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"Man muss nicht an den Kindern ziehen."

Die Kindheit - Zeit der Bildung vom ersten Tag an oder unbeschwertes Spielen und autonome Entwicklung? Leistung oder freie Entfaltung: Sind das Gegensätze oder Zwillinge? Die Kindheit ist im Wandlungsprozess, ist sie auch in Gefahr?

Für den jüngst verstorbenen schwedischen Filmemacher Ingmar Bergman war die "Welt der Kindheit immer die unterste Schublade meiner Arbeit", wie er in seinem Buch Bilder (1990) niederschrieb. Er widmete sich der Suche nach den Abgründen eines Menschen; Kindheit gilt auch als Zeit von Wunden und Verletzungen durch Fehler der Erwachsenen.

Abseits der sensiblen, tief gehenden Filmwelt Bergmans - im aktuellen politischen Diskurs - wird Kindheit vorwiegend unter dem Aspekt von Bildung und pädagogischen Maßnahmen gesehen. Ob frühkindliche Bildungspläne oder Vorschuldebatten, ob die Reform des Schulsystems oder Sprachförderung von Migrantenkindern - kaum eine Debatte über unseren Nachwuchs, die nicht mit Bildung zu tun hat. Grundsätzlich gut, meinen Experten, aber mit Auflagen.

"Dass alle Parteien quer durch die ideologischen Ausrichtungen in dieser Frage ins selbe Horn stoßen, ist allerdings neu", meint Johanna Mierendorff, Erziehungswissenschafterin an der Martin-Luther-Universität Halle. Die deutsche Forscherin in Sachen Kindheit und Kindheitssoziologie sieht diese "Pädagogisierung der Kindheit" auch kritisch.

Alles für die Wirtschaft

"Es ist eine Pädagogisierung, die sich der Ökonomie unterwirft. Es geht um Vereinheitlichung von Sprachen und Entwicklungstempi und um die besten Bedingungen, um Menschen in den Arbeitsprozess einmünden zu lassen." Die Bedürfnisse der Kinder, wie sie ihren Lebensraum gestalten wollen, seien hingegen nicht im Zentrum der Debatte. "Gute Kindheit" ist für Mierendorff die Möglichkeit und Freiheit eines Kindes, sich innerhalb von geschützten Räumen eigenständig zu entfalten.

Dennoch hält die Wissenschafterin nichts davon, allzu pessimistisch Pädagogisierung den romantischen Vorstellungen von unbeschwertem Spielen und Toben in freier Natur einfach gegenüberzustellen. "Man müsste beide Extreme zunächst definieren. Ein pädagogisches Setting kann freie Entfaltung, auch das Spielen kann Unfreiheit beinhalten."

Die Diskussionen über Kinder, Kindheit und Erziehung spiegeln einen komplexen Wandlungsprozess wider, dem viele Etiketten aufgeklebt werden - von Pädagogisierung der Kindheit ist genauso die Rede wie von Medien-, Konsumkindheit, gestresster, verplanter, verinselter oder gar verlorener Kindheit, um nur einige zu nennen. Mit dem Wandel der Gesellschaft verändert sich natürlich die Bedeutung von Kindheit, der Blick auf die Kinder und umgekehrt deren Blick auf die Erwachsenenwelt.

"Die einzelnen Lebensphasen werden immer stärker leistungsorientiert gesehen und professionalisiert", erklärt auch Rudolf Richter, Soziologe an der Universität Wien, die Pädagogisierungstendenz. Zugleich leben wir in einer Wissensgesellschaft. Auch Richter fügt der neutral-analytischen Betrachtung der Gesellschaft, in der Kindheit stattfindet, eine kritische Bemerkung an. Die Frage "Wo fühlen sich Kinder wohl?" werde zu wenig gestellt. Richter untersuchte im Rahmen einer Studie, wie Kindergärten gestaltet werden sollten, die Wünsche der Kinder anhand eines Baukastens. Ergebnis: Kinder sehnen sich nach mehr Freiraum, nach Verstecken und nach Kontinuität der Gruppe und Pädagogen. Den Kindern würde es gar nichts ausmachen, auf so genannten Gstätten (unbebauten und ungepflegten Plätze, die es immer weniger gibt) zu spielen anstatt auf sauberen und sicheren Kinderspielplätzen, zieht Richter Schlüsse aus der Studie.

