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Kain, wo ist dein Bruder?

Es war vor mehr als zehn Jahren, als ich, zusammen mit anderen jungen Leuten, in der Redaktion einer Wiener Zeitung auf die einlaufenden Polizeiberichte, das heißt auf einen „interessanten Fall“ wartete. Unsere Hoffnungen wurden enttäuscht; ein Papierstreifen nach dem anderen wanderte in den Papierkorb. Einmal knurrte der Lokalredakteur: „Selbstmord mit Leuchtgas, verdammt, haben die heute nichts Gescheiteres? Kein Hund interessiert sich für so was heutzutage.“ Kein Hund Schon damals erfaßte ich halb unbewußt, daß dieser Ausspruch eigentlich uns allen ein Armuts-

Zeugnis ausstellte. Wenn nicht einmal der Freitod eines Menschen die anderen erschüttern kann, um wieviel weniger kümmern sie sich dann erst um. den noch lebenden, -Mitmenschen niit seinem Leid und seinen Sorgen? kh mußte zwar Wenig später-feststellen, daß dieses gänzliche Verschweigen eines Selbstmordes in der Presse fast immer noch besser und „menschlicher“ wäre als die bewußt sensationelle Aufmachung gewisser Blätter, die selbst mit dem Tod eines Mitmenschen noch Geschäfte machen wollen.

Dennoch — es müßte noch einen anderen Weg geben

Statistiker und Mensch

Dieser Gedanke leitete auch Doktor Hans Fuchs, den Präsidenten des Österreichischen Statistischen Zentralamtes, als er daranging, dem psychohygienischen Jahr Tribut zu zollen und die „Selbstmordhandlun- g e n" in Wien zum Gegenstand seiner Untersuchungen zu machen; wohlgemerkt, nicht als Statistiker allein, sondern vor allem als Mensch mit Herz und Verstand, der sich nicht mit den bloßen traurigen Tatsachen zufrieden gibt, sondern nach den Ursachen forscht und nach einem Weg, um ein bestehendes Übel wenn auch nicht gänzlich ausmerzen, so wenigstens möglichst wirksam eindämmen und prophylaktisch bekämpfen zu können.

Österreich nimmt den traurigen Ruhm für sich in Anspruch, während der letzten Jahre im europäischen Raum die höchste

Selbstmordfrequenz verzeichnet zu haben. Im Jahre 1957 betrug in Österreich die Selbstmordrate 24,7 auf 100.000 der Bevölkerung, womit Japan, das klassische Land der Selbstmorde, noch um 0,7 übertroffen wurde. Wahrlich ein sehr makabrer Rekord, der besonders alle jene überraschen dürfte, die im Österreicher den Repräsentanten der Lebensfreude und des Lebensgenusses schlechthin zu sehen gewohnt sind.

Die Tatsache, daß von 1950 bis 1959 allein 34 Prozent aller Selbstmordfälle in der Bundeshauptstadt Wien gezählt wurden, gab die Veranlassung dazu, im Rahmen der Beiträge zum Psychohygienischen Jahr die soziologische Erscheinung der Suicid- handlungen (Selbstmorde und Selbstmordversuche) vor allem im Wiener Großstadtraum unter die Lupe zu nehmen und strukturell zu durchleuchten.

Die Erfassung der Selbstmorde gehört zu den ältesten amtlichen Statistiken. So liegen uns zum Beispiel schon aus dem Jahre 1829 Berichte vor, aus denen ersichtlich ist, daß damals 43 Wiener ihrem Leben freiwillig ein Ende setzten. 1959 waren es mehr als zwölfmal soviel: 536. Das bedeutet eine Selbstmordrate von 21,8 (bezogen auf 1000 Sterbefälle) und von 32,4 (bezogen auf 100.000 der Bevölkerung). Es mag nur als schwacher Trost gelten, daß die durch die politischen Ereignisse der Jahre 1931 bis 1935 und 1936 bis 1940 hervorgerufenen Selbstmordrekorde bisher nicht wieder erreicht wurden.

Was sind nun die Motive?

