozialem Angebot für Kinder und Jugendliche. Manche von diesen müssten überhaupt einen Aufnahmestopp verhängen, so Burian-Langegger. In ihrer Einrichtung wird versucht, wenigstens jene Familien, die sozial sehr schwach sind und am meisten von Langzeit-Psychotherapie profitieren würden, zu behandeln. Jene, die nur irgendwie am „freien Markt“ eine Psychotherapie bezahlen können, müssten eher weitergewiesen werden. Gespräche mit der Stadt Wien gab es laut Burian-Langegger des Öfteren. Es gibt sogar einen Kontrollamtsbericht, der die Stadt Wien ermahnt, den Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung zu erheben. Verändert habe sich aber noch nichts, so Burian-Langegger. Das Büro des zuständigen Stadtrats Christian Oxonitsch gab bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme ab.

Die Situation der „Child Guidance Clinic“ ist nur ein Beispiel für das, was die „Liga für Kinder- und Jugendgesundheit“ mit ihrem aktuellen 1. Bericht zur Kinder- und Jugendgesundheit aufzeigen will: „Oft wird behauptet, Österreich habe das beste Gesundheitssystem der Welt. Allerdings gilt das nicht für den Bereich Kinder und Jugendliche“, sagt Klaus Vavrik, Präsident der Liga (siehe Interview). Diese ist eine Plattform für Fachgesellschaften und Berufsvertretungen sowie für Anbieter von Gesundheitsleistungen und Selbsthilfeaktivitäten für Kinder und Jugendliche ( www.kinderjugendgesundheit.at).

Besonders alarmierend sei die Situation bei chronischen Erkrankungen und der Versorgung mit Therapien. Viel zu wenig werde in die Prävention von Erkrankungen gesteckt, so Vavrik: Die Gesundheitspolitik habe zu wenig auf die Veränderungen der Gesellschaft reagiert, die dramatische Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche hätten: „Junge Menschen mit Entwicklungsstörungen, mit chronischen oder Lebensstil-Erkrankungen, mit psychosomatischen oder psychosozialen Problemlagen sind derzeit nicht ausreichend versorgt“, kritisiert Vavrik. Lange Wartezeiten, Aufnahmestopps und Kompetenzenwirrwarr seien der Alltag.

Sogar aktuelle internationale Vergleichsstudien der Unicef und OECD stellen Österreich in der Kinder- und Jugendgesundheit ein miserables Zeugnis aus: Beim Ranking der Unicef belegt Österreich den 14. von 21 Plätzen, bei der OECD gar nur den 27. Platz von 30 Staaten. Besonders schlecht schneidet Österreich beim Anteil jener Jugendlichen ab, die rauchen, schon mal betrunken waren sowie bei der Selbstmordrate in der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen.

Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) zeigt sich hingegen wenig beeindruckt von den Forderungen der „Liga für Kinder- und Jugendgesundheit“. „Insgesamt haben wir eine gute Versorgung von Kindern und Jugendlichen“, so sein Kommentar. Nachholbedarf und Verbesserungspotenzial in einzelnen, nicht näher definierten Bereichen räumt er aber ein.

Für Eva Mückstein, Präsidentin des österreichischen Berufsverbandes für Psychotherapie, ist Stögers Reaktion nichts anderes als eine „Vogel-Strauß“-Politik: „Was man nicht sehen will, das sieht man nicht. Dann gibt es noch Beruhigungsslogans“, sagt Mückstein im Gespräch mit der FURCHE. Dabei ist die Situation in der psychischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen „alarmierend“: „15 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden an krankheitswertigen psychischen Störungen. Das sind Störungen, die den Entwicklungsspielraum der Kinder einengen.“ Mückstein verweist darauf, dass der Leistungsdruck der Gesellschaft die Kinder zunehmend belastet: Immer mehr Kinder zeigen Verhaltensauffälligkeiten, Ängste und Depressionen sind im Zunehmen. Auch Burian-Langegger erklärt, dass Angststörungen immer mehr Kinder belasten.

Eva Mückstein: „Der Leistungsanspruch setzt Kinder stark unter psychischen Druck, dazu kommt eine Perspektivenlosigkeit, auch das Gefühl, in einer Gesellschaft allein gelassen zu sein, die immer mehr zur Individualisierung neigt und schon Kindern und Jugendlichen das Gefühl gibt, dass jeder sich selbst der Nächste ist und jeder seines Glückes Schmied.“ Der Bedarf für Psychotherapien liegt laut Mückstein zwischen zwei und fünf Prozent, Österreich hat zurzeit eine Versorgung von 0,3 Prozent bei Minderjährigen. Mückstein fordert ein niederschwelliges vernetztes Angebot für die psychische Gesundheitsförderung der Kinder – von Sozialarbeit bis zur Psychiatrie. Psychotherapien soll grundsätzlich für Kinder und Jugendliche kostenlos sein.

