Digital In Arbeit

Spielball der Ideologien

Verhindern weltanschauliche Debatten den Bildungsdiskurs über vorschulische Einrichtungen? Nicht das erstemal in der Geschichte. Meist fangen sie mit der Kindergartenzeit an - die Erinnerungen. Zugleich ist sie eine neue einschneidende Phase für Eltern und Kind. Wie kaum ein anderes Thema hat vor allem die Betreuung Unter-Dreijähriger die Diskussion der letzten Monate geprägt. Dieses Dossier stellt das Kind in den Mittelpunkt und beleuchtet die Eingewöhnungszeit sowie unterschiedliche Kindergartenszenarien. redaktion: regine bogensberger

Die wahre Erziehung beginnt aber früh, früher als man bisher wissen wollte. Die Massen müssen von Kindheit auf gebildet, erzogen werden; aus rohen Kindern ist nie viel geworden." Mit diesen Worten begründete der Wiener Carl Helm im Jahr 1851 die Notwendigkeit, Institutionen zu schaffen, in denen Kinder ab dem ersten Lebensjahr betreut werden. Schon Ende des 18. Jahrhunderts wurden erste "Bewahranstalten" für Drei-bis Sechsjährige geschaffen, die sich rasch verbreiteten. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts folgten - allerdings spärlicher - Krippen für Kinder von null bis drei Jahren. Doch anders als die Schule, deren Nutzen ab Einführung der Schulpflicht nicht mehr in Frage gestellt wurde, mussten sich Vorschuleinrichtungen ständig kritisch hinterfragen lassen.

So ist auch gegenwärtig um die institutionelle Erziehung der Null-bis Sechsjährigen eine heftige politische Debatte entbrannt, die sich auf zwei Positionen zuspitzen lässt: Die eine Seite beklagt, dass aufgrund von fehlenden Kindergarten- und Kinderkrippenplätzen Frauen von der Erwerbsarbeit - und somit aus einem wesentlichen Lebensbereich - ausgeschlossen sind, die andere Seite kritisiert, dass die für die kindliche Entwicklung so bedeutsame Mutter-Kind-Beziehung nicht entfaltet werden kann, was sich schädlich auf das Kind, aber auch auf die Familie und somit auf die Gesellschaft insgesamt auswirkt. Mit diesen Argumenten werden bestimmte Überzeugungen und Werthaltungen transportiert, ohne jedoch in Betracht zu ziehen, was Kleinkinder, die Adressaten dieser Einrichtungen, in ihrer Entwicklung unterstützt bzw. behindert.

Image einer Bewahranstalt

Die pädagogischen Einrichtungen für die Zeit vor dem Schuleintritt sind differenziert zu betrachten: Während die Akzeptanz des Kindergartens für die Drei-bis Sechsjährigen mittlerweile sehr hoch ist, spalten sich die Meinungen bei der Betreuung der Babys und Kleinkinder. Den Kinderkrippen, die es nur in geringer Zahl gibt, haftet oft das Image der Bewahranstalt an. So besuchen in Österreich laut einer im Vorjahr veröffentlichten OECD-Studie 86 Prozent der Kinder von drei bis sechs Jahren einen Kindergarten, aber nicht einmal neun Prozent der Kinder von null bis drei Jahren eine Kinderkrippe.

Die ideologisch geführte Diskussion um die öffentliche Früherziehung ist nicht neu, sondern begann schon zur Zeit der Errichtung der ersten Vorschulinstitutionen. Wesentliche Aufgabe der ersten "Aufbewahrungs-Anstalten" und "Warteschulen" war es, die Kinder aus Arbeiter- und Tagelöhnerfamilien, in denen beide Elternteile berufstätig waren, zu beaufsichtigen und ihre moralisch-sittliche Entwicklung in gewünschter Weise zu beeinflussen. Zum einen wurde damit die Erwerbstätigkeit beider Elternteile ermöglicht; zum anderen konnte man die Kinder vor Verwahrlosung bewahren und zugleich die Möglichkeit eröffnen, sie zu unterrichten und zu erziehen, was letztlich zur Verbesserung ihrer Lebenssituation beitragen sollte. Doch diese Sichtweise wurde nicht von allen akzeptiert und gutgeheißen, da es - insbesondere von Staat und Kirche - als Gefährdung für die bestehende Gesellschaftsordnung angesehen wurde, wenn die unterprivilegierten Schichten zuviel an Bildung erhielten.

Ein anderer kritischer Einwand kam von Seiten des aufgeklärten Bürgertums. Angeregt durch die Ausführungen von Rousseau, wie bedeutsam die frühe Kindheit sei, entwarfen die deutschen Philanthropen neue Vorstellungen zur Kindererziehung in den bürgerlichen Familien. Es sollte nicht bloß abgewartet werden, bis die Kinder von selbst heranreifen und in die Schule eintreten, sondern sie sollten erzogen und gebildet werden. Diese Aufgabe wurde, was damals gänzlich neu war, den Müttern zugetragen. Sie waren nun innerhalb der Kleinfamilienstruktur zuständig für die Erziehung und Pflege der Kleinkinder und konnten dabei die natürlichen Fähigkeiten der Kinder wie auch ihre eigenen als Mutter entfalten. Dieses neu geschaffene bürgerliche Ideal wurde innerhalb kurzer Zeit zum Maßstab der gesamten Gesellschaft. Nicht nur in Bürgersfamilien wurde den Müttern die Rolle der Kindererzieherin zugeschrieben, sondern auch den Frauen im proletarischen und bäuerlichen Milieu.

