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Scham

Auf Dich haben wir gerade noch gewartet - © Bild: Karin Birner
Gesellschaft

Gesichtsverlust: Über soziale Scham

1945 1960 1980 2000 2020

Soziale Scham ist kein harmloses Gefühl. Beschämung ist eine soziale Waffe, die häufig gegen arme Menschen gerichtet wird. Das ist eine Bedrohung mit gravierenden Folgen.

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Soziale Scham ist kein harmloses Gefühl. Beschämung ist eine soziale Waffe, die häufig gegen arme Menschen gerichtet wird. Das ist eine Bedrohung mit gravierenden Folgen.

„Es ist einfach demütigend. Am Magis­trat hat eine Sachbearbeiterin zu mir gesagt: ‚Warum suchen Sie sich keinen Mann, der Sie erhält?‘“ Das erzählt Chris­tine, die von vielen Berg- und Talfahrten in ihrem Leben berichten kann. Jeder Dritte holt die Mindestsicherung nicht ab. Einer der Gründe: sozia­le Scham. Eine Bedrohung, die leicht in der Luft, aber schwer auf Körper und Geist liegt.

Soziale Scham ist nicht bloß ein harmloses persönliches Gefühl. Beschämung ist eine soziale Waffe. Der jeweils Mächtigeren. Andere bestimmen, wie ich mich zu sehen habe. Das ist ein massiver Eingriff in die Integrität einer Person. Betroffene fürchten, ihr Gesicht zu verlieren und wissen ihr Ansehen bedroht. Man möchte im Erdboden versinken. Unsichtbar sein. Scham ist die große Begleiterin von Armut und mit der Frage des Blickes direkt verbunden. Adam Smith hat das bereits 1776 in seinem Klassiker „Der Reichtum der Nationen“ festgehalten: Arm ist, „wer ohne Scham nicht in der Öffentlichkeit erscheinen kann“. Es geht um die Freiheit, über die eigene Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit verfügen zu können. Beschämung ist eine Frage des Blickes und des Ansehens. Person bedeutet altgriechisch „Angesicht“. Für den Philosophen Philip Pettit ist „gerechte Freiheit“ anderen auf Augenhöhe zu begegnen. Er schlägt hier den „Blickwechsel-Test“ vor: sich ohne Grund zur Angst oder Ergebenheit in die Augen schauen­ zu können.

Lehren aus einem Feldversuch

Scham kann bei sozial Benachteiligten auch eine brüchige Form des Selbstschutzes sein. Menschen am finanziellen Rand versuchen, solange es ihnen möglich ist, die Normalität nach außen aufrecht zu erhalten. Die Kinder sollen mit den anderen mitkönnen, die Nachbarn brauchen sich nicht den Mund zu zerreißen. Es ist eine Form der Selbstachtung, das Gesicht vor den Anderen nicht zu verlieren. Wenn die Scham weg ist, bricht der Mensch. Bei Wohnungslosen ist es ein großer Schritt, wenn sie sich wieder pflegen, duschen und auf ihr Äußeres schauen können.

„Es ist einfach demütigend. Am Magis­trat hat eine Sachbearbeiterin zu mir gesagt: ‚Warum suchen Sie sich keinen Mann, der Sie erhält?‘“ Das erzählt Chris­tine, die von vielen Berg- und Talfahrten in ihrem Leben berichten kann. Jeder Dritte holt die Mindestsicherung nicht ab. Einer der Gründe: sozia­le Scham. Eine Bedrohung, die leicht in der Luft, aber schwer auf Körper und Geist liegt.

