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Schule in Zeiten von Corona

DISKURS
Pieh - © Foto: Walter Skokanitsch

Lehrlinge ohne Perspektive: "Masterplan für die Jugend"

1945 1960 1980 2000 2020

Eine klare Tagesstruktur, eine Perspektive, eine Aufgabe – bei vielen Lehrlingen fiel dies pandemiebedingt weg. Der Psychiater Christoph Pieh sieht darin den Grund für die vielen seelischen Erkrankungen.

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Eine klare Tagesstruktur, eine Perspektive, eine Aufgabe – bei vielen Lehrlingen fiel dies pandemiebedingt weg. Der Psychiater Christoph Pieh sieht darin den Grund für die vielen seelischen Erkrankungen.

Seit Beginn der Pandemie führte Christoph Pieh, Psychiater und Leiter des „Department für Biopsychosoziale Gesundheit“ an der Donau-Uni Krems, laufend Studien zur psychischen Gesundheit von Jugendlichen durch. Innerhalb einer der Forschungsarbeiten legten er und sein Team ein Augenmerk auf die prekäre Situation von Lehrlingen, insbesondere auch auf deren psychische Gesundheit.

DIE FURCHE: Die Probleme von Berufsschülern waren in der öffentlichen Debatte in der Pandemie nicht wirklich präsent, kritisiert die Berufsschülervertretung. Wie verhält es sich mit dieser Causa innerhalb der Wissenschaft?
Christoph Pieh:
Auch wenn ich nicht die komplette Forschungslage überblicke – aus dem Bauchgefühl heraus würde ich sagen: Ja. Über Maturanten oder Studenten findet man viel leichter Studien. Um etwas über Berufsschüler zu finden, muss man sehr lange suchen.

DIE FURCHE: Sie haben 1.442 Lehrlinge nach ihrem psychischen Zustand befragt. Was genau haben sie herausgefunden?
Pieh:
Deren Situation gleicht jener von anderen Jugendlichen. Sie sind in der Pandemie sehr belastet und das schon lange. Rund die Hälfte hat eine depressive Symptomatik und ein gestörtes Essverhalten entwickelt. Mehr als 35 Prozent haben Anzeichen einer Angststörung, rund 27 Prozent Schlafstörungen. Es gibt keine Vergleichsdaten von Lehrlingen im Speziellen, aber es gibt sie reichlich von Jugendlichen aus Vorpandemiezeiten. Damals hatten rund fünf Prozent der Jugendlichen depressive Symptome. Heute sind es zehn Mal so viele.

DIE FURCHE: Wie erklären Sie sich angesichts der Ergebnisse diese Entwicklung?
Pieh:
Die Jugend ist eine sehr dynamische Zeit. Man lernt neue Leute kennen, gestaltet sein Leben neu. Zwei Jahre Pandemie sind da eine lange Zeit. All die Dinge, die Spaß machen und Jugendlichkeit ausmachen, fielen weg – Reisen, Freunde treffen, in Clubs oder Bars gehen. Wir sehen das in unserer Studie klar, vor allem die Tatsache, dass man nicht planen kann, ist ein Stressfaktor. Wer weiterarbeiten konnte, etwa als Bankkaufmann, dem ging es besser. Jenen, die im Homeoffice saßen – egal in welchem Bereich – ging es schlechter. Danach kamen jene in Kurzarbeit. Am meisten belastet sind die, die den Job verloren haben. Das zeigt den starken sozialen Faktor bei psychischen Erkrankungen. Und es zeigt eine Wechselwirkung von Lehre – mit klarer Tagesstruktur, Perspektive, einer Aufgabe – und der psychischen Gesundheit.

DIE FURCHE: Wie ist ihre Prognose für die Zukunft – wenn die Einschränkungen wegfallen. Wird sich die psychische Situation der Lehrlinge rasch verbessern können?
Pieh:
Ich gehe davon aus, dass sich die depressiven Symptome verringern, wenn wieder Normalität einkehrt. Aber es werden immer noch mehr Jugendliche an psychischen Beschwerden leiden als vor der Pandemie. Wer einmal eine Depression hatte, bekommt sie oft nochmal im späteren Leben. Meine Sorge ist, dass Fälle chronisch werden. Wenn wir nicht handeln, spielen wir ein riskantes Spiel.

DIE FURCHE: Welche Maßnahmen braucht es Ihrer Meinung nach?
Pieh:
Es sollte im Jahr 2022 endlich einen Masterplan für die Förderung psychischer Gesundheit von Jugendlichen geben! Es braucht mehr Aufklärung, mehr Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen. Man sollte sie darauf hinweisen, was sie tun oder was sie lassen sollten, damit es ihnen psychisch besser geht. In der Schule kann man das im Unterricht machen. Bei Lehrlingen ist das wohl schwieriger. Oft kann man auch selbst viel machen. Je seltener man etwa das Handy nutzt, je mehr Bewegung man macht, desto weniger Stress und psychische Beschwerden hat man. Bei schweren Symptomen braucht es professionelle Hilfe. Aber es gibt nicht genügend finanzierte Psychotherapieplätze oder Plätze in der Jugendpsychiatrie. Das Gesundheitsministerium hat 13 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, die in psychotherapeutische Kurzzeit-Behandlungen investiert werden sollen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber es braucht mehr.

DIE FURCHE: Was raten Sie Berufsschülern, die nicht schlafen können, sich Sorgen machen, Angst haben?
Pieh:
Darüber reden hilft – egal, ob mit einem Freund, den Eltern oder dem Berufsschullehrer. Dann kann man besser einordnen, wie schlimm es ist. Es ist normal, wenn man einmal nicht schlafen kann. Geht das über Tage oder Wochen, kann sich eine Depression dahinter verstecken.

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