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Stürmische Pubertät

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Die Pubertät ist ein Lebensabschnitt, der nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Eltern vor große Probleme stellt. Kinderpsychiater MaxFriedrich will Eltern mit seinem neuen Buch Mut machen.

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Die Pubertät ist ein Lebensabschnitt, der nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Eltern vor große Probleme stellt. Kinderpsychiater MaxFriedrich will Eltern mit seinem neuen Buch Mut machen.

Der 15jährige Siegfried steht in der Nacht splitternackt auf dem Balkon. Die Mutter bringt ihn zum Psychiater, mit der Annahme, daß ihr Sohn wohl verrückt geworden sein müsse. Dort erzählt der Junge: "Ich trainiere bereits seit zehn Tagen und lege täglich 30 Sekunden zu. Ich halte es bei minus fünf Grad bereits vier Minuten und 30 Sekunden aus. Ich will sehen, was mein Körper kann". Siegfried ist kein Einzelfall und sicher nicht verrückt. Solche Härtetests gehören zur Kategorie "Mutprobe", die Kinder manchmal sogar in Lebensgefahr bringen.

Zahlreiche solcher Beispiele hat nun der Vorstand der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters in Wien, Universitätsprofessor Max Friedrich, in seinem kürzlich erschienen Buch "Irrgarten Pubertät" zusammengestellt. Friedrich, selbst Vater von vier Kindern, will damit ein besseres Verständnis für die Probleme Jugendlicher erreichen und ihnen so diese schwierige Lebensphase erleichtern. "Den Eltern mag dieses Buch ein wenig ihre Ängste nehmen, die wir - und ich verwende absichtlich das Wort wir - als verantwortungsbewußte Eltern um unsere Kinder, ihre Gegenwart, ihre nahe und auch ferne Zukunft haben."

Im Vergleich zu anderen Beispielen wirkt die Mutprobe von Siegfried eher harmlos. So berichtet der Autor über die Beweggründe eines 15jährigen Mädchens, das mit tiefen Wunden am Unterarm ins Spital eingeliefert wird. Ebenfalls schockierend ist die Geschichte der 17jährigen Sophie, die nach einem Selbstmordversuch jeden Halt verliert und schließlich auf die schiefe Bahn gerät.

Friedrich behandelt Themen, die Eltern mit Schrecken erfüllen, allerdings jeden, gleich aus welcher gesellschaftlicher Schicht, selbst betreffen können: Pubertäts-Magersucht, Verwahrlosung, Jugendkriminalität, Sekten, Extremismus, Selbstmord, Alkohol- und Drogensucht.

"Keine Zeit ist so stürmisch, atypisch und unkonventionell, keine so heftig wie das Jugendlichenalter. In dieser Zeit zeigt sich am deutlichsten, daß der Entwicklung des Menschen keine Normen vorgegeben sind, daß er in seiner Individualität unvergleichbar und alle Erziehungsbemühungen der Eltern an Grenzen stoßen," schreibt Friedrich. Das Jugendlichenalter sei ein einziger großer Suchprozeß. Der Jugendliche betritt einen Irrgarten mit vielen Umwegen und Wegkreuzungen.

In der Erziehung des Kindes ist es schwer herauszufinden, welcher Einfluß in welchem Lebensalter bestimmend ist. "Gerade diese Unsicherheit macht Eltern Angst", so der Autor. "Sie fragen sich, ob sie richtig gehandelt haben, ob und wann sie Fehler gemacht haben. Aus meiner jahrzehntelangen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und deren Eltern wage ich zu behaupten, daß Eltern grundsätzlich an Fehlverhalten von Kindern nicht Schuld tragen. Die Gesellschaft macht es sich mit derartigen Schuldzuweisungen oft zu leicht. Dabei wird von einem vorsätzlichen Fehlverhalten der Eltern ausgegangen."

Irrgarten Pubertät.Elternängste.

Von Max H. Friedrich, DeutscheVerlags-Anstalt, Stuttgart 1999237 Seiten, öS 277,-/e 20,13

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