Es sei vorweggenommen, daß die derzeitige Gruppierung der Motive bei den soziologisch interessanten Fällen, wie sie die amtliche Statistik erfaßt, weder die Wissenschaft noch die Praxis befriedigen kann. Denn man fragt sich mit Recht, was Ausdrücke, wie etwa „Kränkung“ oder „Familienzwist“, eigentlich zu bedeuten haben, wenn über die Ursache einer Kränkung beispielsweise nichts Näheres ausgesagt wird. Deshalb konnte lediglich festgestellt werden, daß bei jeder Selbstmordhandlung ein Primär- und ein Finalmotiv vorliegt, wobei des öfteren diese beiden Motive identisch sein können oder der letzte Anstoß zum Selbstmord der ersten seelischen Infektion zumindest sehr ähnlich sein kann. Eine besondere Erschwernis in der Erforschung der Motive liegt wohl auch darin, daß bei Fehlen von Abschiedsbriefen nur noch auf die Aussagen der Verwandten, Bekannten oder Nachbarn zurückgegriffen werden kann, die nicht immer sehr zuverlässig sind, und daß selbst bei schriftlichen Aufzeichnungen fast alle Selbstmörder unbewußt meist nicht das primäre, sondern das letzte, auslösende Motiv für ihre Tat angeben.

Modisch und altmodisch

Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, sieht man daran, daß gegenwärtig ganz andere Motive den Menschen in den Tod treiben als vor hundert Jahren. Stand damals noch, besonders bei den männlichen Selbstmördern, das Motiv „Not" an erster Stelle, so hat dies heute sehr an Bedeutung verloren. Jetzt sind es die Krankheiten, und zwar nicht nur tatsächliche, sondern sehr oft auch die Furcht vor möglicherweise ausbrechen den Krankheiten, denen Männer und Frauen durch eine vorzeitige Flucht in den Tod entrinnen wollen. „F a- m i 1 i e n z w i s t“ ist heute nahezu dreimal so oft das Motiv zum Selbstmord als vor der Jahrhundertwende. Hingegen wird „unglückliche Liebe“ gegenwärtig nicht mehr so tragisch genommen wie inr vergangenen Jahrhundert, wo mehr als doppelt so viele Männer und mehr als viermal soviel Frauen aus diesem Grund das Leben nicht mehr lebenswert fanden als heute. Dieser Rückgang deutet auf die stark geänderte Einstellung der Geschlechter zueinander hin.

So tragisch die erfaßten Motive an sich sind, so ist wohl am erschütterndsten die Tatsache, daß rund 40 Prozent der zwischen 1950 und 1959 in Wien begangenen Selbstmorde nicht aufgeklärt werden konnten, das Motiv blieb unerforscht und die Toten nahmen ihr Geheimnis mit ins Grab, wie es wahrscheinlich auch ihre Absicht war. Rein gefühlsmäßig muß man gerade hier annehmen, daß diese Menschen die ärmsten, einsamsten und verlassensten gewesen sein und sich auch bestimmt so gefühlt haben müssen. Sie zogen es vor, sich still aus dem Kreis ihrer Mitmenschen auszuschließen, aus dem ihnen zu Lebzeiten keine Hilfe mehr zuteil wurde. Irgendwie müssen wir uns alle an diesem sinnlosen Sterben mitschuldig fühlen, weil wir am Nächsten vorbeileben, ohne uns über ihn Gedanken zu machen. Nur selten begeht ein Mensch plötzlich Selbstmord, das scheint im nachhinein nur für seine unaufmerksame Umgebung so; meist ist es ein weiter und qualvoller Weg bis zu diesem Entschluß. Sollte wirklich niemandem auffallen, wenn ein Mitmensch bedrückt, sorgenvoll, gequält ist? Wie oft hätte vielleicht eine einzige, unaufdringliche, teilnahmsvolle Frage den Anstoß dazu geben können, daß der Andere Vertrauen gefaßt, sich in einer Aussprache erleichtert hätte? Und wie oft wäre noch genügend Zeit gewesen, einen Arzt, einen Psychiater zu Rate zu ziehen? Aber wer nimmt sich heute dafür schon Zeit? Nachher, wenn es dann geschehen ist, stehen Verwandte, Freunde und Bekannte fassungslos am Grab und fragen sich, wie das geschehen konnte, und nicht selten hört man dann den fast anklagenden Ausruf: „Ja — er hat doch schließlich uns gehabtl Warum hat er nie etwas gesagt? Wir haben nichts Auffälliges an ihm bemerkt!“ Dabei gehören diese Versäumnisse noch nicht zu den allerschwersten, denn sie entsprangen der Gedankenlosigkeit, der Gedankenträgheit, der zu großen Ichbezogenheit des heutigen Menschen, und keiner bösen Absicht. Hinterher, wenn es zu spät ist, sehen es die meisten dann auch oft von selbst ein. Weit bedenklicher sind aber jene Fälle, bei denen die Ankündigung eines Selbstmordes einfach überhört oder nicht wichtig genommen wurde und man sich darüber hinwegsetzte, „weil es keiner tut, der darüber redet“ — ein, wie sich besonders während der letzten Jahre herausstellte, lebensgefährlicher Irrtum. So konnte es geschehen, daß trotz dreimaliger Ankündigung eines Selbstmordes niemand aus der Umgebung des Selbstmordkandidaten sich besorgt oder beunruhigt fühlte, bis es dann eines Tages wirklich so weit War. Vielleicht liegt gerade in solchen Ankündigungen die Absicht, in der Umgebung Verständnis und Hilfe zu finden, ein letzter Versuch, Kontakt aufzunehmen, die eigene Einsamkeit zu sprengen, von den anderen ernst genommen zu werden? Jedenfalls sind schon zu viele derartige Hilferufe un- gehört verhallt, zu viele Leben an der Teilnahmslosigkeit der Mitmenschen zerbrochen.

