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Wie Kinder ihr Geschlecht lernen

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Buben spielen nach wie vor liebend gern den Kämpfer und Mädchen die Schöne. Wieso hält sich das so hartnäckig? Exptertinnen sehen gar eine Verstärkung der Klischees.

Bubenerfahrene Eltern kennen es: Kein Waldspaziergang endet, ohne den Stock in der Hand, mit dem der Bub gegen vermeintliche Eindringlinge kämpft. Väter und Mütter von Mädchen berichten wiederum, dass das morgentliche Ankleiden zur Geduldsprobe wird, wenn gerade alle rosa Leibchen in der Wäsche sind. Verdutzt schütteln geschlechtssenible Menschen die Köpfe: Warum halten sich diese Stereotype so hartnäckig, warum bleibt die Puppe des Buben stiefväterlich in der Ecke liegen und der Werkzeugkasten verstaubt im Mädchenkinderzimmer? Haben wir unbewusst erst recht wieder die traditionellen Rollen vorgelebt? Oder sind es doch die Hormone und wir sind machtlos? Wie lernen also Kinder ihre geschlechtliche Identität? Erklärungsansätze lassen sich in drei Gruppen einteilen, die einander ergänzen und nicht ausschließen, erklärt die Wiener Bildungspsychologin von der Universität Wien, Christiane Spiel:

Väter helfen mehr den Töchtern

Biologische Ansätze beschäftigen sich mit der Wirkung von Genen und Hormonen auf die Geschlechterdifferenzierung. Sozialisationstheoretische Ansätze gehen davon aus, dass geschlechtstypisches Verhalten durch Bekräftigungen der Umwelt erlernt wird und dass Personen des gleichen Geschlechts als Modelle genommen werden. Laut kognitiver Ansätze erwerben Kinder zunehmend ein Wissen und Verständnis für die Geschlechterdifferenzierung. Dabei geht es um folgende Fragen: Ab wann erkennt ein Kind, dass es eine eigene Person ist? Ab wann erkennt es, dass sein Geschlecht über Zeit und Raum unveränderbar ist?

Spiel betont, dass ihre Studien stark die Sozialisationstheorie unterstützen. #Ich habe den Eindruck, dass sich Eltern und Lehrpersonal sehr bemühen, keine Unterschiede zwischen Buben und Mädchen zu machen. Das Problem ist nur, dass unbewusst noch sehr häufig geschlechtsstereotyp gehandelt wird#, erläutert die Bildungspsychologin. Zum Beispiel wurde untersucht, wie Väter ihre Töchter oder Söhne am Spielplatz behandeln. Es zeigte sich, dass sie ihren Töchtern viel häufiger Unterstützung anboten. #Auch wenn Fürsorge und Unterstützung positiv sind, so sind sie für die Entwicklung von Selbstvertrauen nicht förderlich#, sagt Spiel. In weiteren Beobachtungsstudien hat sich gezeigt, dass in naturwissenschaftlichen Fächern zu 70 Prozent die Buben dran kommen. Die Lehrerinnen und Lehrer meinten aber, sie würden beiden Geschlechtern gleich viel Aufmerksamkeit schenken.

Schon seit der Geburt spielt sich vieles unbewusst ab, einige Handlungen aber auch bewusst. Immer noch kaufen Eltern oder Großeltern bevorzugt hellblau für männliche Säuglinge und rosa für weibliche. Und es fängt schon viel früher an. #Vom ersten Atemzug eines Kindes an wird es von den Erwachsenen als geschlechtliches Wesen betrachtet#, sagt dazu die deutsche Soziologin und Erziehungswissenschaftlerin Barbara Rendtorff. Sie ist Professorin für Schulpädagogik und Geschlechterforschung an der Universität Paderborn. #Von dem Moment an verhalten sich Erwachsene unterschiedlich, sie modellieren etwa ihre Stimme. Es gibt also nicht die Stunde Null, das eigentliche von der Gesellschaft unbeinflusste Kind. Das macht es auch so schwierig, die Thesen der Soziobiologie und empirischen Psychologie zu testen. Sie können diese sozialen Einflüsse nicht herausfiltern.#

Rendtorff geht daher von der Sozialisationstheorie aus, fügt aber hinzu: #Ich sage nicht, wir sollten aufhören, über die anderen Theorien nachzudenken, aber es ist naheliegender, das zu erforschen, was wir sehen können und das ist der tatsächliche unterschiedliche Umgang mit Mädchen und Buben von Anfang an.#