Soziale Scham ist nicht bloß ein harmloses persönliches Gefühl. Beschämung ist eine soziale Waffe. Der jeweils Mächtigeren. Andere bestimmen, wie ich mich zu sehen habe. Das ist ein massiver Eingriff in die Integrität einer Person. Betroffene fürchten, ihr Gesicht zu verlieren und wissen ihr Ansehen bedroht. Man möchte im Erdboden versinken. Unsichtbar sein. Scham ist die große Begleiterin von Armut und mit der Frage des Blickes direkt verbunden. Adam Smith hat das bereits 1776 in seinem Klassiker „Der Reichtum der Nationen“ festgehalten: Arm ist, „wer ohne Scham nicht in der Öffentlichkeit erscheinen kann“. Es geht um die Freiheit, über die eigene Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit verfügen zu können. Beschämung ist eine Frage des Blickes und des Ansehens. Person bedeutet altgriechisch „Angesicht“. Für den Philosophen Philip Pettit ist „gerechte Freiheit“ anderen auf Augenhöhe zu begegnen. Er schlägt hier den „Blickwechsel-Test“ vor: sich ohne Grund zur Angst oder Ergebenheit in die Augen schauen­ zu können.

Lehren aus einem Feldversuch

Scham kann bei sozial Benachteiligten auch eine brüchige Form des Selbstschutzes sein. Menschen am finanziellen Rand versuchen, solange es ihnen möglich ist, die Normalität nach außen aufrecht zu erhalten. Die Kinder sollen mit den anderen mitkönnen, die Nachbarn brauchen sich nicht den Mund zu zerreißen. Es ist eine Form der Selbstachtung, das Gesicht vor den Anderen nicht zu verlieren. Wenn die Scham weg ist, bricht der Mensch. Bei Wohnungslosen ist es ein großer Schritt, wenn sie sich wieder pflegen, duschen und auf ihr Äußeres schauen können.

Jeder Dritte holt die Mindestsicherung nicht ab. Einer der Gründe: soziale Scham, die schwer auf Körper und Geist lastet.

Beschämung hält Menschen klein. Sie rechtfertigt die Bloßstellung und Demütigung als von den Beschämten selbst verschuldet. Das ist das Tückische daran. „Soziale Scham fordert zu ihrer eigenen Moralisierung auf, um eine Erklärung für den Sinn der Verletzung zu ergründen, die man zuvor erfahren hat“, so der Soziologe Sighard Neckel. Damit der Akt der Beschämung seinen Zweck erreicht, muss für den beschämenden Mangel die Verantwortlichkeit auf die beschämte Person selbst übertragen werden. „Meine Scham ist ein Geständnis“ formulierte Jean-Paul Sartre. Er beschrieb, dass Beschämung darauf beruhe, den Anderen zum Objekt der eigenen Freiheit zu machen, der damit im gleichen Maße Freiheit und Autonomie verliert.

„Es ist auch die ganze existenzielle Bedrohung, nie wissen, was entscheidet die Regierung, mich nicht mehr wehren können, weil ich nicht gesund werde, ich bin da komplett angewiesen“, erzählt Christine angesichts von Sozialkürzungen im untersten Netz. Wäre die Inanspruchnahme der Mindestsicherung „vollständig“, würde die Armutsgefährdung in Österreich um fast ein Prozent sinken, das hieße 60.000 Menschen weniger in Armut. Die Studie des Europäischen Zentrums für Sozialforschung zeigt auch, was die Inanspruchnahme erhöht: Rechtssicherheit, Verfahrensqualität, Anonymität, bürgerfreundlicher Vollzug, Verständlichkeit, Information und De-Stigmatisierung der Leistung. Die Einführung der Mindestsicherung hat genau dies­ bewirkt. So haben 2009 51 Prozent der berechtigten Haushalte die Sozialhilfe nicht in Anspruch genommen. Mit Einführung der Mindestsicherung sank dieser Wert bis 2015 auf 30 Prozent.

