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"Die Vorbilder passen nicht mehr"

Ohrfeigen sind verpönt, Demütigungen von gestern. Doch auch die antiautoritäre Erziehung ist an ihre Grenzen gelangt. Was bleibt, sind die Probleme vieler Eltern, sich in der Rolle als "Führungskräfte" ihrer Kinder zurecht zu finden. Ein Lokalaugenschein.

Und jetzt auch noch der Nikolo: Der heilige Bischof von Myra, der Freund der Kinder, der Überbringer süßer Gaben - plötzlich ein Unhold, der Kindern nebst Nüssen auch Alpträume beschert und deshalb aus Wiens Kindergärten verbannt werden soll, falls er sich nicht vor aller Augen verkleidet? Maria Neuberger-Schmidt versteht die Welt nicht mehr. "Ich finde das eigentlich lächerlich, aber es liegt im Trend zur Säkularisierung", meint sie verärgert, während sich ihr roter Renault den Weg durch das abendliche Wien Richtung Eisenstadt bahnt. "Ich kann auch nicht nachvollziehen, dass sich Kinder vor dem Nikolo fürchten. Der kommt ja nicht kettenrasselnd daher." Auch das Vorlesen von Sündenregistern sei längst passé. Warum also die Aufregung? So sehr sich die Psychologin, Lebens-und Sozialberaterin, Obfrau des Vereins "Elternwerkstatt" und vierfache Mutter auch über den Vorstoß der Wiener Jugendstadträtin Grete Laska (SPÖ) wundert - überraschend kommt er für sie nicht: "Die Debatte passt voll ins Bild der pädagogischen Unsicherheit einer pluralistischen Gesellschaft, wo der Einzelne nicht mehr weiß, wo er steht."

Kleine Tyrannen

Am allerwenigsten wissen es die Eltern. Der alte, autoritäre Erziehungsstil - oft gepaart mit Gewalt und Machtmissbrauch - wird aus guten Gründen abgelehnt. Doch auch die antiautoritäre Erziehung ist nicht des Rätsels Lösung. Das ist verzweifelten Eltern kleiner Tyrannen langsam gedämmert. Und das erleben die drei Mütter, die heute Abend im Studentenwohnheim Haus Eisenstadt mit Neuberger-Schmidt an ihren Erziehungskompetenzen feilen, tagtäglich am eigenen Leib.

150 Euro zahlen sie für den vom Sozialministerium geförderten und von Neuberger-Schmidt konzipierten "ABC-Elternführerschein", der ihnen an sechs Abenden ein "Basis-Kommunikationstraining zur Stärkung natürlicher Erziehungskompetenz" bieten soll (siehe Kasten). Das Geld ist gut investiert - wie ihre Alltagsgeschichten rasch beweisen. "Die Katharina hat wieder mit Schimpfwörtern um sich geschmissen und bei der Ärztin ,dumme Kuh' und ,blöde Mama' zu mir gesagt", klagt Daniela, noch bevor das Seminar so richtig begonnen hat. Außerdem habe ihre Tochter der kleinen Schwester angedroht, sie in den Mistkübel zu werfen. "Also, ich habe versagt", lautet Danielas Resümee.

Auch bei Sonja ist der Leidensdruck enorm: "Bei mir daheim ist es die Geschwisterrivalität - und zwar pausenlos", erzählt sie über den nervenzerfetzenden Alltag mit ihren beiden fünf und sieben Jahre alten Söhnen. Schon beim Aufstehen werde gestritten - und beim geringsten Anlass gebe es "sofort Mord und Totschlag".

Abgrenzung von Eltern

Verglichen mit Sonjas und Danielas Rabauken hat Silvia leichtes Spiel. "Ich würde sogar sagen, dass mein Bub sehr brav ist", sagt sie in der Runde. Und doch sorgt sie sich: "Ich habe oft das Gefühl, dass er zu jenen Kindern gehört, denen im Sandkasten als Ersten das Spielzeug weggenommen wird." Wie sie ihn stärken könne und davon wegkomme, ihn zu sehr zu bemuttern - das wolle sie hier lernen.