Anderes Verhalten von Geburt an

Barbara Rendtorff ist nicht der Meinung, dass sich heutige Eltern mehr Gedanken darüber machen, ihr Kind geschlechtssensibel zu erziehen. #Ich glaube, dass wir schon wieder auf einem Rückweg sind hin zu mehr Unterscheidung.# Sie verweist auf die Konsumindustrie, wo sie eine viel stärkere Einteilung in angeblichen Buben- oder Mädchensachen wahrnimmt als es etwa vor 20 Jahren der Fall war, als ihre Kinder klein waren. Als Ursachen nennt die Soziologin ein Sicherheitsbedürfnis in einer komplexer werdenden Welt. An dieser Stelle liefern kognitive Ansätze eine Erklärung: Nachdem Kinder erkannt haben, dass sie ein Bub oder ein Mädchen sind, gibt es ihnen Sicherheit zu wissen, was zu ihrem jeweiligen Geschlecht gehört. Das erfolgt über die Beobachtung der Umwelt. #Das führt allerdings in Richtung Geschlechtsrigidität. Diese lockert sich aber wieder, wenn die Kinder älter werden und kognitiv reifer#, erklärt Christiane Spiel. #Die Fixierung auf typisch geschlechtspezifische Kleidung und Spielzeug hat auch mit der kognitiven Entwicklung zu tun. Erst wenn ich mein eigenes Geschlecht kenne und akzeptiert habe, ist eine Flexibilisierung und Individualisierung möglich, um etwa zu sagen: #Ok, ich bin ein Mädchen, trotzdem kann ich gut in Physik sein und gerne auf Bäume klettern.#

Was sagt die Spielzeugindustrie dazu, wie etwa der dänische Baustein-Hersteller Lego? Katharina Sutch, PR- und Kommunikationsdirektorin der Firma, erklärt: Es sei richtig, dass die technische Produktpalette eher von Buben bevorzugt werde. Hier werde auch nicht gegengesteuert. Spiele würden vorher genau von Fokusgruppen getestet. Es gebe aber auch eine Produktlinie, die beide Geschlechter anspricht: die Vorschulserie Duplo und die Baustein-Boxen, die zu freiem Bauen anregen. Bei den Spielthemen, zum Beispiel die City-Polizeistation oder Atlantis, würden nun auch weibliche Figuren dabei sein, wenn auch nur einzelne, gesteht Sutch ein.

Gegen #künstliche Gleichmacherei#

Lego setzt also auf viele Angebote: Baukästen für beide Geschlechter und solche mehr für Jungs und mehr für Mädchen (wie eine rosa Pony-Welt). Auch die Erziehungsberaterin Maria Neuberger-Schmidt rät davon ab, eine #künstliche Gleichmacherei# von Buben und Mädchen herbeizuführen. Sprich, Mädchen und Buben Spielzeug aufzuzwingen, das als nicht geschlechtstypisch gilt, das sie aber nicht mögen. Es geht der Lebens- und Sozialberaterin, die die Familienberatungsstelle #Elternwerkstatt# führt ( www.elternwerkstatt.at), vor allem darum, althergebrachte Stereotype und Aussagen zu vermeiden, wie #Mädchen klettern nicht auf Bäume; Buben weinen nicht, usw.# oder Kleidung vorzugeben und lenkend bei der Spielsachenauswahl einzugreifen. #Es geht um das Anbieten verschiedener Dinge und Interessen, Kinder sollten lernen, in sich hineinzuhorchen und zu hinterfragen statt vorgefertigte Antworten zu bekommen#, rät Neuberger-Schmidt. #Man darf sich auf die Intuition der Kinder verlassen, dass sie wissen, was in ihnen steckt.#

Die Erziehungsberaterin sieht sehr wohl eine gestiegene Sensibilität der Eltern oder Kindergärten. #Es besteht aber die Gefahr, dass übertrieben wird. Eine aufgezwungene Gleichmacherei wäre ebenso schlecht wie die stereotypische Rollenaufteilung.#

Auch Barbara Rendtorff warnt davor, geschlechtsspezifisches Spielverhalten zu dramatisieren. Das gebe es in jeder Kultur, weil alle Gesellschaften um Geschlechterverhältnisse herum organisiert seien. Wichtig sei, ein breites Angebot von Alternativen bereit zu halten, Kinder nicht einzuengen und auf Geschlechtsrollen festzulegen. Die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Hannelore Faulstich-Wieland gibt noch einen Punkt zu bedenken: Ihrer Erfahrung nach haben Mädchen heute ein breiteres Angebot als früher, was ihnen erlaubt ist, während Buben noch zögerlicher vermeintlich mädchenhaftes Spielzeug oder Kleidung zugestanden wird.

