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Perry Preschool, der Kindergarten-Coup

1945 1960 1980 2000 2020
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Österreich ringt um Reformen im Bildungssystem. Wie stark die Gesellschaft von Investitionen vor dem ersten Schultag profitiert, zeigt eine Langzeitstudie.

Zweieinhalb Stunden Gratis-Kindergarten am Tag, ein Mal pro Woche ein Hausbesuch der Pädagoginnen: Das Projekt, das Anfang der 60er Jahre in der Kleinstadt Ypsilanti in Michigan startete, war pädagogisch ambitioniert. Aber revolutionär schien es nicht. 58 Kinder aus benachteiligten, schwarzen Familien und armen Stadtvierteln durften zwei Jahre lang in die kostenlose "Perry Preschool“ gehen. Die Erzieherinnen waren akademisch qualifiziert und betreuten je acht Kinder. Eine Referenzgruppe von 65 Kindern besuchte keinen Kindergarten. In die Volksschule starteten alle gemeinsam.

Heute sind die Probanden von damals in ihren 50ern. Und während in Österreich das Bildungsvolksbegehren anläuft, reist ein Nobelpreisträger um den Globus und verkündet, dass eine Vorschule nach dem Perry-Modell die lukrativste Investition in die Gesellschaft ist. James Heckman hat sich das Datenmaterial der Langzeitstudie besorgt und noch einmal analysiert. Sein Fazit: "Die Perry Preschool hatte ungeheure Vorteile - sie war hilfreich für die Kinder und extrem lohnend für Staat und Gesellschaft.“ Die Zeitschrift Science widmete dem Experiment von Ypsilanti jüngst einen Schwerpunkt und reüssierte: "Für jeden Dollar, der dort investiert wurde, hat die Gesellschaft bis zu 16 Dollar gespart, weil die Kinder besser in der Schule abschneiden, bessere Jobs finden und seltener im Gefängnis landen.“

Besonders frappant sind die Unterschiede zwischen den Preschool-Kindern und der Kontrollgruppe beim Thema Kriminalität: Die Experimentalgruppe beging bis zu ihrem 40. Geburtstag ein Drittel weniger Eigentumsdelikte, halb so viele Morde, 60 Prozent weniger Drogenkriminalität, und verbrachte nur rund halb so viele Monate im Gefängnis, wie die Kontrollgruppe.

Erfolgsbilanz der Ökonomen

Und weil den Staat kaum etwas so teuer kommt wie die Kriminalität seiner Bürger, stellen Ökonomen wie James Heckman eine Erfolgsbilanz auf: Jeder männliche Versuchsteilnehmer, der als Kind in den Gratis-Kindergarten ging, verursachte bis zu seinem 40. Geburtstag um 150.000 Dollar geringere "Kriminalitätskosten“ als die Probanten der Referenzgruppe.

Wäre die Welt also ein besserer Ort, wenn alle Kinder in den Intensiv-Kindergarten gehen? "Nein“, meint Felix Berth, Journalist bei der Süddeutschen Zeitung und Autor von "Die Verschwendung der Kindheit“, "ein Kind, das in einer behüteten, fördernden Familie aufwächst, wird von einem ambitionierten Preschool-Programm wenig profitieren. Die Kinder aus den schwierigsten Familien brauchen die beste Unterstützung.“

Keine Gießkannen-Förderung

Das heißt auch: Die Betreuungseinrichtungen, die es am schwersten haben, bräuchten am meisten Mittel. Aber: "In Österreich fehlt der Zugang, dass man sich speziell die Brennpunktviertel vornimmt, in denen besonders viele Kinder ein großes Bedürfnis an hoher Betreuungsintensität haben“, bemängelt Heide Lex-Nalis von der Bildungsplattform EduCare. Und auch Erwin Greiner von der Initiative "Bildung Grenzenlos“ kritisiert: "Bei uns wird Geld nach dem Gießkannenprinzip und pro Kopf verteilt.“ Der Nationalrat hat zwar gerade beschlossen, bis 2014 zusätzliche 55 Millionen Euro in Kinderbetreuungsplätze zu investieren, "aber nur in den quantitativen Ausbau, die Qualität bleibt auf der Strecke“, meint Lex-Nalis.

Das zeigt sich auch an anderer Stelle: Österreich ist europaweit das einzige Land, in dem Kindergartenpädagoginnen nicht an einer Hochschule ausgebildet werden. Politischen Druck soll das Bildungsvolksbegehren ausüben, hoffen Lex-Nalis und Greiner. Das fordert unter anderem die Gleichstellung der Kindergärten mit Schulen, ein flächendeckendes Angebot an elementarpädagogischen Einrichtungen und eine universitäre Ausbildung für Kindergartenpädagoginnen. Um alle Reformen umzusetzen, müsste freilich mehr Geld - und das differenzierter - in die Hand genommen werden. Statt dem von der OECD empfohlenen einen Prozent des Bruttoinlandsprodukts, wird hierzulande derzeit nämlich nur ein halbes Prozent in vorschulische Bildung investiert. Rund 7.500 Dollar gibt Österreich momentan pro Jahr für jedes Kindergartenkind aus. Die Kosten der Perry Preschool würde sich heutzutage auf etwa 10.000 Dollar pro Kind belaufen.

