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ENE MENE MU - Kindergärtner, der bist du

Lukas L. ist 18 Jahre alt, als er beschließt, seinen Zivildienst etwas anders als andere Jugendliche zu gestalten: Er entscheidet sich für die Arbeit in einem Kindergarten. "Der Beruf hat mich schon immer interessiert, aber ich hatte im Grunde keine Ahnung, was er mit sich bringt. Praktika waren dort nicht möglich, deshalb dachte ich mir, ich schaue mir das Ganze im Zivildienst einmal an." Die Zeit im Kindergarten -es ist dieselbe Betreuungsstelle, in der auch er als Kind war -gefällt ihm sehr gut. Die Kollegen sind nett, mit den Kindern kommt der Wiener hervorragend aus und nach und nach keimt der Gedanke auf, selbst Kindergartenpädagoge zu werden: "Im Winter habe ich mir dann gedacht: Es sind nur mehr sechs Monate, aber ich will eigentlich nicht, dass es dann schon aus ist." Der Plan eines Marketingstudiums wird daraufhin verworfen, ein Kolleg-Lehrgang für Kindergartenpädagogik in Wien gestartet.

Ungleichgewicht der Geschlechter

Wenn Lukas L. seine Ausbildung dann in etwa einem Jahr abschließt, gehört er der sehr kleinen Gruppe der männlichen Elementarpädagogen in Österreich an: 133 männliche Erzieher arbeiten derzeit in Kindergärten, das entspricht gerade einmal acht Prozent der gesamten Pädagogen in diesem Bereich. Der Mangel an männlichen Elementarpädagogen hat vielfältige Ursachen. "Erziehung gilt in unserem patriarchalen System noch immer als Frauensache. Aber: Wer ein gleichberechtigtes Geschlechterverhältnis anstrebt, braucht auch eine gleichberechtigte Verteilung der Bezugspersonen", meint Josef Christian Aigner vom Institut für psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung der Universität Innsbruck. Dementsprechend haben Männer, die eine Karriere als Pädagoge anstreben, mit enormen gesellschaftlichen Vorurteilen -Stichwort Pädophilie - zu kämpfen. Wie eine weitere Studie Aigners zeigt, finden Eltern, deren Kinder von einem männlichen Pädagogen betreut werden, diesen Umstand aber sehr positiv. Anfängliche Irritation der Eltern kennt auch Lukas L.:"Manchmal sind sie ein wenig reserviert mir gegenüber, vor allem die Väter. Aber mit meinen zwei Metern schaue ich wahrscheinlich auch nicht gerade so aus, wie man sich Leute vorstellt, die auf seine Kinder aufpassen", lacht er.

Wie sich das Ungleichgewicht der Geschlechter im frühen Kindesalter auswirkt, haben Forscher um Josef Christian Aigner untersucht: Während sich Mädchen gegenüber den männlichen und weiblichen Pädagogen weitestgehend gleich verhalten, gehen vor allem Buben während der Anwesenheit eines Erziehers mehr aus sich heraus. In einem gemischten Fachkräfteteam suchen sie deutlich häufiger den Kontakt und die Aufmerksamkeit der männlichen Bezugsperson: "Im Versuch hingen sie zum Teil richtig an ihnen, wollten auf ihrem Schoß sitzen und sind ihnen durch den ganzen Raum nachgetippelt", erklärt er. Zumeist war dies bei jenen Buben der Fall, die zuhause eine Vaterfigur vermissen. Aber auch Mädchen profitieren von männlichen Kindergärtnern: "Sie bekommen Interesse an Dingen, die angeblich nur für Buben wichtig sind. Die genderrelevanten Verhaltensweisen vermischen sich auf diese Weise", so Aigner. Grundsätzlich würden männliche Pädagogen im Kindergarten gelassener agieren und Konflikte mehr austragen -Handlungsweisen, welche Kinder dadurch wiederum eher in ihr Repertoire aufnehmen.

