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Jeder fünfte leidet an psychischen Störungen

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Die Ergebnisse einer neuen Studie über das Ausmaß von Drogenmißbrauch, Angst und Depressionen bei Jugendlichen sind alarmierend.

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Die Ergebnisse einer neuen Studie über das Ausmaß von Drogenmißbrauch, Angst und Depressionen bei Jugendlichen sind alarmierend.

Jeder fünfte Jugendliche leidet nach eigenen Angaben an einer psychischen Störung, die behandelt werden sollte. Doch nur die Hälfte von ihnen geht in eine Beratung oder Behandlung. Die Ergebnisse der Studie des Schweizer Zentrums für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Zürich sind alarmierend.

1.500 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 20 wurden im Kanton Zürich befragt. Die dort veröffentlichten Zahlen, bestätigt Universitätsprofessor Max Friedrich, Leiter der Wiener Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters, treffen auch für österreichische Kinder und Jugendliche zu: "Meine Beobachtungen stimmen in vielen Punkten überein."

Die zentralen Ergebnisse der Untersuchung: * Obwohl sich 20 Prozent aller Jugendlichen selbst als behandlungsbedürftig empfinden, wird das Problem der Heranwachsenden von vielen Eltern nicht bemerkt. Nur acht Prozent der Eltern betrachten ihre Kinder als so problematisch, daß eine Behandlung notwendig wäre. Eltern sind demnach über Art und Ausmaß der psychischen Probleme ihrer Kinder nicht vollständig informiert. "Eltern pflegen den Dialog nicht mehr", begründet Max Friedrich diese Entwicklung.

Die Schweizer Wissenschafter orten einen Mangel an Aufklärung und Information. "Wahrscheinlich", heißt es in der Studie, "sind die Hemmungen bei Jugendlichen besonders groß, sich ihren Eltern über ihre Probleme mitzuteilen." Von den Eltern kaum erkannt wurden insbesondere Drogenmißbrauch, Ängste und Depressionen. Eine Übereinstimmung von Eltern und Jugendlichen hinsichtlich des Vorliegens einer psychischen Störung besteht nur bei fünf Prozent.

* 13 Prozent der Jugendlichen betreiben Drogenmißbrauch, wobei drei Prozent zu viel Alkohol trinken, knapp sechs Prozent sind bereits abhängig. Noch gravierender ist das Problem bei Haschisch: Mehr als jeder Dritte hat bereits Erfahrungen damit, ein Wert, den auch Psychiater Friedrich bestätigt. "Haschisch ist deshalb so gefährlich, weil es die Widerstandskraft der Jugendlichen gegenüber anderen Drogen herabsetzt. Haschisch macht nicht süchtig und daher beherrschen Jugendliche diese Droge. Dadurch glauben sie, daß sie auch andere Drogen, etwa Heroin und Kokain, kontrollieren könnten. Das stimmt natürlich nicht mehr." Mißbrauch von anderen, vornehmlich sogenannten harten Drogen betreiben laut Studie 0,5 Prozent der Jugendlichen.

"Bei Abhängigkeiten von Drogen gibt es aber lokale Unterschiede", so Friedrich. "Bei uns wird viel Wein getrunken, weil wir in einem Weinland leben. Jedoch ist auch bei uns ein Trend Richtung harte Getränke, etwa Wodka, zu beobachten. Ein Drittel unserer Jugendlichen hat bereits Rauscherfahrung. Der Grat zwischen Experimentierfreudigkeit und der raschen Gefahr einer Abhängigkeit ist sehr schmal." Besonders beliebt bei den österreichischen Jugendlichen sei das "Wettkampftrinken". "Hier lauert eine Gefahr, da dabei immer ein gewisses Maß an Bewunderung mitschwingt," warnt Friedrich.

Burschen trinken häufiger und mehr. Jeder vierte männliche Jugendliche trinkt mindestens einmal pro Woche. Immerhin zwölf Prozent geben an, daß sie Alkohol trinken, wenn sie Probleme haben und sieben Prozent, wenn sie sich alleine fühlen. "In diesem Punkt gibt es einen Unterschied zu den österreichischen Jugendlichen", meint Friedrich. "Natürlich gibt es auch bei uns den stummen Kummertrinker, in der Mehrzahl sind unsere Kinder aber ein kommunikativer Haufen. Wir sind eher Kommunikationstrinker."

Mehr Haschisch Ein starker Zusammenhang besteht laut Schweizer Studie zwischen dem Trinkverhalten der Eltern und dem der Jugendlichen: "Wenn der Vater keinen Alkohol trinkt, konsumieren 53 Prozent der männlichen und 40 Prozent der weiblichen Jugendlichen Alkohol, wenn der Vater täglich Alkohol trinkt, sind es 80 Prozent der Burschen und 82 Prozent der Mädchen."