Die Verschwendung der Kindheit

Wie Deutschland seinen Wohlstand verschleudert. Von Felix Berth

208 Seiten, Beltz 2011, € 18,50

Österreich ringt um Reformen im Bildungssystem. Wie stark die Gesellschaft von Investitionen vor dem ersten Schultag profitiert, zeigt eine Langzeitstudie.

Zweieinhalb Stunden Gratis-Kindergarten am Tag, ein Mal pro Woche ein Hausbesuch der Pädagoginnen: Das Projekt, das Anfang der 60er Jahre in der Kleinstadt Ypsilanti in Michigan startete, war pädagogisch ambitioniert. Aber revolutionär schien es nicht. 58 Kinder aus benachteiligten, schwarzen Familien und armen Stadtvierteln durften zwei Jahre lang in die kostenlose "Perry Preschool“ gehen. Die Erzieherinnen waren akademisch qualifiziert und betreuten je acht Kinder. Eine Referenzgruppe von 65 Kindern besuchte keinen Kindergarten. In die Volksschule starteten alle gemeinsam.

Heute sind die Probanden von damals in ihren 50ern. Und während in Österreich das Bildungsvolksbegehren anläuft, reist ein Nobelpreisträger um den Globus und verkündet, dass eine Vorschule nach dem Perry-Modell die lukrativste Investition in die Gesellschaft ist. James Heckman hat sich das Datenmaterial der Langzeitstudie besorgt und noch einmal analysiert. Sein Fazit: "Die Perry Preschool hatte ungeheure Vorteile - sie war hilfreich für die Kinder und extrem lohnend für Staat und Gesellschaft.“ Die Zeitschrift Science widmete dem Experiment von Ypsilanti jüngst einen Schwerpunkt und reüssierte: "Für jeden Dollar, der dort investiert wurde, hat die Gesellschaft bis zu 16 Dollar gespart, weil die Kinder besser in der Schule abschneiden, bessere Jobs finden und seltener im Gefängnis landen.“

Besonders frappant sind die Unterschiede zwischen den Preschool-Kindern und der Kontrollgruppe beim Thema Kriminalität: Die Experimentalgruppe beging bis zu ihrem 40. Geburtstag ein Drittel weniger Eigentumsdelikte, halb so viele Morde, 60 Prozent weniger Drogenkriminalität, und verbrachte nur rund halb so viele Monate im Gefängnis, wie die Kontrollgruppe.

Erfolgsbilanz der Ökonomen

Und weil den Staat kaum etwas so teuer kommt wie die Kriminalität seiner Bürger, stellen Ökonomen wie James Heckman eine Erfolgsbilanz auf: Jeder männliche Versuchsteilnehmer, der als Kind in den Gratis-Kindergarten ging, verursachte bis zu seinem 40. Geburtstag um 150.000 Dollar geringere "Kriminalitätskosten“ als die Probanten der Referenzgruppe.

Wäre die Welt also ein besserer Ort, wenn alle Kinder in den Intensiv-Kindergarten gehen? "Nein“, meint Felix Berth, Journalist bei der Süddeutschen Zeitung und Autor von "Die Verschwendung der Kindheit“, "ein Kind, das in einer behüteten, fördernden Familie aufwächst, wird von einem ambitionierten Preschool-Programm wenig profitieren. Die Kinder aus den schwierigsten Familien brauchen die beste Unterstützung.“

Keine Gießkannen-Förderung

Das heißt auch: Die Betreuungseinrichtungen, die es am schwersten haben, bräuchten am meisten Mittel. Aber: "In Österreich fehlt der Zugang, dass man sich speziell die Brennpunktviertel vornimmt, in denen besonders viele Kinder ein großes Bedürfnis an hoher Betreuungsintensität haben“, bemängelt Heide Lex-Nalis von der Bildungsplattform EduCare. Und auch Erwin Greiner von der Initiative "Bildung Grenzenlos“ kritisiert: "Bei uns wird Geld nach dem Gießkannenprinzip und pro Kopf verteilt.“ Der Nationalrat hat zwar gerade beschlossen, bis 2014 zusätzliche 55 Millionen Euro in Kinderbetreuungsplätze zu investieren, "aber nur in den quantitativen Ausbau, die Qualität bleibt auf der Strecke“, meint Lex-Nalis.

Das zeigt sich auch an anderer Stelle: Österreich ist europaweit das einzige Land, in dem Kindergartenpädagoginnen nicht an einer Hochschule ausgebildet werden. Politischen Druck soll das Bildungsvolksbegehren ausüben, hoffen Lex-Nalis und Greiner. Das fordert unter anderem die Gleichstellung der Kindergärten mit Schulen, ein flächendeckendes Angebot an elementarpädagogischen Einrichtungen und eine universitäre Ausbildung für Kindergartenpädagoginnen. Um alle Reformen umzusetzen, müsste freilich mehr Geld - und das differenzierter - in die Hand genommen werden. Statt dem von der OECD empfohlenen einen Prozent des Bruttoinlandsprodukts, wird hierzulande derzeit nämlich nur ein halbes Prozent in vorschulische Bildung investiert. Rund 7.500 Dollar gibt Österreich momentan pro Jahr für jedes Kindergartenkind aus. Die Kosten der Perry Preschool würde sich heutzutage auf etwa 10.000 Dollar pro Kind belaufen.

Die Verschwendung der Kindheit

Wie Deutschland seinen Wohlstand verschleudert. Von Felix Berth

208 Seiten, Beltz 2011, € 18,50