Vom Zivildiener zum Pädagogen

Die Ergebnisse der Studie regten Familienministerin Sophie Karmasin an, in Zukunft verstärkt Zivildiener im Kindergarten einsetzen zu wollen -auf diese Weise könnten sich möglicherweise mehr junge Männer für dieses Berufsfeld entscheiden. Ein Vorschlag, der durchweg positiv aufgenommen wird, jedoch mit einigen Vorbehalten: "Es heißt, sie sollen nicht für pädagogische Arbeiten eingesetzt werden. Aber im Kindergarten ist alles pädagogisch, jederzeit. Man kann nicht sagen, dass beispielsweise Windelwechseln nicht pädagogisch ist, weil es ein ganz wichtiger Moment ist, in dem die Beziehung zwischen Kind und Pädagoge eine große Rolle spielt", meint etwa Raphaela Keller vom Österreichischen Dachverband der Berufsgruppen der Kindergarten-und HortpädagogInnen (ÖDKH).

Bisher habe Keller aber sehr gute Erfahrungen mit Zivildienern gemacht. Dem schließt sich auch Monika Riha, Geschäftsführerin und pädagogische Leiterin von "Kinder in Wien", an: "Viele haben bei uns als Zivildiener begonnen und sind jetzt ausgebildete Kindergartenpädagogen."

Dass Kinder bereits in ihrer ersten Bildungsstation beide Geschlechtervorbilder sehen, ist für die Pädagoginnen Riha und Keller von großem Vorteil. Dennoch ist es wichtig, den jeweiligen Pädagogen nicht auf bestimmte Rollenklischees zu reduzieren:

"Wenn es dann wieder nur darum geht, dass die Männer Fußballspielen und die Frauen Kekse backen, läuft da etwas falsch", erklärt Raphaela Keller. "Bei den Kindern wollen wir, dass sie ihre unterschiedlichen Fähigkeiten und Talente entwickeln. Wir müssen deshalb schauen, dass das bei den Erwachsenen auch so ist und sie nicht zwingend stereotype Positionen einnehmen", meint sie weiter. Um mehr Männer als Kindergartenpädagogen zu gewinnen, müsse laut Aigner bei den gesellschaftlichen Vorurteilen angesetzt werden: "Wir müssen aufhören, den Beruf wie einen Tanten-Beruf, den man quasi mit dem Geschlecht in die Wiege gelegt bekommen hat, hinzustellen."

Zudem wünscht sich Monika Riha von "Kinder in Wien", dass es für junge Männer -neben dem Zivildienst -mehr Möglichkeiten gäbe, die Arbeit im Kindergarten kennenzulernen: "So wie es in bestimmten Firmen Töchter-Tage gibt, könnte es ja in Bereichen, in denen nicht viele Männer arbeiten, Söhne-Tage geben", schlägt sie vor.

Ausbildung umgestalten

Als großes Manko in der Ausbildung sieht Aigner die Bundesanstalten für Kindergartenpädagogik (BAKIP) an, die in Österreich nach wie vor im sekundären Bildungsbereich angesiedelt sind: "Das ist für pubertierende Buben besonders ungünstig, denn für ihre Freunde gilt der Beruf oft als uncool und weiblich -sie erfahren Abwertung auf allen Ebenen." Dass die Ausbildung und damit die Entscheidung für eine Karriere im Kindergarten viel zu früh angesetzt werden, zeigen auch die Zahlen jener Personen, die sich nach dem Abschluss gegen den Eintritt in diesen Beruf entscheiden: 60 Prozent der Mädchen und gerade einmal 80 Prozent der ohnehin wenigen ausgebildeten Kindergartenpädagogen entscheiden sich für eine Karriere im Kindergarten. Der ÖDKH sowie der Forscher Josef Christian Aigner fordern daher, die Ausbildung zum Erzieher an die Universitäten zu verlegen. Die BAKIP würde man aber weiterhin für die praktischen Aspekte der Ausbildung -nur eben im tertiären Bildungsbereich -brauchen.

Mit verunsicherten Reaktionen, vor allem aufgrund des niedrigen Gehaltes von Kindergartenpädagogen, hat auch Lukas L. Erfahrung gemacht "Die meisten Leute haben einfach ein komplett falsches Bild von Pädagogen. Meinem Freund, der Chemie studiert, sage ich immer: Du hast deine Formeln, darin setzt du etwas ein und hast dein Ergebnis. Ich habe aber keinen Algorithmus, der mir sagt, wenn das Kind A macht, musst du mit B reagieren." Für die nahe Zukunft steht für Lukas L. bald ein zweimonatiges Praktikum im Kindergarten seines Zivildienstes an -nach dem Abschluss kann er sich gut vorstellen, dort als Pädagoge einzusteigen.

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