„Skandalös und ethisches Problem“

Im Steigen ist jedenfalls die Verschreibung von Psychopharmaka für 5- bis 19-jährige Kinder und Jugendliche. Von 2006 auf 2007 seien Antidepressiva und „angstlösende Medikamente“ um zweistellige Zuwachsraten gestiegen, so Mückstein: „Das ist skandalös und ein ethisches Problem.“

Die „Liga für Kinder- und Jugendgesundheit“ hofft nun auf Gespräche mit Gesundheitsminister Stöger, der sich trotz der Klagen zurückhält. Bis Redaktionsschluss war er zu keiner weiteren Stellungnahme bereit. „Ich hoffe, dass er auf uns zukommt und dass wir eine gemeinsame Perspektive entwickeln können. Die Gründungsidee der Fachgesellschaften in der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit war es ja, über die Berufsgrenzen hinaus zusammenzuarbeiten und für Kinder und Jugendliche in der Versorgung etwas zu verbessern, als dass jeder für sich bzw. gegeneinander in einem ‚Gesundheitsmarkt‘ kämpft“, sagt Vavrik.

Experten schlagen Alarm: Die gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen liegt im Argen – vor allem im Bereich Prävention und Therapien. Ungehörte Hilferufe?

Ruhig ist es an diesem Nachmittag Anfang Februar im Institut für Erziehungshilfe bei der 14er-Stiege Mitten im Karl-Marx-Hof im 19. Wiener Bezirk. Ruhig im riesigen Hof, ebenso wie in den Räumen des Instituts, das Kinder und Jugendlichen samt ihren Familien psychotherapeutische Hilfe anbietet. Man würde kaum erahnen, welche Betriebsamkeit hier sonst herrscht. Aber zurzeit sind Semesterferien. Kinder mit psychischen Störungen und deren Eltern kommen hierher zur Therapie. Doch nicht selten schließen auch frustrierte Eltern die Tür zur 14er-Stiege und verlassen den Karl-Marx-Hof. Sie müssen woanders Hilfe für ihre Kinder suchen, mit denen sie nicht mehr weiterwissen.

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts für Erziehungshilfe ist es jedes Mal eine enorme Belastung, wenn eine Familie abgewiesen werden muss. Aber die Kapazitäten seien mehr als ausgeschöpft, erklärt die ärztliche Leiterin aller fünf Institute für Erziehungshilfe bzw. „Child Guidance Clinic“, Barbara Burian-Langegger: Es gebe Wartezeiten für das Erstgespräch bis zu zwei Monaten. Auf Therapien würden Familien bis zu eineinhalb Jahre warten, beklagt sie: „Was das für ein Kind bedeutet, brauche ich Ihnen nicht zu sagen! Das ist verlorene Zeit.“ Im Jahr 2008 gab es 1187 Neuanmeldungen, 281 Kinder und Jugendliche sind derzeit in einer Langzeittherapie. „Das ist auch für die Mitarbeiter eine wahnsinnige Belastung: Nicht nur, dass sie mit schwierigen Familien psychotherapeutisch arbeiten, sie müssen sich auch noch damit beschäftigen, wie Familien geholfen werden kann, die Hilfe bräuchten, für die es aber keine Plätze mehr gibt.“

„Verlorene Zeit“

Dabei ist die „Child Guidance Clinic“, die großteils vom Magistrat 11 der Stadt Wien unterstützt wird und kostenlose Therapien anbietet, noch ein wenig besser dran als andere Einrichtungen mit psychosozialem Angebot für Kinder und Jugendliche. Manche von diesen müssten überhaupt einen Aufnahmestopp verhängen, so Burian-Langegger. In ihrer Einrichtung wird versucht, wenigstens jene Familien, die sozial sehr schwach sind und am meisten von Langzeit-Psychotherapie profitieren würden, zu behandeln. Jene, die nur irgendwie am „freien Markt“ eine Psychotherapie bezahlen können, müssten eher weitergewiesen werden. Gespräche mit der Stadt Wien gab es laut Burian-Langegger des Öfteren. Es gibt sogar einen Kontrollamtsbericht, der die Stadt Wien ermahnt, den Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung zu erheben. Verändert habe sich aber noch nichts, so Burian-Langegger. Das Büro des zuständigen Stadtrats Christian Oxonitsch gab bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme ab.

Die Situation der „Child Guidance Clinic“ ist nur ein Beispiel für das, was die „Liga für Kinder- und Jugendgesundheit“ mit ihrem aktuellen 1. Bericht zur Kinder- und Jugendgesundheit aufzeigen will: „Oft wird behauptet, Österreich habe das beste Gesundheitssystem der Welt. Allerdings gilt das nicht für den Bereich Kinder und Jugendliche“, sagt Klaus Vavrik, Präsident der Liga (siehe Interview). Diese ist eine Plattform für Fachgesellschaften und Berufsvertretungen sowie für Anbieter von Gesundheitsleistungen und Selbsthilfeaktivitäten für Kinder und Jugendliche ( www.kinderjugendgesundheit.at).

