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Digital In Arbeit

Methadon -Sterbehilfe auf Rezept

Von August bis Oktober habe ich nur unregelmäßig Drogen genommen. Als ich dann im Oktober zu arbeiten begann, stand ich von Anfang an unter großem Druck, denn auch der unregelmäßige Drogenkonsum bis dahin zeigte seine Auswirkungen.

Um meine Leistung bringen zu können, benötigte ich täglich vor Arbeitsbeginn meine gewisse Menge, nach kürzester Zeit nahm ich schon während der Arbeit Suchtgifte. Zu jener Zeit glaubte ich noch, die Eltern, Geschwister und Arbeitskollegen merken nichts an meinem Zustand; sprach mich jemand darauf an, stritt ich es ab und erzählte ihnen, wie gut es mir gehe.

Da ich immer zu zwei Ärzten gehen konnte, die mir regelmäßig Paracodein, Codeintabletten und Aufputschmittel verschrieben, schränkte ich mich bald überhaupt nicht mehr ein. Ich machte mir in dieser Situation wenig Gedanken darüber.

Für mich war wichtig, daß ich jederzeit das Gewünschte verschrieben bekam. Ich habe selbst auf die schlimmste Art und Weise erfahren, wie weit dies führen kann, deshalb finde ich es von einigen Ärzten nicht gut, ja unverantwortlich, wenn sie ohne Wenn und Aber einen Süchtigen in seiner Abhängigkeit unterstützen. Sie unterstützten mit dieser Handlungsweise noch den Wahn, meinen Gedankenwahn, daß ja alles in Ordnung ist, was ich mit mir mache.

Im Dezember war ich so hoch dosiert, daß es mir kaum mehr möglich war zu arbeiten. Ich nahm um 100 Codein am Tag. Als ich mit meinem Arzt darüber sprach, was ich tun kann, meinte er anfangs, ich sollte offiziell in das Codeinpro-gramm einsteigen. Ich bekäme dann die Medikamente noch problemloser und meine Sucht würde mich nichts mehr kosten, da die Kran-

kenkasse in diesem Fall die Kosten tragen würde.

Damit war mir aber nicht geholfen. Da ich keine Medikamente mehr nehmen wollte, blieb als Alternative das Methadonprogramm.

Zu dieser Zeit kam mir diese Möglichkeit eigentlich ziemlich verlockend vor. Täglich in der Apotheke mit dem für mich “Notwendigen“ versorgt zu werden, erschien mir als angenehmer und einfacher Weg. Heute weiß ich, daß dem nicht so ist. Dieser Umstand trägt dazu bei, daß ich einen Entzug weit von mir schiebe, nicht daran denken muß, da ich ja versorgt bin. Anstatt mich wieder in meine Umwelt einzugliedern, werde ich mit Hilfe des Methadonpro-grammes immer weiter an den Rand geschoben.

Also zwei Stunden später war ich im Methadonprogramm. Mein Arzt sprach mit dem verantwortlichen Arzt in der psychiatrischen Ambulanz in der Klinik, worauf ich sofort zu diesem gehen konnte.

In einem kurzen Gespräch mit ihm ging es nur um die Art und die Menge der Suchtgifte, die ich bis

dahin genommen hatte. Mit keinem Wort wies mich der Arzt darauf hin, welche psychischen und physischen Auswirkungen die Methadon-einnahme unter Umständen haben kann. Er pries es mir sogar an, indem er sagte, das Methadon wirke fast wie Heroin.

Ich gehörte für diesen Arzt sicher zu den hoffnungslosen Fällen, da ich ihm von meinen zwei abgebrochenen Therapien und Selbstmordversuchen erzählte.

Ich hatte eine Apotheke gewählt, die auf dem Weg zur Arbeit lag. Mein Arzt rief dort an, damit man für mich das Methadon zusammenmischen und abfüllen konnte. Nachdem ich im Stadtmagistrat beim Stadtphysikus das Dauerrezept bestätigt erhalten hatte, konnte ich mir das Methadon in der Apotheke abholen.

Heute weiß ich, daß es mir von diesem Moment an kontinuierlich schlecht ging, wie die Jahre zuvor nie. Ich baute körperlich und geistig rapide ab. Ich wurde so vergeßlich, daß ich mir bei der Arbeit jede Kleinigkeit notieren mußte. Die Veränderung, die mit mir vorging, fiel den Menschen um mich natürlich stark auf; ich selbst nahm dies nicht wahr, ich war nicht mehr in der Lage dazu.

Als ich in der Klinik über meine Vergeßlichkeit klagte, hieß es kommentarlos, dies sei von den Suchtgiften, die ich zusätzlich zum Methadon einnähme -zu jener Zeit habe ich aber gar nichts nebenher genommen, was auch im Harn, den ich wöchentlich abgeben mußte, festzustellen war.

Da ich mich sehr schlecht fühlte, wollte ich aus dem Programm aussteigen. Da mir der Arzt aber nun keine Codeinta-bletten mehr verschrieb, hatte ich starke Ent-zugserscheinun-gen vom Methadon.