Damit gerieten die Vorschuleinrichtungen in ungeahnte Spannungsfelder: Aus bürgerlicher Sicht trugen sie zur Entfremdung des Kindes von der Familie bei und gefährdeten damit die Familienstrukturen. Auch die Frauenerwerbstätigkeit war aus bürgerlicher Sicht abzulehnen, weshalb die Einrichtungen nur als Übergangsraum legitim waren, bis die Mutter wieder vollständig bei ihrem Kind sein konnte. Sie waren somit nur "Notbehelfe", die die Erwerbstätigkeit der Mutter ermöglichen und ihre Abwesenheit ausgleichen.

Qualität vernachlässigt

Diese Sichtweise verhinderte, dass sich die Einrichtungen darum bemühten, eine eigenständige, der Familienwelt vergleichbare pädagogische Qualität zu etablieren. Zugleich wurde deutlich, dass die Frauenerwerbsarbeit nicht abnahm, sondern sich über die Arbeiterschaft hinaus auch in anderen Schichten verbreitete. Das Postulat von der ausschließlichen Vorherrschaft der Mutter in der Erziehung in den ersten sechs Lebensjahren wurde bald brüchig, ohne dass dies Konsequenzen für die Anstalten mit sich brachte.

Im beginnenden 20. Jahrhundert wurde deutlich, dass es nicht bloß die Arbeiterkinder waren, die unterstützungsbedürftig waren, sondern noch weitere Bevölkerungsgruppen. Damit wurde öffentliche Vorschulerziehung zu einer gesellschaftlich notwendigen Aufgabenstellung, die nicht bloß temporären Charakter haben konnte. Diese Einsicht änderte nichts daran, dass sie nach wie vor als schlechter Ersatz für die Erziehung innerhalb der Familie betrachtet wurde. Erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etablierte sich der Kindergarten für die Drei-bis Sechsjährigen weitgehend als eine familienergänzende Einrichtung, der wesentliche Sozialisationsfunktion zukommt. Anders steht es mit der Akzeptanz der Kinderkrippen. Sie gelten noch immer als "Notbehelf", da das Kind bei der Mutter bzw. innerhalb der Familie besser aufgehoben wäre. In der Krippe könne nur das Schlimmste verhindert werden. Dieses negative Image wirkt nach wie vor abschreckend, dementsprechend ist die Ausstattung nicht ausreichend. Aus diesem Teufelskreis auszusteigen, wird erst dann möglich sein, wenn über die Gestaltung der Kinderkrippen aus pädagogischer Perspektive diskutiert wird.

Es mag die aktuelle Debatte zur Vorschulerziehung noch stark ideologisch geprägt sein, doch ein entscheidender Wandel ist nicht zu übersehen. Ausgehend vom neuen Paradigma, alle Vorschuleinrichtungen - und somit auch die Kinderkrippen - als Bildungsinstitutionen zu definieren, wird vermehrt darüber gesprochen, was Bildung in der frühen Kindheit kennzeichnet und wie Bildungsprozesse in diesem Alter unterstützt und begleitet werden können. Ein Resultat stellen Bildungspläne dar, wie sie in Deutschland erstellt wurden. In weiterer Konsequenz ist zu überlegen, was qualitativ hochwertige Kinderkrippen und Kindergärten auszeichnet. Studien in Großbritannien haben gezeigt, dass das Zusammenspiel unterschiedlicher Parameter die Qualität von Einrichtungen ausmacht. Wesentlich dabei ist neben der Bildungsorientierung, dem freien Spiel in anregend gestalteter Lernumgebung, der gezielten sozialen und kognitiven Förderung auch die Fähigkeit des Personals, die Kinder individuell in ihren Entwicklungsaktivitäten zu stützen und sie zu (selbst-)reflexiven Prozessen anzuregen.

In den letzten Jahren ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Pädagogik der frühen Kindheit intensiv betrieben worden. Wissenschaftliche Erkenntnisse können dazu beitragen, den Blick - nicht verstellt durch Ideologien - darauf zu lenken, wie Vorschuleinrichtungen weiterentwickelt und den kindlichen Bedürfnissen angemessen gestaltet werden können. Zwei begleitende Maßnahmen wären entscheidend: zum einen müsste institutionelle Vorschulerziehung eine Angelegenheit des Bildungsministeriums sein und zum anderen sollte die Ausbildung aufgewertet und (wie in vielen anderen Ländern) an Universitäten angesiedelt werden.

Die Autorin ist Universitätsassistentin am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau