Schlank um jeden Preis?

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Vor allem bei Mädchen und jungen Frauen nehmen Ess-Störungen deutlich zu. Jedes zweite 15-jährige Mädchen probiert es bereits mit einer Diät, rund fünf Prozent leiden an Bulimie. Das ergab eine Umfrage an Wiener Schulen.

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Vor allem bei Mädchen und jungen Frauen nehmen Ess-Störungen deutlich zu. Jedes zweite 15-jährige Mädchen probiert es bereits mit einer Diät, rund fünf Prozent leiden an Bulimie. Das ergab eine Umfrage an Wiener Schulen.

Am Anfang meiner Sucht hatte ich immer das Waschbecken und das WC im Blickwinkel. Warum nicht erbrechen, mir ist eh so übel, ich habe schon wieder zu viel gegessen." Katharina (Name ist der Redaktion bekannt) verwarf den Gedanken im Anfangsstadium ihrer Sucht. Wenige Monate später war es aber dann so weit. Die 17-jährige steckte sich den Finger in den Hals. Der Anfang ihrer Ess-Brech-Sucht (Bulimie) war gegeben.

"Ich hatte bis zu sieben Fressanfälle pro Tag" erzählt die heute 21- jährige Studentin. Zehn Semmeln mit Marmelade, danach ein halbes Kilo Nudeln mit Soße und anschließend zwei Tafeln Schokolade. Dazu zwei Liter Wasser, damit im Magen nichts verklebt und es leichter hochgewürgt werden kann. Das Brechen war für sie immer ein "Höhepunkt."

Um zehn Kilo weniger wog sie zu dieser Zeit, sagt die mittlerweile zu ihrem Normalgewicht zurückgekehrte junge Frau. Damals stopfte sie alles in sich hinein, was "verboten war". Es waren hauptsächlich Kalorienbomben, die nicht dazu beitrugen, ihr Schönheitsideal zu erreichen. Schlank wollte Katharina sein, um zu gefallen. Aber der Teenager fand sich nicht attraktiv - und startete vorerst einmal eine Nulldiät, "die meine Mutter aber unterbunden hat."

Bereits jede zweite 15-jährige Schülerin hat schon einmal mit Diäten experimentiert, ergab eine Umfrage an 60 Wiener Schulen. Fünf Prozent der Mädchen zwischen zwölf und 18 Jahren leiden in Österreich bereits an Ess-Störungen. Tendenz ist steigend. Deshalb hat die Stadt Wien beschlossen, die 1998 gestartete Kampagne gegen Bulimie und Magersucht (Anorexie) weiterzuführen. Die Gratis-Telefon-Hotline 0800-20 11 20 kann aus ganz Österreich zum Nulltarif angerufen werden. Die Auskünfte werden an Betroffene, an Eltern, Großeltern, Freunde, Lehrer und Therapeuten gegeben. Sie sind anonym und kostenlos. Auch Folder und Literaturlisten werden auf Wunsch zugesandt. Im vergangenen Jahr suchten 2.600 Frauen aus Wien und anderen Bundesländern bei der Hotline der Stadt Wien zum Thema Ess-Störungen Rat und Hilfe. Fast zwei Drittel der Anruferinnen waren Betroffene, ein Drittel Angehörige.

Soziale Isolation Die klinische Psychologin Renate Gänszle leitet im Frauengesundheitszentrum F.E.M. in der Semmelweiß-Klinik Workshops und Gruppenstunden, auch für Eltern. Von denen kommen meist die Mütter. Denn die meisten von ihnen haben Schuldgefühle, weil sie glauben, für die Magersucht ihrer Töchter verantwortlich zu sein und in der Erziehung versagt zu haben. Die Ursachen sind jedoch - laut Gänszle - sehr verschieden. Zum einen spielt die gesellschaftliche Situation eine Rolle. Schlank zu sein, wird heute als "Eintrittskarte ins Glück" gesehen. Schlankheit beschert Freunde, Erfolg im Beruf und Beziehungen. So zumindest verspricht es die Werbung und die Modetrends.

Auch Burschen leiden bereits unter dem Druck, dass nur ein schöner Körper wirklich zählt. Ess-Störungen treten zwar nach wie vor hauptsächlich bei jungen Frauen auf, sie sind aber bereits auch bei Männern zu finden, beobachtet Gänszle. Ein weiterer Grund für Ess-Störungen ist auch oft die familiäre Situation. Die Berufserfahrung der Therapeutin zeigt, dass Magersüchtige häufig in ihrer Kindheit "übermuttert" wurden. Dieses zuviel wird mit zu wenig Essen kompensiert. Oder: ein Mädchen bekommt zu früh eine für sie zu große Verantwortung aufgebürdet. Das passiert heute zunehmend bei alleinerziehenden Müttern, die mehrere Kinder zu versorgen haben. Die Rolle des fehlenden Partners wird von der ältesten Tochter übernommen. Ihre Reaktion: Weil sie zu wenig bekommen hat, fängt sie an, zu viel zu essen. Der Ausbruch der Krankheit fällt nicht selten mit einem konkreten Ereignis zusammen: Liebeskummer oder der Verlust einer nahestehenden Person. Bis die Betroffenen Hilfe suchen, vergehen oft mehrere Jahre.

Die Studentin Katharina hat mit der Hotline Kontakt aufgenommen und sich dort aussprechen können. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als die heimlichen Ess-Brech-Anfälle bereits in eine soziale Isolation geführt hatten. Katharina vermied es bereits ganz, mit Freunden essen zu gehen und schlug Einladungen vollkommen aus. "Ich habe gelitten, wenn ich mit und neben anderen essen musste, weil ich Angst hatte, dass man mein Geheimnis entdecken könnte." Auch die beste Freundin hat nicht Bescheid gewusst. "Ich dachte immer, dass doch jeder merken muss, dass ich nach Erbrochenem rieche, denn ich selbst hatte den Geruch ständig in der Nase."

300 Schilling habe sie jeden Tag für Lebensmittel ausgegeben. Die Schulden waren bis auf 30.000 Schillingangewachsen. Die Studentin musste ein neues Konto eröffnen, um einen neuerlichen Überziehungsrahmen zu bekommen. Ihre Mutter, die nun mitbekommen hatte, dass Katharina an Bulimie leidet, überredete sie zu einer Therapie. "Die habe ich aber nach zwei Sitzungen wieder abgebrochen. Ich sollte mir ein großes rosa Monster vorstellen und sagen, wie nahe es schon an mich herangekommen ist. Was soll das?"

Auch bei der Selbsthilfegruppe, die von zwei ehemaligen Kranken geleitet wurde, fühlte sich Katharina fehl am Platz. "Denen ging es viel schlechter als mir, das machte mich ganz fertig." Dann tauchte ein neuer Mann in ihrem Leben auf. "Er ist der Richtige," weiß Katharina. "Er hat mich nicht bemitleidet. ,Dann geh halt fressen' hat er gesagt. Auf das hin hab ich damit aufgehört." Was passiert, wenn die Beziehung der 21-jährigen zu ihrem derzeitigen Freund auseinander gehen sollte, mag sie nicht beantworten. Heute fühlt sie sich jedenfalls genesen, wenn auch nicht gesund. Sie hat Probleme mit den Zähnen und leidet an Eisenmangel - beides bekannte Folgeerscheinungen einer langjährigen Sucht.

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