Kinder und Gott - © APA-FOTO: HARALD SCHNEIDER

Spiritualität von Kindern: Herzensbildung braucht Herzenszeit

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Plädoyer für eine spiritualitätssensible Pädagogik angesichts eines Gottes der Gewinnmaximierung.

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Ein Plädoyer für eine spiritualitätssensible Pädagogik angesichts eines Gottes der Gewinnmaximierung.

Israel (6) wird im Rahmen einer Forschungsarbeit von einer meiner Studentinnen gefragt, was er über Gott denkt. Er zeigt ihr seine Zeichnung und sagt: "Das ist Gott mit den Schutzengeln. Die sind Freunde von Gott und schützen den Menschen.“ Dann meint er: "Die Schutzengel sollen den Gott schützen, weil ich ihn nicht sterben lassen möchte. Wenn ich ihn sehen könnte, möchte ich mit ihm spielen.“ Woher hat Israel diese Ideen? Er geht in einen multikulturellen Kindergarten, in dem auch religiöse Themen besprochen werden. Von Gott und Schutzengeln war da vermutlich schon die Rede. Aber wieso möchte er mit Gott spielen? Das bleibt zu Recht Israels Geheimnis. Deutlich wird nur, dass er eine intensive Nähe zum Göttlichen verspürt, die er nicht missen, sondern noch stärker erfahren möchte.

In ihrem Buch "The Spirit of the Child“ (2006) beschreiben die britischen Forscher David Hay und Rebecca Nye die spirituelle Sensibilität von Kindern. Diese zeige sich vor allem dort, wo die Wahrnehmungen der Kinder an eine Grenze stoßen und sie an dieser Grenze ein "Geheimnis“ spüren (mystery-sensing). Die Spiritualität der Kinder äußere sich durchgehend als "Beziehungsbewusstsein“: Kinder wissen sich in Beziehung mit anderen Menschen, mit der Umgebung, mit sich selbst und mit Gott. Die Beziehung zum Göttlichen, die Transzendenzerfahrung habe für sie eine intime Bedeutung. Sie erleben diese als einen sie beglückenden, umhüllenden Zusammenhang, den sie zuweilen wie einen Schatz hüten.

Spirituell hochbegabt

Glaubt man dem Hirnforscher Gerald Hüther, dann kommen alle Kinder spirituell hoch begabt auf die Welt. Die Fähigkeit zu vertrauen, zuversichtlich zu sein, achtsam die Welt wahrzunehmen, sich in andere empathisch einzufühlen, verbindliche Beziehungen einzugehen, das Leiden anderer Natur- und Menschenwesen zu erkennen und lindern zu helfen- all das ist unseren Kindern schon in sehr frühen Jahren gegeben, wie auch erfahrene Elementarpädagoginnen wissen: Sie verfügen über eine intensive Lust, das Leben zu gestalten. Und sie tragen ein Geheimnis in sich, das über die wahrzunehmende Wirklichkeit hinausweist.

Was Kinder können, das müssen sich erwachsene Manager und Vielbeschäftigte in teuer bezahlten Burnout-Präventionskursen neu erarbeiten. Meditatives Gehen in der Natur, achtsames Hören auf die innere Stimme, dankbare Verbundenheit mit dem großen Ganzen - diese Fähigkeiten haben viele von uns Erwachsenen irgendwo am Weg verloren. Alarmierend ist, dass dieser Verlust gegenwärtig schon sehr früh im Leben stattfinden kann und viele Kinder nur mehr eine sehr kurze Phase des Kindsein-Dürfens erleben. Schon Vierjährige werden auf der Rad- oder Skipiste für zukünftige Wettrennen trainiert oder in Englisch-Sprachkurse gebracht, damit sie sich später beruflich international bewähren können. Aufregende Computerspiele, schnell geschnittene Fernsehserien bannen die Aufmerksamkeit der unvoreingenommen Kinderherzen. Und dabei verlernen sie, was ihnen angeboren ist: die Fähigkeit zur Ruhe zu kommen, mittels eigener Fantasie große Abenteuer zu erleben, Freundschaften zu schließen.