Spielen auf Gstätten

Aber wie frei darf Kindheit sein? - eine Frage, die seit Ende der 60er-Jahre und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen heiß diskutiert wird.

Der Wiener Erziehungswissenschafter Richard Olechowski zeigt sich ebenso skeptisch gegenüber zu frühem Bildungsanspruch, dessen Wurzeln er in der Sprachförderung von Migrantenkindern sieht. "Die Kinder kommen noch früh genug in die Mühlen der Leistungsgesellschaft. Man soll den Kindern die Kindheit lassen." Olechowski warnt die Eltern auch vor verfrühtem Ehrgeiz. Er plädiert für "verschiedene Betreuungsangebote, das Angebot attraktiv machen, finanzielle Schranken beseitigen und die Kinder behutsam in die Schulpflicht einführen." Wesentlich ist für den Erziehungswissenschafter auch das Bemühen, den Wissensdurst der Kinder nicht zu bremsen. Das liege vor allem an den Lehrern.

Die Gefahr, dass den Kindern ihre Kindheit geraubt wird, sieht Olechowski sehr wohl. Er weist auf mehrere zusammenwirkende Faktoren hin: Zunächst erhalten Kinder - ganz wertneutral gesprochen - mehr Lernanregungen durch Medienkonsum. Dies kann aber leicht zur Reizüberflutung führen. Dazu kommt die veränderte Ernährungssituation, die sich komplex auswirkt, damit einhergehend eine verfrühte Pubertät. Dramatischer sieht er aber die veränderten Familienstrukturen, die Diskontinuitäten von Beziehungen - "Das schafft für Kinder enorme Probleme und raubt manchen davon die Kindheit."

Die Unsicherheit der Beziehungen und Relativität von Werten brachte eine Orientierungslosigkeit im Umgang mit Kindern mit sich. Wie viel erziehen nach der als gescheitert gebrandmarkten antiautoritären Erziehungsform? Wie wenig erziehen nach Erfahrungen vieler mit zu engen Grenzen im eigenen Heranwachsen? Oder überhaupt erziehen?

Die Elternberaterin Brigitte Moser vernimmt bei den Eltern eine große Unsicherheit, aber auch Offenheit, sich mit Erziehungskonzepten auseinander zu setzen. Moser ist ausgebildete Volksschullehrerin und leitet Eltern-Kind-Gruppen nach dem Konzept der Wiener Kinderärztin Emmi Pikler (1902-1984) - in so genannten "Pikler-SpielRäumen". Piklers Schule reiht sich in eine Kette von Reformpädagogen wie Maria Montessori oder Rudolf Steiner, die Respekt vor dem Kind, Beziehung zueinander, autonome Entwicklung betonen; die Kinder sollen also nicht als passive Empfänger von Erziehung und Bildung, sondern als aktive Gestalter ihres Lebens von Geburt an gesehen werden.

Erziehung oder Beziehung

Piklers Arbeit mit Kindern war während ihres Lebens auch stark angefeindet. Heute erlebt ihr Beziehungskonzept zum Kleinkind wieder mehr und mehr an Bedeutung. Ähnliche Ansätze vertritt etwa auch der dänische Familientherapeut Jesper Juul, der zeitgemäß die Ideen vom "kompetenten Kind" weiterentwickelte.

Die Pädagogisierung setzt demgemäß bei den Eltern an und nicht bei den Kindern, erklärt Brigitte Moser: "Familien sollen von Geburt ihres Kinder an im Elternsein unterstützt werden, wie sie in Beziehung treten; dass sie auch erkennen, dass es gut ist, wie die Kinder sind, und nicht ständig an ihnen ziehen und sie verändern wollen." Die Kinder wiederum müssten darin unterstützt werden, dass sie zu selbstbewussten Menschen heranwachsen, die wissen, was sie wollen, sich nicht jeder Norm anpassen. Es sollte laut Moser vor allem in Kindergärten nicht darum gehen, alle gleich zu machen, sondern die Stärken eines jeden Kindes zu fördern und die Schwächen hinzunehmen, ohne sie zu bewerten.

"Eltern haben oft Angst und fragen sich, was denn dann noch ihre Rolle sei?", erklärt Moser die Skepsis gegenüber solchen Konzepten. Doch sowohl Pikler als auch Juul setzen hohe Ansprüche in die Führungsqualitäten der Eltern, wobei Bevormundung und Grenzen-Setzen sich wesentlich unterscheiden.

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