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Digital In Arbeit

Wie ein Schlag aus dem Hinterhalt

1945 1960 1980 2000 2020

Arbeitslosigkeit: Ein Phänomen macht sich - trotz wachsender Wirtschaft - in den Industrieländern breit. Es bedroht nicht nur die wirtschaftliche Basis, sondern auch die zwischenmenschlichen Beziehungen der Betroffenen.

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Arbeitslosigkeit: Ein Phänomen macht sich - trotz wachsender Wirtschaft - in den Industrieländern breit. Es bedroht nicht nur die wirtschaftliche Basis, sondern auch die zwischenmenschlichen Beziehungen der Betroffenen.

Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, erleben das als unmittelbare Form der Gewalt: als Zerstörung ihres Lebensplanes. Arbeitslosigkeit ist für sie die Behinderung der Umsetzung ihrer Vorstellungen von der Gestaltung ihres Alltags. Anders als aber beispielsweise bei einer schicksalhaften Krankheit hat diese Gewalt Ursachen und Hintergründe, die sich benennen lassen. Die Betroffenen reagieren auf den Verlust ihres Arbeitsplatzes oft wie auf einen individuellen Schicksalsschlag, mit dem man fertig werden muß wie mit einer Krankheit.

Unsere Gesellschaft hat anscheinend gelernt, mit diesem stummen Gewaltakt zu leben, so wie sie es mit anderen offenen und lauten Formen von Gewalt *ut. (Zerstörungswut, Vandalismus und anderes.)

Die zuständigen Institutionen (Arbeitsamt, Sozialministerium, gesetzgebende Gremien) scheinen ein schizophrenes Verhältnis zu Arbeitslosen zu haben. Dieses Verhältnis beruht auf der Diskrepanz zwischen dem Prinzip der Arbeitslosenversicherung und der individuellen Einstellung der zuständigen Akteure. Im Prinzip sieht die gesetzliche Begelung so aus, daß Arbeitslosengelder nach dem Versicherungsprinzip bezahlt werden: Tritt ein Schadensfall ein, kann der Versicherte Gelder aus dem Versicherungstopf beziehen. Da in vielen Menschen der Glaube vorhanden ist, Arbeitslose wollen gar nicht arbeiten, sie würden lieber faulenzen und dafür Geld aus dem Versicherungsfonds kassieren, wird die Vergabe der Arbeitslosenzahlungen nach einem Almosensystem abgehandelt. Der Arbeitslose muß sich einer mühseligen und oft erniedrigenden Anmeldungsprozedur unterziehen. Seine Anwartschaft wird von einem Beamten der Arbeitsmarktverwaltung auf das genaueste überprüft, ähnlich einem „advocatus diaboli” bei der Überprüfung einer Heiligsprechung. Dabei wird dem Arbeitslosen erstmals indirekt angedeutet, daß er ein Geld erhält, das ihm eigentlich gar nicht zusteht.

Damit er das System nicht mißbräuchlich ausnützt, gibt es verschiedene Mechanismen wie Sperrfristen oder Auslaufen der Zahlungen, wonach neu angesucht werden muß. Innerhalb dieses Rahmens entwickeln die zuständigen Personen jeweils spezifische Verhaltensmuster, die sie auf ihre Klientel anwenden. „Gute” und „schlechte” Arbeitslose müssen unterschieden werden können.

Vor allem in Großbritannien war es seit Mitte der siebziger Jahre zu einer verstärkten Kontrolle der Arbeitslosen gekommen, da viele unrechtmäßige Bezüge von Arbeitslosengeldern vermutet wurden. Die Anzahl der Spezialprüfer beim DHSS (Department of Health and Social Secu-rity) erhöhte sich von 22 im Jahr 1955 auf 428 im Jahre 1978. Aufgrund dieser Verschärfungen wurden 1975 388.000 Personen von einem Leistungsbezug ausgeschlossen, weil sie ohne geeigneten Grund freiwillig ihre Arbeit aufgegeben hatten. 5.000, weil sie eine Arbeit unbegründet abgelehnt hatten, und 10.000, weil sie für eine Beschäftigung nicht erreichbar waren. Zwischen 1968 und 1974 wurde 300.000 Antragstellern in Großbritannien keine Leistung aus der Arbeitslosenversicherung gewährt, weil sie angeblich arbeitsscheu seien. Es besteht aber Grund zur Annahme, daß viele Zahlungen zu Unrecht entzogen wurden.

Das scheint auch in Österreich der Fall zu sein, da 1991 immerhin ein Drittel aller Berufungen gegen eine Sperre des Arbeitslosengeldes für die betroffenen Arbeitslosen erfolgreich endete.

Es wurde auch in Österreich in den letzten Jahren die Diskussion um die sogenannten „Arbeitsunwilligen” verschärft, weshalb der Sozialminister bei den Arbeitsämtern diesen Personenkreis erheben ließ. Als Resultat wurde eine Rate von drei bis fünf Prozent Arbeitsunwilliger genannt, es war allerdings nicht zu eruieren, wie diese Zahl ermittelt worden war.

Zur Ehrenrettung der Reamten der Arbeitsmarktverwaltung muß jedoch gesagt werden, daß es viele positive Beispiele gibt, nach denen Arbeitslose eine sehr korrekte Behandlung am Arbeitsamt erfahren haben. Die Hauptschuld an der Misere liegt wohl am System allgemein und an der Tatsache, daß auch die Beamten unter gehörigem Druck stehen.

Wie erleben Arbeitslose ihr Arbeitslosendasein?

Ein betroffener Teilnehmer in einer Gruppendiskussion: „Es wird immer behauptet, Arbeitslose sind ja nur faul”, oder: „Wir wollen ja angeblich gar nicht arbeiten” et cetera. Das Wissen über diese gängigen Vorurteile führt bei den Betroffenen manchmal zu Verhaltensmustern, die sehr spezifisch sind. So weiß man, daß es Arbeitslose gibt, die ihre Arbeitslosigkeit aus Scham verbergen, indem sie in der Früh das Haus verlassen und erst abends wiederkehren. Arbeitslose sprechen auch nicht gern und vor allem nicht mit jedem über ihre Arbeitslosigkeit. Das hängt vor allem mit der Angst vor den möglichen Folgen des Bekanntwerdens zusammen. Arbeitslose müssen oft mit direkten

oder indirekten Vorwürfen oder Angriffen rechnen, die von Nachbarn, Bekannten, Freunden und auch Verwandten vorgebracht werden.

Eine österreichische Studie belegt die Verringerung von Sozialkontakten während der Arbeitslosigkeit. Eine amerikanische Studie verweist ebenfalls auf einen Bückzug arbeitsloser Männer des mittleren Managements hin. Sie bleiben lieber zu Hause, ziehen sich zurück und füllen ihre Zeit mit einsamen Beschäftigungen. Gleichzeitig beklagen sie sich aber darüber, keine Freunde zu haben. Die Verkleinerung des Freundes- und Bekanntenkreises nimmt mit der Dauer der Arbeitslosigkeit noch zu.

• Bei intakten Beziehungen rücken die Partner in Krisenzeiten enger zusammen, - das bestätigt auch eine Untersuchung der Soziologen Bainer Münz und Monika Pelz Ende der achtziger Jahre. „Die Familie dient in Extremsituationen als Auffangnetz, sowohl in wirtschaftlicher als auch in menschlicher Hinsicht. „Klingt einfach, ist es aber selten. Denn bei den meisten Beziehungen etablieren sich über Jahre Machtverhältnisse und Rollenstrukturen. Wer schon vor der „Extremsituation Arbeitslosigkeit” mit der Rollenverteilung unzufrieden war, wird in der schwierigen Zeit noch mehr darunter leiden. Grenzenloses Vertrauen in den Partner ist der Grundpfeiler für innere Sicherheit und Zufriedenheit.

Ganz anders sieht das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern aus, wenn ein Jugendlicher keine Arbeit findet. So stellten Münz und Pelz fest, daß Kinder oft nur unter massivem Druck die nötige Unterstützung bekommen. Speziell wenn die Eltern ein Leben lang Arbeit hatten, zeigen sie keinerlei Verständnis für die Krisen-Situation ihres Kindes. Sie setzen sich selbst und ihre Kinder unter starken Druck, ängstigen sich wegen der Eigenständigkeit der Kinder und übertragen diese Spannungen auch auf die Betroffenen. „Eltern empfinden arbeitslose Kinder als Bedrohung ihrer elterlichen Identität” fassen Münz und Pelz in ihrem Bericht zusammen.

Es sind besonders Menschen mittleren Alters, die der Jobverlust wie ein grausamer Schlag aus dem Hinterhalt trifft und die diese Betroffenheit als existentielle Angst erleben. Leider sind diese Ängste nicht unbegründet, weil in den meisten Fällen den finanziellen Verbindlichkeiten nicht mehr nachgekommen werden kann, oft gibt es laufende Kredite, deren Bezahlung zu einer echten Bedrohung ausartet. Bestimmend für die psychische Verfassung der Betroffenen ist letztlich immer die Dauer der Arbeitslosigkeit und die Auswirkungen auf die Lebensumstände.

Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit und Krankheit haben in der Forschung noch zu keinen signifikanten Ergebnissen geführt, vielleicht deshalb, weil in der Betreuung von Arbeitslosen die Rückführung in die Erwerbstätigkeit an erster Stelle steht. Es geht jedoch sowohl aus österreichischen als auch aus deutschen Untersuchungen deutlich hervor, daß dauerhafte psychische Gesundheit durch eine zufriedenstellende Arbeitssituation am ehesten gewährleistet ist.

Arbeitnehmer, die am Arbeitsplatz unter Streß standen, erleben nach dem Verlust der Arbeit vorerst eine Art Erholungsphase. Wird die Arbeitssuche zu einem hoffnungslosen Unternehmen, wendet sich das Blatt. In Umfragen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales beklagen langfristig Arbeitslose hauptsächlich Depressionen, Apathie, Unruhe und Nervosität. Speziell Frauen geraten ohne berufliche Betätigung zunehmend in Isolation. Sie sind es auch, die bald unter Schlaflosigkeit leiden und rasch zu Medikamenten greifen.

Gerade in der Zeit der Arbeitslosigkeit sollte ein Netzwerk neuer und sinnvoller Kontakte aufgebaut werden. Man sollte persönlich und auch bei der Arbeitsplatzsuche beweglich bleiben. Je mehr Stunden pro Woche für die Arbeitsplatzsuche investiert werden, desto eher ist die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs. Krisenfeste familiäre Beziehungen sind in solchen Zeiten eigentlich unentbehrlich.

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