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Abschied von der "Frau am Herd"

Kinderbetreuung im ländlichen Raum wie dem Lungau bewegt sich zwischen Traditionen und neuen Wegen; zwischen sinkenden Geburtenraten und veränderten Anforderungen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Warst du bei der Tante Ilse oder bei der Tante Uta?", fragten sich Ramingsteiner Kinder der Generation 30 plus meist, wenn es um ihre Kindergartenzeit ging. Damals, in den 70er Jahren, gab es noch zwei Kindergärten.

Heute gibt es im kleinen Dorf im Salzburger Lungau nur mehr eine Kindergartengruppe, aber auch die muss sich mit schrumpfenden Nachwuchs auseinander setzen. Die aktuelle Debatte um mehr Kinderbetreuungsplätze mutet hier im 1400-Einwohner-Dörfchen etwas seltsam an, aber vorbeigezogen ist sie auch hier nicht. Ramingstein ist eine der strukturschwächsten Gemeinden im Lungau, dem südlichsten Bezirk Salzburgs. Ist schon die gesamte Bergregion von Abwanderung betroffen, so leiden besonders die kleinen Dörfer rund um den Bezirkshauptort Tamsweg noch einmal zusätzlich unter der Ausdünnung ihrer Infrastruktur.

Zittern um Nachwuchs

Der Kindergarten und auch die Volksschule tragen daher für die Bürger des Dorfes besondere Bedeutung. Zur Zeit besuchen 21 Kinder den Pfarrkindergarten im renovierten "Pfarrheim", dem Gebäude neben der Kirche und unter der Burg Finstergrün gelegen. Neun Kinder wechseln ab kommenden Herbst in die Volksschule, dann heißt es Zittern um jeden Dreijährigen. "Ich schätze aber, dass wir ab Herbst wieder 18 bis 19 Kinder haben werden", zeigt sich die Leiterin, Ingrid Winkler, optimistisch. Alle Dreijährigen werden von der Gemeinde angeschrieben und zu Schnuppertagen im Frühsommer eingeladen. Würde die Gruppe unter 15 Kinder sinken, dann müsste Ingrid Winkler alleine ihre Schützlinge fördern und betreuen. Zur Zeit arbeiten zwei Pädagoginnen mit den elf Mädchen und zehn Buben zwischen drei und sechs Jahren. Der Kindergarten hat zwischen sieben und 13 Uhr geöffnet, weit verbreitete Öffnungszeiten im Lungau. "Wir hatten schon bis 14 Uhr geöffnet", erzählt Winkler, "da bestand aber kein Bedarf." Die Eltern seien befragt worden.

In Ramingstein beginnen die meisten Kinder ab vier oder fünf Jahren, wenige ab drei. Viele Kinder werden bis dahin innerhalb der Familie betreut. "Fünf Jahre ist für den Eintritt zu spät", erklärt Winkler, "die Kinder haben meist zu wenig Zeit, um sich an die Gruppe zu gewöhnen. Ab vier ist es ideal, bei Einzelkinder ist es auch ab drei Jahren gut." Das pädagogische Angebot sei umfassend, erklärt sie: "Jeder Tag der Woche hat einen fixen Programmpunkt." Am Donnerstag etwa ist Turntag, am Freitag kochen die Kinder gemeinsam. Spezielle Förderung bräuchten die Kinder in der Sprache aufgrund des Dialekts, betont die junge Pädagogin, die gerne Landkindergärtnerin ist. Sie stammt selbst aus dem Ort. Ein Nachteil? "Ich musste Grenzen zwischen Beruf und Privatem setzen. Denn manchmal wollten Eltern über den Kindergarten sprechen, auch wenn man sich beim Spazierengehen zufällig traf."

Zufrieden mit dem Kindergarten zeigt sich Heidi Steinwender, deren sechsjähriger Sohn Marcel seit drei Jahren den Kindergarten besucht. Die Pädagoginnen machten ihre Arbeit gut, aber der kleine Marcel gehe einfach nicht sehr gerne hin. Die Trennung von der Mama mache ihm zu schaffen, erzählt die junge Frau, die bei der Gemeinde für den Bereich Tourismus zuständig ist. Aber der soziale Umgang sei wichtig für ihn als Einzelkind. Manchmal wäre es aus beruflichen Gründen schon gut, wenn die Einrichtung auch nachmittags geöffnet wäre, gibt sie zu bedenken.

