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Wenn der Job krank macht

Jeder zweite Berufstätige empfindet seine Arbeit zumindest teilweise als psychische Belastung. In vielen Fällen geht die Belastung über gewöhnlichen Stress hinaus.

Fast jeder kennt das Gefühl: Die Arbeit macht zeitweise keinen Spaß, jegliche Motivation fehlt, man fühlt sich antriebslos und überfordert. Kein großes Problem, solange diese Phase vorübergeht und bald wieder der Freude am Job Platz macht. Bei immer mehr Berufstätigen wird dieses Gefühl jedoch zum Dauerzustand. Und der macht krank. Zwei Millionen Krankenstandstage gehen jährlich auf das Konto von psychischen Belastungen (siehe Kasten). Tendenz steigend. Eine Studie der Universität Linz belegt, dass sich mittlerweile rund die Hälfte aller Arbeitnehmer oft überlastet fühlt und psychosomatische, also psychisch bedingte körperliche Beschwerden hat. Etwa ein Drittel der Befragten leidet ständig unter Symptomen wie etwa Kopf- oder Magenschmerzen oder unspezifischen Herzrhythmus-Störungen. "Diese Menschen sind nicht psychisch krank, aber sie sind gefährdet, es durch die Belastung im Job zu werden", warnt Werner Schöny, Obmann von pro mente austria und ärztlicher Leiter der Oberösterreichischen Landesnervenklinik Wagner-Jauregg.

Probleme "Zwischen 8 und 5"

Allerdings sind nicht erst körperliche Symptome ein ernstes Warnsignal, betont Schöny. Auch Antriebs- und Mutlosigkeit, Schlafstörungen sowie Angstgefühle sind Zeichen einer sich anbahnenden Erkrankung. "Das ist die Frühphase. Wenn nichts unternommen wird, entsteht ein manifestes Krankheitsbild, das bis zur Arbeitsunfähigkeit gehen kann", erklärt der Mediziner. Und je später ein solches behandelt wird, desto schlechter die Prognose.

Pro mente austria nimmt sich deshalb in der Kampagne "Zwischen 8 und 5" der Problematik an und klärt interessierte Unternehmen mittels Broschüren und Workshops über die Risikofaktoren und Anzeichen psychischer Probleme am Arbeitsplatz auf. Denn gefährdete Mitarbeiter gibt es fast überall, aber kaum jemand traut sich, darüber zu reden. "Die wenigsten wissen etwas von dem Problem, es wird in vielen Fällen einfach totgeschwiegen", ist Schöny überzeugt. "Noch immer ist das Vorurteil verbreitet, dass der Betroffene faul, zur Arbeit unfähig und intellektuell beeinträchtigt sei", bedauert Schöny.

Zentrales Thema der Kampagne ist naturgemäß die Gestaltung des Arbeitsumfeldes. Denn vor allem Informationsmangel - besonders während betrieblicher Veränderungen -, eine zu wenig klare Aufgabenverteilung, kaum transparente Abläufe, übertriebener Erfolgsdruck und fehlende Eigenverantwortung sind Motivationskiller und Stressfaktoren. Betroffene, die damit nicht umgehen können, sind nervös, ihre Leistung nimmt ab, sie ziehen sich oft zurück, brechen den Kontakt zu Kollegen ab.

So wie Nina H., die im Familienbetrieb gearbeitet hat, als ihr Bruder nach dem Tod des Vaters das Unternehmen übernommen hat. Plötzlich wollte der Bruder allein bestimmen, wo es lang geht. "Aber ich dachte, das steht ihm doch nicht zu, ich bin genauso mit dem Betrieb aufgewachsen wie er und weiß genauso gut, was richtig ist und was nicht", erinnert sich die Wienerin. Dazu kam permanenter Streit mit der Schwägerin, die auch im Unternehmen arbeitete. "Wir haben uns dauernd angeschrien. Am Schluss habe ich oft nur noch geheult." Die Unterstützung, die sie gebraucht hätte, fand sie nicht. Hinzu kam, dass bei der damals 27-Jährigen Diabetes diagnostiziert wurde. "Das war ein Schock. Es ist einfach alles zusammen gekommen und ich habe mich nicht mehr gefangen."

Mut und Hoffnung

Verloren sei sie sich damals vorgekommen, mutlos, ohne Selbstbewusstsein. "Ich habe mich vollkommen zurückgezogen, habe keine sozialen Beziehungen mehr gepflegt." Zwei Partnerschaften sind daran zerbrochen. Der traurige Höhepunkt waren Panikattacken, bei denen sie das Gefühl hatte, sie würde sterben. Irgendwann hat sie beschlossen, die Firma zu verlassen, mehrere Jobs folgten. "Aber ich konnte nicht mehr Fuß fassen", sagt sie heute. Seit zweieinhalb Jahren besucht sie eine Psychotherapie-Gruppe, mittlerweile arbeitet sie im Cafe-Restaurant Max, das von pro mente austria betrieben wird und Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen die Rückkehr ins Berufsleben ermöglichen soll.

Nina H. hat wieder Pläne: "Ich möchte es schaffen, irgendwann ein eigenes Lokal zu haben", sagt sie. Ihre Mutlosigkeit hat sie schon hinter sich gelassen.

Weitere Informationen zur Kampagne "Zwischen 8 und 5" im Internet unter

www.promenteaustria.at

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