Ein Entzug wäre die einzige Möglichkeit für mich gewesen, aus diesem Dilemma rauszukommen. Das hätte für mich zu diesem Zeitpunkt den Verlust der Arbeit zur Folge gehabt, Schwierigkeiten zu Hause. Ich fühlte mich dem nicht ge-

wachsen, ich war zu schwach, zu träge, um diese Situation von Grund auf zu ändern. So lange ich noch arbeiten gehen konnte, ging es noch so einigermaßen. Als ich nach ungefähr drei Monaten nicht mehr in der Lage war, spitzte sich meine Situation immer ärger zu.

Ich zog von zu Hause aus und nahm eine Wohnung mit einem Freund. Kurz darauf wurde ich dann krank. Über Nacht bekam ich Lähmungen in der rechten Körperhälfte, sodaß ich nicht mehr gehen konnte. Zuerst nahmen die Ärzte an, ich leide unter einer Thrombose, was sich aber als unrichtig herausstellte.

Ein praktischer Arzt, der sich auf neurologische Krankheiten spezialisiert hatte, sagte mir dann, daß ich seiner Meinung nach unter einer schweren Nervenschädigung leide, die wahrscheinlich vom Methadon herrühre. Als ich dies in der Klinik vorbrachte, bestätigten mi,r dort die Ärzte die Diagnose des praktischen Arztes, stellten aber in Abrede, daß dies durch das Methadon zustandegekommen sei.

Zu diesem Zeitpunkt wachte ich für kurze Zeit aus meiner Resignation und Lethargie auf. Ich sprach mit vielen Süchtigen, die ebenfalls

aus meiner Resignation erwachen. Er war dafür ausschlaggebend, daß ich wieder den Wunsch verspürte, neuerlich einen Entzug und eine Therapie zu versuchen.

Bis ich mich dann aber dazu aufgerafft und durchgerungen hatte, vergingen weitere Monate, in denen ich immer mehr abbaute. Der Methadonentzug war das ärgste, was ich je durchgemacht hatte.

Manchmal glaubte ich, wahnsinnig zu werden. Ich war nicht mehr in der Lage, zwischen Realität und Einbildung zu unterscheiden. Ich hatte so starke Wahrnehmungsstö-rungen, daß ich zum Beispiel nicht wußte, ob eine Person in meinem Zimmer nun wirklich da war, oder ob ich mir dies nur einbildete. Ich wußte nicht mehr, ob es wirklich regnete, ober ob ich mir das nur einbildete.

Im Vergleich dazu war der physische Entzug für mich viel leichter zu ertragen. Ich wußte: Der körperliche Entzug, und ist er noch so schlimm, geht vorbei. Bei den Störungen in meiner Psyche konnte ich dies nicht mit Sicherheit sagen.

Seit ich kein Methadon mehr nehme, haben sich die Lähmungserscheinungen stark gebessert. Ich kann wieder normal ohne Krücken

imMethadon-Programm waren. Es war erschreckend für mich, was hinter diesen Menschen an Angst, Problemen und Krankheit stand. Einige litten ebenfalls an Lähmungserscheinungen in Armen, Händen und Füßen, zwei gingen zeitweise auf Krücken.

Viele waren HIV-positiv, und die Ärzte in der psychiatrischen Ambulanz meinten, dies gehöre zu diesem Krankheitsbild.

Damals kam mir das erste Mal der Gedanke, daß dieses Methadonprogramm nicht mehr und nicht weniger ist als Sterbehilfe für Menschen, die unbequem sind, mit denen der Großteil nichts anzufangen weiß und nichts zu tun haben will. Ich versuchte dagegen anzukämpfen, indem ich weniger Methadon nahm.

Durch die Reduzierung spürte ich die Schmerzen noch mehr, und ich fing an, zusätzliche Medikamente zu nehmen.

Erst der Tod eines mir nahestehenden Menschen ließ mich wieder

gehen. Ich hoffe, daß ich nach einer gewissen Zeit überhaupt keine Beschwerden mehr haben werde. Voraussetzung ist natürlich totale Drogenabstinenz. Aber ich glaube fest, daß mir dies gelingen wird.

Es werden nun bald drei Monate, daß ich wieder im KIT in Schwaz auf Therapie bin. Ich kann ehrlich behaupten, daß es mir seit Jahren nicht mehr so gut gegangen ist. Ich habe in diesen Monaten wieder erfahren, was es heißt zu leben. Ich fühle, daß es sich lohnt, Mühen und Opfer zu bringen.

Ich merke immer wieder, daß jedes Überwinden, jede Mühe belohnt wird. Das Gefühl bringt mich Stück für Stück meinem Ziel entgegen. Sicher ist es schwer, mit der Vergangenheit fertig zu werden, sich von Menschen, mit denen man zusammen war, zu trennen - aber trotz allem lohnt es sich, ein neues Leben zu beginnen.

Aus der Festschrift des KIT, einer Tiroler Initiative zur Heilung von Drogensüchtigen, anläßlich seines 15jährigen Bestehens.

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