Längere Öffnungszeiten bieten Kindergärten in den größeren Gemeinden, wie Tamsweg und St. Michael. Hier werden zudem auch Kinder ab einem Jahr aufgenommen. Ein Veränderungsprozess ist im Gange, der auch im Lungau mit Emotionen und Vorurteilen diskutiert wird; wie auch Maria Höller-Jäger bestätigt, die zwei alterserweiterte private Kindergruppen gegründet hat: die "Arche Noah" in St. Michael und einen Betriebskindergarten in Tamsweg. Für ihre Pionierarbeit, eine ganzjährige alterserweiterte Ganztagskinderbetreuung im Lungau einzurichten, wurde die frühere Spitzensportlerin 2004 vom Land Salzburg ausgezeichnet. "Die Frau hinterm Herd-Mentalität ist immer noch stark verbreitet", sagt Höller-Jäger. "Hat eine Frau einen tollen Job, wird nichts gesagt; hat sie aber einen einfachen Job, fragen alle, warum die Frauen nicht bei den Kindern bleiben." Auch Großmütter würden immer weniger die Betreuung der Enkelkinder übernehmen, erklärt sie, da sie selbst oft noch im Beruf stehen würden. In der Kindergruppe "Arche Noah" werden zur Zeit 17 Kinder unter drei Jahren betreut, von hundert Kindern gesamt. Nachmittags sind auch Schulkinder in der Obhut der Betreuungseinrichtung. "Alterserweitert" bedeutet, dass Kinder zwischen einem und 14 Jahren (nach der Schule) aufgenommen werden. "Einjährige gibt es sehr wenige, viele dann ab zwei Jahren." Will eine Mutter aus einer anderen Gemeinde ihr Kind in St. Michael betreuen lassen, weil es dort auch Plätze für Kinder unter drei Jahren gibt sowie längere Öffnungszeiten (bis 19 Uhr), wird es kompliziert. "Dann müssen die Eltern beim Bürgermeister des Heimatortes um Einverständnis anfragen, denn die Gemeinde, aus der das Kind stammt, muss für jene Gemeinde zahlen, in der das Kind betreut wird." Und hier spieße es sich oft. "Es gibt flotte Bürgermeister und weniger flotte", sagt die frühere Skibob-Weltmeisterin Höller-Jäger. Manche würden versuchen, die Eltern von der Idee abzubringen, weil ihr ortseigener Kindergarten nicht voll ist. Zur Zeit haben 16 Kinder aus anderen Ortschaften in der "Arche Noah" einen Platz gefunden, auch ein Ramingsteiner Kind. Dessen Gemeinde denkt über Möglichkeiten nach, die Kinder im Ort zu betreuen. Im Rahmen des Projektes "Audit, familien- und kinderfreundliche Gemeinde" soll das Tagesmütternetz für die noch geringe aber vorhandene Betreuung unter Dreijähriger oder von Schulkindern aktiviert werden, erklärt Projektleiterin Ingrid Winkler; und so vermieden werden, dass Kinder in anderen Gemeinden mit hohen Gastbeiträgen betreut werden müssten. "Zur Zeit gibt es drei Tagesmütter im Ort, die aber nicht aktiv sind, weil sie zu wenig Nachfrage haben." Daher werde um eine verstärkte Förderung durch das Land angesucht, damit sich die Arbeit einer Tagesmutter auch dann rentiert, wenn sie nur ein oder zwei Kinder in ihrer Obhut hat.

Neue Betreuungsformen

Einen anderen Weg als Ramingstein beschritt die kleinere Nachbargemeinde Thomatal. Vor vier Jahren gab es nur mehr fünf Anmeldungen, die Weiterführung des Kindergartens in dem 350 Einwohner zählenden Dörfchen war in Gefahr. Der Kindergarten war sogar für einige Monate geschlossen. Die Gemeinde startete daher mit dem Salzburger Hilfswerk einen alterserweiterten Kindergarten, auch für unter Dreijährige und Schulkinder, die auf den Bus warten. Die Gemeinde sieht dieses Projekt als Modell für andere Dörfer. "Zur Zeit werden 18 Kinder betreut", berichtet die Leiterin Susanne Leitner. Sie betreut die Kinder zwischen ein und sechs Jahren allein. Unter Dreijährige sind oft nur einige Tage die Woche in der Einrichtung, für diese Tage hat Leitner eine Hilfskraft. Die Öffnungszeiten bis 12:30 Uhr würden von den Eltern gut angenommen und seien an deren Bedürfnissen angepasst worden.

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