Auf einem Dorfplatz am späten Nachmittag. Eine Kinderschar sitzt am Boden über Papier gebeugt, rechnet, zeichnet und schreibt. Zwei Frauen haben den Kindern, die aus unterschiedlichen indischen Kasten kommen, Aufgaben vorgelegt. Das Kastensys­tem ist trotz gesetzlicher Verbote noch immer kulturell stark wirksam. Später werden die beiden Weltbank-Ökonominnen Karla Hoff und Priyanka Pandey die Ergebnisse dieses ungewöhnlichen Feldversuches veröffentlichen. In einem ersten Durchgang schnitten die Kinder aus den niederen Kasten leicht besser ab als die aus den höheren. Niemand wusste, wer welcher Kas­te angehört. Dann wiederholte man das Experiment. Zuerst mussten die Kinder vortreten, sich auch mit Kastenzugehörigkeit vorstellen, dann durften sie die Aufgaben lösen. Das Ergebnis: Die Leistungen der Kinder aus den unteren Kasten waren deutlich schlechter. Dieser Effekt wurde in den USA und in Europa bestätigt.

Die drei „Lebensmittel“

Wenn man eine Gruppe verletzlich macht mit dem Blick der Verachtung, dann bleibt das nicht ohne Wirkung. Wer damit rechnet, als unterlegen zu gelten, bringt schlechtere Leistungen. „Bedrohung durch Beschämung“ wird dieser Effekt genannt. Umgedreht heißt das, dass die besten Entwicklungsvoraussetzungen in einem anerkennenden Umfeld zu finden sind – dort, wo wir an unseren Erfolg glauben dürfen. Zukunft gibt es, wo wir an unsere Fähigkeiten glauben dürfen. Weil andere an uns glauben. Umgekehrt sind Statusangst und mangelnde Achtung auch Lern- und Leistungshemmer.

Lebensmittel sind etwas zum Essen. Es gibt aber auch Lebensmittel, die wir nicht essen können und trotzdem zum Leben brauchen. Besonders Menschen, die es schwer haben, sind darauf angewiesen. Die Resilienzforschung, die sich damit beschäftigt, was Menschen „widerstandsfähig“ macht, gerade in schwierigen und belastenden Situationen, hat eine Reihe von solch stärkenden Faktoren gefunden. Es sind vor allem drei „Lebens-Mittel“, die stärken: Erstens die Freundschaft. Soziale Netze, tragfähige Beziehungen stärken. Das Gegenteil schwächt: Einsamkeit und Isolation. Das zweite Lebensmittel ist Selbstwirksamkeit. Das meint, dass ich das Steuerrad für mein Leben in Händen halte. Das Gegenteil ist Ohnmacht; sie schwächt. Wenn man von Prekarisierung spricht, dann heißt „prekär“ wörtlich nicht nur „unsicher“, sondern lateinisch eigentlich „auf Widerruf gewährt“, „auf Bitten erlangt“. Da steckt der geringe Umfang an Kontrolle und Handlungsspielräumen bereits im Begriff.

Das dritte Lebensmittel ist Anerkennung. Achtung und Respekt stärken. Das Gegenteil ist Beschämung, sie wirkt wie Gift. Sie strengen sich voll an, und kriegen nichts heraus. Der belastende Alltag am finanziellen Limit bringt keine „Belohnungen“ wie besseres Einkommen, Unterstützung oder sozialen Aufstieg. Eher im Gegenteil, der aktuelle Status droht stets verlustig zu gehen. Dieser schlechte Stress wirkt besonders dort, wo man nichts verdient und nichts zu reden hat. Dauern diese Ohnmachtserfahrungen an, lernen wir Hilflosigkeit: Lass mich erleben, dass ich nichts bewirken kann. Wer feststellt, dass er trotz aller Anstrengungen nichts erreichen kann, wird früher oder später resignieren und aufgeben.

Der Giftcocktail besteht aus drei Zutaten: hohe Anforderung, niedrige Kontrolle und niedrige Anerkennung. Das ist wie Vollgas bei angezogener Handbremse: Zentral ist immer die Verletzung sozialer Gegenseitigkeit. Diese „Lebensmittel“ sind nicht nur individuell zu deuten, sondern auch Anfragen an unsere Institutionen: Schule, Sozialamt, AMS, Gesundheitseinrichtung etc. Sind dort die stärkenden Lebensmittel erfahrbar – oder werden Menschen an diesen Orten weiter geschwächt?