So unterschiedlich die Probleme der drei Mütter sind - in einem Punkt gehen sie konform: So wie sie selbst erzogen worden sind, so wollen sie ihre Kinder in keinem Fall behandeln. "Bei meiner Mutter sind die Kinder nebenher gelaufen", erinnert sich etwa Daniela. Sie selbst ist nun zu Hause - und mit einer Tochter konfrontiert, die munter "Ich bin die Chefin!" schreit. Sonja wiederum hat unter ihrem autoritären Vater gelitten - und gesteht, selbst "zu nachgiebig" zu sein. Und Silvia erinnert sich mit Unbehagen an die durchgearbeiteten Wochenenden ihrer Eltern. Eine Erfahrung, die sie nun mit verstärkter Aufmerksamkeit für ihren Sohn kompensiert.

Verachtung statt Ehre

"Gerade in der Erziehung gibt es eben ein großes Generationenproblem", erzählt Maria Neuberger-Schmidt in der Pause. "Früher hat man immer alte Modelle übernommen. Aber die Vorbilder passen nicht mehr." Viele Kinder autoritärer Eltern hätten ein schlechtes Gewissen dabei, Grenzen zu setzen. Dabei seien klare Grenzen und Rollenzuteilungen in der Erziehung unerlässlich. Eine Erkenntnis, die Neuberger-Schmidt gern in prägnante Sätze kleidet: "Erziehen heißt führen: gewaltfrei, aber nicht machtlos. Kinder sind gleichwertig, aber nicht gleichberechtigt. Wenn kein Widerstand da ist, macht das Kinder aggressiv. Wenn Eltern nicht dafür sorgen, dass sie geehrt werden, werden sie unter Umständen verachtet." Eine tatsächlich "partnerschaftliche Erziehung" sei deshalb zum Scheitern verurteilt, glaubt die 54-jährige Psychologin. "Da redet man sich irgendwann den Mund fusselig." Die Rollen seien eben klar verteilt: "Ich bin die Mama, du bist das Kind." Neben diesem Gehorsam müssten freilich auch Freiheit und Mitsprache ihren Platz haben - je nach Situation und Alter des Kindes.

Ein Schlüssel zum fruchtbringenden Erziehen liegt für die Expertin im "aktiven Zuhören", einem Zuhören, das im Sinne der personenzentrierten Gesprächsführung "einfühlsam, nicht wertend und echt" sein müsse. Statt etwa dem Kind im Stress nur das halbe Ohr zu leihen, sollten Eltern versuchen, gegebenenfalls "die Not des Kindes" zu erkennen, durch beinahe wortwörtliche Wiederholung seiner Äußerungen seine Gefühle zu "spiegeln" und dadurch einen Selbstklärungsprozess herbeizuführen. Dies würde beim Kind nicht nur zu Beruhigung und emotionaler Entlastung führen, sondern auch zu mehr Klarheit und einer Stärkung des Selbstwertgefühls. "Kinder sind ja oft schon dann zufrieden, wenn sie sich ernstgenommen fühlen", weiß die Erziehungsexpertin.

Mühsames Zuhören

Auch Daniela, Sonja und Silvia leuchtet das ein. In der Praxis entpuppt sich das "aktive Zuhören" jedoch als gar nicht so leicht, wie die drei Frauen beim Mutter-Kind-Rollenspiel am Ende des Kursabends bemerken. "Auf diese Art ist man eben noch nie auf das eigene Kind eingegangen", meint Daniela verblüfft. "Aber irgendwie", ergänzt Silvia, "habe ich jetzt doch eine Ahnung, in welche Richtung es gehen kann."

Für Maria Neuberger-Schmidt geht es nach dreieinhalb Stunden Elterntraining wieder zurück nach Wien in die Altmannsdorferstraße - zum Sitz ihres Vereins "Elternwerkstatt", dem die Arbeit so schnell nicht ausgehen wird. Ob Autoritätsfragen, Scheidungskinder oder die "geistige Umweltverschmutzung" durch Fernsehen und Computerspiele: "Es braucht immer wieder Informationen und Appelle zur Bewusstseinsbildung", erklärt sie am Steuer ihres roten Renaults.

Das gelte auch und gerade für den Nikolo. "Der muss natürlich nicht in den Kindergarten kommen", meint die Psychologin mit Blick auf die Fahrbahn, "aber wenn er kommt, dann soll ihm auch eine Bedeutung beigemessen werden und dann soll er auch in feierlichem Ernst Dinge einmahnen können." Ob sich davor nicht doch manche Kinder fürchten könnten? "Da müssten die Kinder tagtäglich vor der Glotze viel mehr Angst haben", kontert die Expertin. "Und glauben Sie mir: Die haben sie auch."

Nähere Infos: www.elternwerkstatt.at

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