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"Herz und Hand sind längst nicht genug“

Schon lange ist eine Uni-Ausbildung für Kindergartenpädagoginnen im Gespräch. Nun soll es wieder nur eine abgespeckte Variante geben.

"Ich schaue mit drei Kindern ein Bilderbuch an. In der Bauecke streiten zwei Kinder um einen Bauklotz. Gleichzeitig kommt ein Kind zu mir, das den Hosenknopf nicht aufbekommt und auf die Toilette muss. In der Tür steht eine Mutter und sagt, sie müsse dringend mit mir sprechen. Die Kindergarten-Leiterin ruft mir aus dem Büro zu, dass eine Liste auszufüllen ist. Währenddessen behalte ich die restlichen zwanzig Kinder im Auge. Wenn ich abends heimgehe, weiß ich nicht, welches Kind heute wieder auf der Strecke geblieben ist.“

Raphaela Keller, Vorsitzende des Dachverbandes der Kindergarten- und Hortpädagoginnen (ÖDKH), weiß nur allzu gut, wie der Alltag im Kindergarten aussieht. Sie hat 32 Jahre lange mit Kleinkindern gearbeitet und engagiert sich schon lange für eine bessere Ausbildung von Elementarpädagoginnen. "Die politischen Versprechen sind wie die sprichwörtliche Karotte vor der Nase. Unterrichts- und Wissenschaftsministerium schieben die Verantwortung hin und her“, kritisiert Keller.

Akademisches Personal ist teurer

Ein Blick zurück: Bereits im Jahr 2007 setzt Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) mehrere Expertengruppen ein, um den Weg für eine gemeinsame Ausbildung aller Pädagogen zu ebnen: Für Kindergarten- und Volksschulpädagogen ist eine gemeinsame Basisausbildung mit jeweiliger Spezialisierung angedacht. Im jetzigen Gesetzesentwurf aber ist eine akademische Ausbildung für Kindergartenpädagoginnen wieder nicht vorgesehen.

"Wieder eine Schmalspurvariante für die Kindergarten-Ausbildung ist unannehmbar. Ich hoffe, dass der aktuelle Protest laut genug sein wird, damit Ministerin Schmied noch einlenkt“, sagt Wilfried Mayr, Vorsitzender der Österreichischen LehrerInnen-Initative (ÖLI) bei den unabhängigen GewerkschafterInnen (UGÖD). Der jetzige Gesetzesentwurf ignoriere die Wichtigkeit der Frühpädagogik: "Dort erleben Kinder ihren ersten Kontakt zum Bildungswesen, zu Institutionen, entwickeln ihre Lerneinstellung“, betont Mayr. Am 3. Mai endet die Begutachtungsfrist für den Gesetzesentwurf. "Ich befürchte, dass die politischen Kräfte in den Bundesländern, im Gemeindebund, im Land Niederösterreich nicht mehr allzu stark daran rütteln wollen“, meint Heidemarie Lex-Nalis von der Plattform EduCare, einem Zusammenschluss der akademischen Elementarpädagoginnen.

Der Kampf um die Art der Ausbildung ist auch ein Kampf um Personalkosten: Denn akademisch ausgebildeten Kindergärtnerinnen würde mehr Gehalt zustehen. "Da schreien die Gemeinden auf“, berichtet ÖDKH-Vorsitzende Keller. Andererseits gehe es auch um ideologische Scheuklappen: "In vielen Köpfen herrscht noch immer die Vorstellung, Kindergärtnerinnen bräuchten nur viel Herz und eine geschickte Hand, aber keine gute Ausbildung.“

Die Forderungen der Kindergartenpädagoginnen liegen seit langem am Tisch: Kleinere Gruppen von maximal 15 Kindern bei zwei Pädagoginnen, mehr Platz in Kindergärten, mehr Unterstützungspersonal. Dafür bräuchte es aber ein bundesweites Rahmengesetz für den Elementarbereich. Derzeit gibt es neun verschiedene Landesgesetze und 16 Gehaltsschemen. Der Einstiegslohn liegt zwischen etwa 1700 und 2200 Euro brutto.

Dass die heimischen Angebote im Elementarbereich nicht den heutigen Anforderungen entsprechen, zeigt die OECD-Studie "Starting Strong“. "Eine gut vernetzte Palette von Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsangeboten gibt es nicht“, kritisiert Lex-Nalis.

Die Qualität der Ausbildung bemängelt auch eine Absolventin einer Wiener BAKIP, die namentlich nicht genannt werden möchte: "Ich werde im Herbst ins kalte Wasser springen“, erzählt die Abendschülerin. Obwohl sie fünf Praktika absolviert hat, fühlt sie sich für den Berufseinstieg nicht gerüstet. "Ich hätte mir eine praktischere Ausbildung erwartet. Zu oberflächlich behandelt wurden die Themen Kommunikation, Interkulturalität, Bewegung, Musik, Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern, Erkennen von Gewalt und Missbrauch.“ Die angehende Pädagogin warnt vor einer rein universitären Ausbildung: "Der Unterricht sollte nicht noch theoretischer werden. Es braucht Kooperationen zwischen Kindergärten und Unis.“

Jugendliche nicht reif genug

Die BAKIP als ersten Bildungsweg für 15- bis 19-Jährige hält die 35-Jährige für bedenklich. "Viele wollen am einfachsten Weg zur Matura kommen, sind selbst noch keine reifen Persönlichkeiten.“ Auch Lex-Nalis hält eine spätere Ausbildung für sinnvoll: "14-jährige Burschen in einen traditionell weiblichen Beruf zu holen wird nie gelingen. 20- bis 25-jährige Männer sind dafür eher zu gewinnen.“

Derzeit ist der Personalmangel enorm: "Nur etwa 25 Prozent der Absolventinnen in Wien arbeiten in einem Kindergarten. Österreichweit sind es auch nur etwa 40 Prozent“, berichtet EduCare-Sprecherin Lex-Nalis. Die Drop-out-Quote ist hoch, viele arbeiten nur Teilzeit neben dem Studium. "So verlieren wir die guten Leute.“ Meist betreuen eineinhalb bis zwei Arbeitskräfte 25 Kinder. "Lernen funktioniert bei Kindern aber nur über Beziehungsqualität. Das macht es in großen Gruppen schwierig.“

"Tanten müssen nur nett sein“

Dass die bisherige Ausbildung an den BAKIPS durchaus ausreiche, meint Maria Habersack, Direktorin an der Wiener BAKIP Mater Salvatoris: "Für Leitungsaufgaben kann ich mir eine Bachelor-Ausbildung vorstellen. Einen Master halte ich nicht für nötig.“ Habersack befürchtet, dass ein Studium als Berufsvoraussetzung zu einem noch größeren Arbeitskräfte-Mangel führen könnte.

Die Meinungen der Eltern sind geteilt: "Bildungsbewusste Eltern wissen, dass die Kindergartenzeit mehr als ein Durchgang durch die Spielzeugwelt ist. Andere meinen, die Tanten müssten nur nett sein“, so Keller. Doch Bildung findet auch und gerade im Kindergarten statt: Die Forschung zeigt, dass Kinder bis zum fünften Lebensjahr 50 Prozent ihres kognitiven Potenzials erreicht haben. Der US-Ökonom und Nobelpreisträger James Heckman hat vorgerechnet: Jeder Dollar, der in die Frühförderung investiert wird, rechnet sich später um das Achtfache (siehe FURCHE Nr. 46 /2012).

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