Israel (6) wird im Rahmen einer Forschungsarbeit von einer meiner Studentinnen gefragt, was er über Gott denkt. Er zeigt ihr seine Zeichnung und sagt: "Das ist Gott mit den Schutzengeln. Die sind Freunde von Gott und schützen den Menschen.“ Dann meint er: "Die Schutzengel sollen den Gott schützen, weil ich ihn nicht sterben lassen möchte. Wenn ich ihn sehen könnte, möchte ich mit ihm spielen.“ Woher hat Israel diese Ideen? Er geht in einen multikulturellen Kindergarten, in dem auch religiöse Themen besprochen werden. Von Gott und Schutzengeln war da vermutlich schon die Rede. Aber wieso möchte er mit Gott spielen? Das bleibt zu Recht Israels Geheimnis. Deutlich wird nur, dass er eine intensive Nähe zum Göttlichen verspürt, die er nicht missen, sondern noch stärker erfahren möchte.

In ihrem Buch "The Spirit of the Child“ (2006) beschreiben die britischen Forscher David Hay und Rebecca Nye die spirituelle Sensibilität von Kindern. Diese zeige sich vor allem dort, wo die Wahrnehmungen der Kinder an eine Grenze stoßen und sie an dieser Grenze ein "Geheimnis“ spüren (mystery-sensing). Die Spiritualität der Kinder äußere sich durchgehend als "Beziehungsbewusstsein“: Kinder wissen sich in Beziehung mit anderen Menschen, mit der Umgebung, mit sich selbst und mit Gott. Die Beziehung zum Göttlichen, die Transzendenzerfahrung habe für sie eine intime Bedeutung. Sie erleben diese als einen sie beglückenden, umhüllenden Zusammenhang, den sie zuweilen wie einen Schatz hüten.

Spirituell hochbegabt

Glaubt man dem Hirnforscher Gerald Hüther, dann kommen alle Kinder spirituell hoch begabt auf die Welt. Die Fähigkeit zu vertrauen, zuversichtlich zu sein, achtsam die Welt wahrzunehmen, sich in andere empathisch einzufühlen, verbindliche Beziehungen einzugehen, das Leiden anderer Natur- und Menschenwesen zu erkennen und lindern zu helfen- all das ist unseren Kindern schon in sehr frühen Jahren gegeben, wie auch erfahrene Elementarpädagoginnen wissen: Sie verfügen über eine intensive Lust, das Leben zu gestalten. Und sie tragen ein Geheimnis in sich, das über die wahrzunehmende Wirklichkeit hinausweist.

Was Kinder können, das müssen sich erwachsene Manager und Vielbeschäftigte in teuer bezahlten Burnout-Präventionskursen neu erarbeiten. Meditatives Gehen in der Natur, achtsames Hören auf die innere Stimme, dankbare Verbundenheit mit dem großen Ganzen - diese Fähigkeiten haben viele von uns Erwachsenen irgendwo am Weg verloren. Alarmierend ist, dass dieser Verlust gegenwärtig schon sehr früh im Leben stattfinden kann und viele Kinder nur mehr eine sehr kurze Phase des Kindsein-Dürfens erleben. Schon Vierjährige werden auf der Rad- oder Skipiste für zukünftige Wettrennen trainiert oder in Englisch-Sprachkurse gebracht, damit sie sich später beruflich international bewähren können. Aufregende Computerspiele, schnell geschnittene Fernsehserien bannen die Aufmerksamkeit der unvoreingenommen Kinderherzen. Und dabei verlernen sie, was ihnen angeboren ist: die Fähigkeit zur Ruhe zu kommen, mittels eigener Fantasie große Abenteuer zu erleben, Freundschaften zu schließen.

Wir sollten unsere Kinder dabei unterstützen, ihre spirituell-kreativen Kräfte auszubauen: als Schutzwall gegen inneres Verdorren und falsche Versprechungen.

In ihrer grundsätzlichen Neugier greifen Kinder alles auf, was ihnen die Welt bietet. So begeistern sich beispielsweise einige Schulfreunde unseres Siebenjährigen gerade für "Star Wars“-Karten und "Star Wars“-Legospielzeug und zeigen sich als große Experten des galaktischen Kampfes. Auf meine Frage, was denn das Tolle an "Star Wars“ sei, antwortete mir unser Sohn: "Dass man da immer was kaufen kann!“ Das haben die Miterzieher aus der Werbe- und Spielzeugbranche gut hingekriegt! Selbst ein Kind, das selber noch niemals "Star Wars“-Produkte gekauft hat, begreift die Botschaft: das Glück liegt im Kaufakt selber. Dass dieses Glück kurzlebig ist und etwas kostet, ist ganz im Sinne der neokapitalistischen Religion. Der Gott der Gewinnmaximierung hat kein Interesse an den lebendigen Herzen der Kinder, im Gegenteil. Die Kinder sollen vergessen, dass sich kostenlose Holzstücke genauso gut als Schwerter eignen - und dass sie mittels eigener Fantasie aus allem das tollste Spielzeug kreieren können.