Demütigung geht unter die Haut, Beschämung schneidet ins Herz: Je öfter, je länger und je stärker die Verachtung, desto schädlicher für die Gesundheit.

Ökonomische Benachteiligung führt zu erhöhtem emotionalen Stressaufkommen. Abwertung kränkt die Seele und den Körper. Demütigung geht unter die Haut: Die stärksten Wirkungen äußern sich in erhöhtem Stress und höheren Raten psychischer Erkrankungen. Beschämung schneidet ins Herz. Je öfter, je länger und je stärker die Verachtung, desto schädlicher für die Gesundheit. Die Bedrohung des Ansehens ist eine starke negative Stressquelle. Dauert der schlechte Stress an, verändert sich der Kortisol- und Adrenalin-Spiegel. Der entgleis­te Hormonhaushalt schwächt das Immunsystem, erhöht Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen. Gefühle wie Ohnmacht, Scham oder Hilflosigkeit haben unmittelbare körperliche Folgen. Andauernder schlechter Stress geht unter die Haut.

Anerkennung müsste eigentlich unbegrenzt vorhanden sein. Doch wie Geld wird sie zu einem knappen Gut, das sich nach sozialem Status und sozialer Hierarchie in einer Gesellschaft verteilt. Der Blickwinkel entscheidet. Wer bleibt unsichtbar, wer bekommt die Deutungsmacht? Der Demokratieforscher Pierre Rosanvallon argumentiert, dass „nicht wahrgenommen“ werden „ausgeschlossen sein“ bedeutet. Deshalb sei heute die Sehnsucht nach einer gerechten Gesellschaft verbunden mit dem Wunsch nach Anerkennung. Und genau hier müsse eine Erneuerung der Demokratie ansetzen: Bei jenen, die nicht repräsentiert werden, die nicht sichtbar sind.

„Parlament der Unsichtbaren“

In Paris gründete Rosanvallon ein „Parlament der Unsichtbaren“, das dazu dient, all die Geschichten und Lebensbiographien von Menschen zu erzählen, die sonst im Dunkeln geblieben wären: von Jugendlichen, die es schwer haben, von Arbeiterinnen im Niedriglohnsektor, vom alten Mann am Land. Die Unsichtbarkeit weist auf zwei Phänomene: das Vergessen, die Zurückweisung und die Vernachlässigung, aber auch die Unlesbarkeit der Verhältnisse. Für viele ist es schwierig geworden, die Gesellschaft noch zu lesen und sich selbst mittendrin. Das Projekt will dem Bedürfnis nach Erzählung der „gewöhnlichen“ Lebensgeschichten nachgehen. „Es untergräbt die Demokratie, wenn die vielen leisen Stimmen ungehört bleiben, die ganz gewöhnlichen Existenzen vernachlässigt und die scheinbar banalen Lebensläufe missachtet werden“, so Rosanvallon. Wenn Ausgeschlossene die eigene Lebenswelt sichtbar machen, schaffen sie einen Ort, von dem aus sie sprechen können. Der Vorhang öffnet sich
zu einer Bühne, auf der die eigene Geschichte eine eigene Deutung – und zugleich Bedeutung – erfährt.

„Jedes Verteilungssystem, das Personen voraussetzt, die als arm definiert sind, tendiert dazu, Einfluss auf die Selbstachtung und Fremdeinschätzung der abhängigen Person zu nehmen“, konstatiert Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen. Wenn ein Gnaden- und Almosenblick beherrschend ist, verwandelt es Bürger mit sozialen Rechten in bittstellende Untertanen. Christine sagt es so: „Dass ich jetzt nicht mehr wo hingehen muss für eine Beihilfe, eine Unterstützung; nicht mehr betteln oder ansuchen zu müssen, das ist sehr viel wert. Das stärkt das Selbstwertgefühl unheimlich.“

Der Autor ist Psychologe und Sozialexperte der Diakonie Österreich.