Wohlfahrt macht weich

Ungeachtet der einzelnen Motive an sich wird betont, daß das Hauptübel in einem Mangel an innerer Ausgeglichenheit und einer gewissen inneren Kampfbereitschaft, es mit den Schwierigkeiten des Lebens aufzunehmen, liege, und man nimmt an, daß, wie dies gegenwärtig für alle Wohlfahrtsstaaten Geltung hat, dem Menschen auf manchen Gebieten durch eine übersteigerte Daseinsfürsorge des öfteren zu viele Entscheidungen abgenommen werden; die Menschen sind dann meist an Lebenskrisen und daran, aus eigener Kraft und eigenem Willen mit unvermutet auftauchenden Problemen fertigzuwerden, nicht mehr gewöhnt. In Fachkreisen der Psychiatrie ist man daher auch der Ansicht, daß man dem Menschen ein gewisses Maß an eigenen Entscheidungen belassen müsse und nicht restlos alles durch eine überdimensionale Fürsorge abnehmen dürfe. Dazu kommt noch eine immer häufiger auftretende und oft unbegründete Daseinsangst, wie auch das Zunehmen der verschiedensten Arten von Nervenleiden beweist.

Zu sehr aufschlußreichen Ergebnissen führte der hier erstmals vorgenommene Versuch einer Lokalisation der innerhalb der letzten fünf Jahre in Wien verübten Selbstmordhandlungen (Selbstmorde und Selbstmordversuche): als besonders für Selbstmordhandlungen „anfällig“ erwiesen sich die Bezirke 2, 3, 10 und 16; sie zeigten die höchsten Selbstmordzahlen. Sehr geringe Selbstmordfrequenz wurde im

13. und 1. Bezirk festgestellt, und die wenigsten Selbstmorde kommen im 23. und 24. Bezirk vor. Bei diesen Untersuchungen tauchte gleich zu Beginn der Verdacht auf, daß gewisse Wiener Häuserblöcke geradezu als ..Infektionsherde“ bezeichnet werden können, und man fand auch bald heraus, daß, ungeachtet der ansonsten in diesem Bezirk mehr oder minder häufigen Selbstmordhandlungen, in vielen Bezirken räumlich bestimmte typische Massierungen auftauchten. Insgesamt wurden in ganz Wien acht solche Blöcke erfaßt. Zwei davon liegen im 20. Bezirk, je einer im 2., 3., 11., 16., 17. und 18. Wiener Gemeindebezirk. Jedoch wäre es durchaus verfehlt, anzunehmen, daß alle diese Häuserblöcke Elendsquartieren gleichzusetzen wären. Für einige trifft das wohl zu, für andere ist aber gerade das Gegenteil der Fall. Der äußere Eindruck der Häuser ist ganz verschieden und reicht vom tatsächlichen Elendsquartier bis zu recht bürgerlichen Unterkünften. Überdies wurde, im Gegensatz zu ähnlichen Forschungen im Ausland, für den Wiener Bereich eindeutig festgestellt, daß besondere Massierungen von Selbstmord handlungen nicht nur auf Großwohngebiete innerhalb des Stadtgebietes beschränkt bleiben, sondern ebenso in Siedlungsgebieten des Wiener Großstadtraumes auftreten, die den typischen Charakter von Wohnhauskleinbauten des vorigen Jahrhunderts tragen. Womit betont wird, daß es also vorwiegend auf die Struktur der in den verschiedenen Objekten wohnenden Bevölkerung ankommt.

(Ein zweiter Aufsatz folgt)

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