Buben spielen nach wie vor liebend gern den Kämpfer und Mädchen die Schöne. Wieso hält sich das so hartnäckig? Exptertinnen sehen gar eine Verstärkung der Klischees.

Bubenerfahrene Eltern kennen es: Kein Waldspaziergang endet, ohne den Stock in der Hand, mit dem der Bub gegen vermeintliche Eindringlinge kämpft. Väter und Mütter von Mädchen berichten wiederum, dass das morgentliche Ankleiden zur Geduldsprobe wird, wenn gerade alle rosa Leibchen in der Wäsche sind. Verdutzt schütteln geschlechtssenible Menschen die Köpfe: Warum halten sich diese Stereotype so hartnäckig, warum bleibt die Puppe des Buben stiefväterlich in der Ecke liegen und der Werkzeugkasten verstaubt im Mädchenkinderzimmer? Haben wir unbewusst erst recht wieder die traditionellen Rollen vorgelebt? Oder sind es doch die Hormone und wir sind machtlos? Wie lernen also Kinder ihre geschlechtliche Identität? Erklärungsansätze lassen sich in drei Gruppen einteilen, die einander ergänzen und nicht ausschließen, erklärt die Wiener Bildungspsychologin von der Universität Wien, Christiane Spiel:

Väter helfen mehr den Töchtern

Biologische Ansätze beschäftigen sich mit der Wirkung von Genen und Hormonen auf die Geschlechterdifferenzierung. Sozialisationstheoretische Ansätze gehen davon aus, dass geschlechtstypisches Verhalten durch Bekräftigungen der Umwelt erlernt wird und dass Personen des gleichen Geschlechts als Modelle genommen werden. Laut kognitiver Ansätze erwerben Kinder zunehmend ein Wissen und Verständnis für die Geschlechterdifferenzierung. Dabei geht es um folgende Fragen: Ab wann erkennt ein Kind, dass es eine eigene Person ist? Ab wann erkennt es, dass sein Geschlecht über Zeit und Raum unveränderbar ist?

Spiel betont, dass ihre Studien stark die Sozialisationstheorie unterstützen. #Ich habe den Eindruck, dass sich Eltern und Lehrpersonal sehr bemühen, keine Unterschiede zwischen Buben und Mädchen zu machen. Das Problem ist nur, dass unbewusst noch sehr häufig geschlechtsstereotyp gehandelt wird#, erläutert die Bildungspsychologin. Zum Beispiel wurde untersucht, wie Väter ihre Töchter oder Söhne am Spielplatz behandeln. Es zeigte sich, dass sie ihren Töchtern viel häufiger Unterstützung anboten. #Auch wenn Fürsorge und Unterstützung positiv sind, so sind sie für die Entwicklung von Selbstvertrauen nicht förderlich#, sagt Spiel. In weiteren Beobachtungsstudien hat sich gezeigt, dass in naturwissenschaftlichen Fächern zu 70 Prozent die Buben dran kommen. Die Lehrerinnen und Lehrer meinten aber, sie würden beiden Geschlechtern gleich viel Aufmerksamkeit schenken.

Schon seit der Geburt spielt sich vieles unbewusst ab, einige Handlungen aber auch bewusst. Immer noch kaufen Eltern oder Großeltern bevorzugt hellblau für männliche Säuglinge und rosa für weibliche. Und es fängt schon viel früher an. #Vom ersten Atemzug eines Kindes an wird es von den Erwachsenen als geschlechtliches Wesen betrachtet#, sagt dazu die deutsche Soziologin und Erziehungswissenschaftlerin Barbara Rendtorff. Sie ist Professorin für Schulpädagogik und Geschlechterforschung an der Universität Paderborn. #Von dem Moment an verhalten sich Erwachsene unterschiedlich, sie modellieren etwa ihre Stimme. Es gibt also nicht die Stunde Null, das eigentliche von der Gesellschaft unbeinflusste Kind. Das macht es auch so schwierig, die Thesen der Soziobiologie und empirischen Psychologie zu testen. Sie können diese sozialen Einflüsse nicht herausfiltern.#

Rendtorff geht daher von der Sozialisationstheorie aus, fügt aber hinzu: #Ich sage nicht, wir sollten aufhören, über die anderen Theorien nachzudenken, aber es ist naheliegender, das zu erforschen, was wir sehen können und das ist der tatsächliche unterschiedliche Umgang mit Mädchen und Buben von Anfang an.#