Angesichts immer aggressiver werdender Werbestrategien und hektischer Berufs- und Freizeitwelten erscheint es umso notwendiger, unsere Kinder dabei zu unterstützen, ihre spirituell-kreativen Kräfte zu erhalten und ausbauen zu können: als Schutzwall gegen ein inneres Verdorren und falsche Versprechungen.

Doch wer kümmert sich darum? Und wo sind die geeigneten Bedingungen dafür? Die Antwort ist einfach: Herzensbildung braucht Herzenszeit, Seelenbildung braucht Zeit für die Seele. Damit Kinder sich ihre angeborene spirituelle Fähigkeit erhalten können, braucht es Erwachsene, die den Kindern einen Schutzraum für die leisen Bewegungen ihres Herzens bereithalten, die sich "von Herz zu Herz“ für die Kinder und deren Gedanken interessieren, die aber gleichzeitig Hochachtung und Respekt vor ihren inneren Geheimnissen haben und ihnen den nötigen Freiraum dafür gewähren. Es braucht Väter und Mütter, die den Fernseher und den Computer abschalten und sich dafür vom Kind schimpfen lassen. (Und die, wenn die Schimpftiraden geendet haben, Zeit und Raum für freies oder gemeinsames Spiel einräumen.) Es braucht Eltern, die sich nicht scheuen, gemeinsam mit den Kindern über die schwierigen Fragen des Lebens nachzudenken und die Kinder dabei Geborgenheit erfahren lassen.

Zugegeben, für vielbeschäftigte Väter und Mütter ist das eine alltägliche Herausforderung. Daher braucht es darüber hinaus auch die Großmütter und Großväter, Onkel und Tanten, die mit den Kindern reden und sich Zeit nehmen für gemeinsame Unternehmungen, für das Erzählen von Lebensgeschichten, für langsame Spaziergänge.

"Gott ist gelb und weiß“

Wenn sich die mancherorts laut propagierte Meinung vernehmen lässt, spirituelle und religiöse Bildung von Kindern sei reine Privatsache und gehöre nicht in öffentliche Bildungseinrichtungen, dann wird damit gesagt: den Staat braucht es nicht zu kümmern, was mit den Herzen der Kinder ist. Doch das kann wohl nicht gemeint sein. Der Staat hat ein ureigenes Interesse daran, dass seine zukünftigen Staatsbürger glücksfähige, gestaltungswillige Erwachsene sind, die über innere Ressourcen verfügen, welche ihnen Stärke und Zuversicht verleihen. Der Staat braucht Menschen, die angesichts von Herausforderungen und Krisen nicht verzweifeln und die mit sich selbst etwas anzufangen wissen, auch wenn sie nicht ständig Neues kaufen können. Öffentlichen Bildungseinrichtungen wird es daher um eine ganzheitliche Bildung gehen, die auch die Spiritualität und Religiosität der Kinder in ihrer Vielfalt sensibel wahrnimmt und Zeit und Raum zur Entfaltung gibt.

Dafür werden sie Räume der Stille, Spielplätze mit Büschen zum Verstecken und Geheim-Sein-Können einbauen. Pädagoginnen und Pädagogen werden bewusst mit den Kindern existentiell berührende, lustige, sprachlich gut gestaltete Bilder- und Kinderbücher lesen und periodisch spielzeugfreie Zeiten einplanen. In vielen österreichischen Kindergärten wird den Herzensbedürfnissen der Kinder bereits Raum gegeben; manche greifen auch die Fragen der Kinder nach dem Göttlichen und ihr Wissen zu ihren jeweiligen Religionen sensibel auf.

Der sechsjährige Israel hat das Glück, in die Gruppe einer solchen spiritualitätssensiblen Pädagogin gehen zu können und kann daher seinen Gedanken über Gott und Welt freien Lauf lassen: "Gott ist gelb und weiß“, meint er. "Er ist normal und stark.“

Die Autorin ist Professorin an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz.

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