Besonders alarmierend sei die Situation bei chronischen Erkrankungen und der Versorgung mit Therapien. Viel zu wenig werde in die Prävention von Erkrankungen gesteckt, so Vavrik: Die Gesundheitspolitik habe zu wenig auf die Veränderungen der Gesellschaft reagiert, die dramatische Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche hätten: „Junge Menschen mit Entwicklungsstörungen, mit chronischen oder Lebensstil-Erkrankungen, mit psychosomatischen oder psychosozialen Problemlagen sind derzeit nicht ausreichend versorgt“, kritisiert Vavrik. Lange Wartezeiten, Aufnahmestopps und Kompetenzenwirrwarr seien der Alltag.

Sogar aktuelle internationale Vergleichsstudien der Unicef und OECD stellen Österreich in der Kinder- und Jugendgesundheit ein miserables Zeugnis aus: Beim Ranking der Unicef belegt Österreich den 14. von 21 Plätzen, bei der OECD gar nur den 27. Platz von 30 Staaten. Besonders schlecht schneidet Österreich beim Anteil jener Jugendlichen ab, die rauchen, schon mal betrunken waren sowie bei der Selbstmordrate in der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen.

Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) zeigt sich hingegen wenig beeindruckt von den Forderungen der „Liga für Kinder- und Jugendgesundheit“. „Insgesamt haben wir eine gute Versorgung von Kindern und Jugendlichen“, so sein Kommentar. Nachholbedarf und Verbesserungspotenzial in einzelnen, nicht näher definierten Bereichen räumt er aber ein.

Für Eva Mückstein, Präsidentin des österreichischen Berufsverbandes für Psychotherapie, ist Stögers Reaktion nichts anderes als eine „Vogel-Strauß“-Politik: „Was man nicht sehen will, das sieht man nicht. Dann gibt es noch Beruhigungsslogans“, sagt Mückstein im Gespräch mit der FURCHE. Dabei ist die Situation in der psychischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen „alarmierend“: „15 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden an krankheitswertigen psychischen Störungen. Das sind Störungen, die den Entwicklungsspielraum der Kinder einengen.“ Mückstein verweist darauf, dass der Leistungsdruck der Gesellschaft die Kinder zunehmend belastet: Immer mehr Kinder zeigen Verhaltensauffälligkeiten, Ängste und Depressionen sind im Zunehmen. Auch Burian-Langegger erklärt, dass Angststörungen immer mehr Kinder belasten.

Eva Mückstein: „Der Leistungsanspruch setzt Kinder stark unter psychischen Druck, dazu kommt eine Perspektivenlosigkeit, auch das Gefühl, in einer Gesellschaft allein gelassen zu sein, die immer mehr zur Individualisierung neigt und schon Kindern und Jugendlichen das Gefühl gibt, dass jeder sich selbst der Nächste ist und jeder seines Glückes Schmied.“ Der Bedarf für Psychotherapien liegt laut Mückstein zwischen zwei und fünf Prozent, Österreich hat zurzeit eine Versorgung von 0,3 Prozent bei Minderjährigen. Mückstein fordert ein niederschwelliges vernetztes Angebot für die psychische Gesundheitsförderung der Kinder – von Sozialarbeit bis zur Psychiatrie. Psychotherapien soll grundsätzlich für Kinder und Jugendliche kostenlos sein.

„Skandalös und ethisches Problem“

Im Steigen ist jedenfalls die Verschreibung von Psychopharmaka für 5- bis 19-jährige Kinder und Jugendliche. Von 2006 auf 2007 seien Antidepressiva und „angstlösende Medikamente“ um zweistellige Zuwachsraten gestiegen, so Mückstein: „Das ist skandalös und ein ethisches Problem.“

Die „Liga für Kinder- und Jugendgesundheit“ hofft nun auf Gespräche mit Gesundheitsminister Stöger, der sich trotz der Klagen zurückhält. Bis Redaktionsschluss war er zu keiner weiteren Stellungnahme bereit. „Ich hoffe, dass er auf uns zukommt und dass wir eine gemeinsame Perspektive entwickeln können. Die Gründungsidee der Fachgesellschaften in der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit war es ja, über die Berufsgrenzen hinaus zusammenzuarbeiten und für Kinder und Jugendliche in der Versorgung etwas zu verbessern, als dass jeder für sich bzw. gegeneinander in einem ‚Gesundheitsmarkt‘ kämpft“, sagt Vavrik.