* Unter Angststörungen leiden acht Prozent und unter depressiven Störungen fünf Prozent der Jugendlichen. "Diese Zahlen sind alarmierend hinsichtlich des Ausmaßes seelischer Not unserer Jugendlichen. Beratungs- und Hilfsangebote müssen intensiviert und entsprechende Information an die Jugendlichen gebracht werden", fordert Studienautor Universitätsprofessor Hans-Christoph Steinhausen.

"Bei diesen Ergebnissen muß man jedoch auch das lebensaltertypische Minderwertigkeitsgefühl berücksichtigen. Meine Beobachtung ist, daß zwischen fünf und zehn Prozent der Jugendliche eine Behandlung notwendig hätten", meint der Wiener Kinder- und Jugendpsychiater Friedrich. "Ich habe mir hier eine Definition zurechtgelegt, die nichts mit der klassischen WHO-Definition von gesund und krank, von normal und abnormal zu tun hat. Für mich sind jene Menschen behandlungsbedürftig, die lebensaltertypische, kulturspezifische und alltägliche Dinge nicht zu tun imstande sind. Damit kommen wir weg von dem Begriff ,Psycherl'. Vielleicht hat dieser Mensch nur eine negative Erfahrung gemacht."

Ein weiteres Ergebnis der Studie: der Nikotin- und Haschischkonsum nahm in den letzten Jahren bei den 14- bis 16jährigen signifikant zu. Am deutlichsten ist dieser Trend beim Rauchen zu beobachten. Hier sank der Anteil derer, die noch nie geraucht haben, von 48 auf 37 Prozent.

Ebenfalls zahlreicher geworden sind negative Lebensereignisse, die die Jugendlichen belasten. Mit Abstand am häufigsten für psychische Probleme verantwortlich sind mit 70 Prozent schlechte Prüfungen, gefolgt von Problemen mit den Eltern und ungenügenden Noten. "Das macht mir mehr Sorgen als Alkohol und Nikotin", meint dazu Max Friedrich. Überfordert die Schule unsere Jugendliche? "Nein", meint der Experte. "Es ist eher so, daß Eltern panische Angst davor haben, daß aus ihren Kindern nichts wird. Und das macht Druck. Das Kind hört von klein auf, daß lediglich viel lernen und gute Noten ein erfolgreiches Leben garantieren. Das stimmt aber nicht. Ich bin das beste Beispiel dafür. Ich habe alles angestellt und gemacht, was man nicht tun soll. Ein bißchen mehr Humor und die Erinnerung an die eigene Jugend wäre gut", rät Friedrich, selbst Vater von fünf Kindern, unsicheren und ängstlichen Eltern.

Immer mehr jugendliche Raucher/innen In Österreich rauchen immer mehr Jugendliche, warnt die Österreichische Krebshilfe. Vor allem bei Mädchen ist der Anstieg beachtlich. Bereits 31 Prozent der Mädchen greifen regelmäßig zur Zigarette - und sie haben damit ihre männlichen Altersgenossen überholt (29 Prozent). Jeder fünfte Elfjährige hat zumindest einmal geraucht. Bei den 15jährigen sind es 74 Prozent.

"Die Mehrheit der erwachsenen Raucher beginnen als Teenager, ohne sich des Suchtcharakters bewußt zu sein", erklärt Universitätsprofessor Manfred Neuberger, Leiter der Abteilung Präventivmedizin am Institut für Umwelthygiene der Universität Wien und Vorsitzender der Initiative "Ärzte gegen Raucherschäden".

Die Hälfte aller regelmäßigen Raucher sterben an ihrer Sucht. Allein in den Industrieländern hat das Rauchen während der letzten 50 Jahre 60 Millionen Menschenleben gefordert. Bis zum Jahr 2030 werden die Todesfälle durch Rauchen auf zehn Millionen pro Jahr ansteigen, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem Report 1999. Rauchen wird dann die Haupttodesursache für Erwachsene sein.

Besonders alarmierend: österreichische Jugendliche liegen beim Rauchen im europäischen Vergleich im Spitzenfeld: "Wir wissen, wie schwer es bereits Jugendlichen fällt, den Griff zur Zigarette sein zu lassen", meint Susanne Takats, Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe. "Gruppendruck, bestimmte Verhaltensmuster und ,Vorbild'-Raucher in der Familie oder im Freundeskreis - das alles vermittelt oft Unsicherheit und erschwert das Vorhaben, das Rauchen sein zu lassen. Daher versuchen wir das Nichtrauchen zu thematisieren. Junge Leute sollen darüber reden! Häufig fällt schon allein durch das Bewußtmachen der automatische Griff zur Zigarette weg, wie Erfahrungen zeigen." Wie sehr etwa die Vorbildwirkung der Familie für das Rauchverhalten ausschlaggebend ist, läßt sich auch durch Zahlen belegen: der Anteil der Buben aus Raucherhaushalten, die bis zum 18. Lebensjahr selbst zum Raucher geworden waren, ist mit 34 Prozent doppelt so hoch wie jener aus Nichtraucherhaushalten.

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