Anderes Verhalten von Geburt an

Barbara Rendtorff ist nicht der Meinung, dass sich heutige Eltern mehr Gedanken darüber machen, ihr Kind geschlechtssensibel zu erziehen. #Ich glaube, dass wir schon wieder auf einem Rückweg sind hin zu mehr Unterscheidung.# Sie verweist auf die Konsumindustrie, wo sie eine viel stärkere Einteilung in angeblichen Buben- oder Mädchensachen wahrnimmt als es etwa vor 20 Jahren der Fall war, als ihre Kinder klein waren. Als Ursachen nennt die Soziologin ein Sicherheitsbedürfnis in einer komplexer werdenden Welt. An dieser Stelle liefern kognitive Ansätze eine Erklärung: Nachdem Kinder erkannt haben, dass sie ein Bub oder ein Mädchen sind, gibt es ihnen Sicherheit zu wissen, was zu ihrem jeweiligen Geschlecht gehört. Das erfolgt über die Beobachtung der Umwelt. #Das führt allerdings in Richtung Geschlechtsrigidität. Diese lockert sich aber wieder, wenn die Kinder älter werden und kognitiv reifer#, erklärt Christiane Spiel. #Die Fixierung auf typisch geschlechtspezifische Kleidung und Spielzeug hat auch mit der kognitiven Entwicklung zu tun. Erst wenn ich mein eigenes Geschlecht kenne und akzeptiert habe, ist eine Flexibilisierung und Individualisierung möglich, um etwa zu sagen: #Ok, ich bin ein Mädchen, trotzdem kann ich gut in Physik sein und gerne auf Bäume klettern.#

Was sagt die Spielzeugindustrie dazu, wie etwa der dänische Baustein-Hersteller Lego? Katharina Sutch, PR- und Kommunikationsdirektorin der Firma, erklärt: Es sei richtig, dass die technische Produktpalette eher von Buben bevorzugt werde. Hier werde auch nicht gegengesteuert. Spiele würden vorher genau von Fokusgruppen getestet. Es gebe aber auch eine Produktlinie, die beide Geschlechter anspricht: die Vorschulserie Duplo und die Baustein-Boxen, die zu freiem Bauen anregen. Bei den Spielthemen, zum Beispiel die City-Polizeistation oder Atlantis, würden nun auch weibliche Figuren dabei sein, wenn auch nur einzelne, gesteht Sutch ein.

Gegen #künstliche Gleichmacherei#

Lego setzt also auf viele Angebote: Baukästen für beide Geschlechter und solche mehr für Jungs und mehr für Mädchen (wie eine rosa Pony-Welt). Auch die Erziehungsberaterin Maria Neuberger-Schmidt rät davon ab, eine #künstliche Gleichmacherei# von Buben und Mädchen herbeizuführen. Sprich, Mädchen und Buben Spielzeug aufzuzwingen, das als nicht geschlechtstypisch gilt, das sie aber nicht mögen. Es geht der Lebens- und Sozialberaterin, die die Familienberatungsstelle #Elternwerkstatt# führt ( www.elternwerkstatt.at), vor allem darum, althergebrachte Stereotype und Aussagen zu vermeiden, wie #Mädchen klettern nicht auf Bäume; Buben weinen nicht, usw.# oder Kleidung vorzugeben und lenkend bei der Spielsachenauswahl einzugreifen. #Es geht um das Anbieten verschiedener Dinge und Interessen, Kinder sollten lernen, in sich hineinzuhorchen und zu hinterfragen statt vorgefertigte Antworten zu bekommen#, rät Neuberger-Schmidt. #Man darf sich auf die Intuition der Kinder verlassen, dass sie wissen, was in ihnen steckt.#

Die Erziehungsberaterin sieht sehr wohl eine gestiegene Sensibilität der Eltern oder Kindergärten. #Es besteht aber die Gefahr, dass übertrieben wird. Eine aufgezwungene Gleichmacherei wäre ebenso schlecht wie die stereotypische Rollenaufteilung.#

Auch Barbara Rendtorff warnt davor, geschlechtsspezifisches Spielverhalten zu dramatisieren. Das gebe es in jeder Kultur, weil alle Gesellschaften um Geschlechterverhältnisse herum organisiert seien. Wichtig sei, ein breites Angebot von Alternativen bereit zu halten, Kinder nicht einzuengen und auf Geschlechtsrollen festzulegen. Die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Hannelore Faulstich-Wieland gibt noch einen Punkt zu bedenken: Ihrer Erfahrung nach haben Mädchen heute ein breiteres Angebot als früher, was ihnen erlaubt ist, während Buben noch zögerlicher vermeintlich mädchenhaftes Spielzeug oder Kleidung zugestanden wird.