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Eine richtige Kindheit

Was soll ein Kind im jeweiligen Alter können müssen? Wird das individuelle Entwicklungstempo zunehmend ignoriert und von Standardisierungen abgelöst?

Der dreijährige Sven redet wenig und, wenn er etwas sagt, versteht ihn höchstens seine Mutter. Der Kleine ist etwas schüchtern, aber sonst ein Energiebündel, das sich in anderen Bereichen ganz normal entwickelt. Alle anderen Kinder seines Alters würden besser als er sprechen, meinen seine Eltern besorgt. Ist Sprechen einfach nicht seine Stärke oder verbirgt sich ein Problem dahinter? Wo ist die Grenze zwischen "Schwäche" und "Verzögerung"?

"Die Variabilität des Normalen ist relativ groß", sagt Friedrich Brandstetter, Leiter des Zentrums für Entwicklungsförderung in Wien. Wenn besorgte Eltern mit der Frage "Entwickelt sich mein Kind richtig?" ins Zentrum kommen, dann müsse nicht nur die Entwicklung des Kindes genau angeschaut werden, sondern auch das Umfeld, in dem dieses aufwächst, erklärt der Kinderarzt, der seit über zwei Jahren das Zentrum im 22. Bezirk leitet - die Diagnostik ist also ein komplexer vielschichtiger Vorgang.

Bildungstabellen oder-standards, was ein Kind wann können soll, steht Brandstetter zwiespältig gegenüber: Einerseits sind sie durchaus förderlich, weil sich Eltern mit der Entwicklung ihres Kindes auseinander setzen. Andererseits können solche Standards die Eltern leicht verunsichern. "Die Nützlichkeit solcher Tabellen hängt davon ab, was Eltern damit machen und ob sie bei Fragen jemanden haben, an den sie sich wenden können", erklärt der Fachmann. ÖVP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer war zuletzt mit seinem Vorschlag, Entwicklungstests für Dreijährige einzurichten, auf eine breite Front der Ablehnung gestoßen; Neugebauer relativierte dann seinen Vorstoß: Es sei ihm um "verdichtete Information" und damit um "Hilfe für die Eltern" gegangen, um zu wissen, was ein Kind im Alter von drei Jahren können sollte.

Was also tun, wenn Eltern sich Sorgen machen? "Diese ernst nehmen", antwortet der Kinderarzt, "denn auch wenn sie es oft nicht richtig interpretieren können, haben sie doch ein gutes Gespür dafür, wenn die Entwicklung des Kindes nicht richtig voranschreitet." Das Kind wird dann von einem interdisziplinären Team angeschaut und meist längerfristig begleitet.

Talente und Schwächen

Um beim Beispiel des dreijährigen Sven zu bleiben: Es wird abgeklärt, ob das Kind richtig hört, ob nur ein Entwicklungsbereich verzögert ist oder auch andere, ob vielleicht in der Familie das späte Sprechen öfters vorkam, wie lebt Sven usw. Erst dann wird eine Diagnose und eventuell ein Therapiekonzept erstellt. "In zehn Prozent der Fällen können wir die Eltern auch damit beruhigen", sagt Brandstetter, dass einfach eine gewisse Schwäche im Kreis vieler Talente des Kindes vorliegt." Der Experte für Entwicklungsdiagnostik sieht schon verstärkte Ungeduld oder größeren Ehrgeiz der Eltern in Bezug auf das Können ihrer Kinder im Vergleich zu früher, als der Entwicklung des Nachwuchs meist mit mehr Gelassenheit begegnet wurde. Trotzdem - bemängelt er - fehle es heute vielen Kindern, vor allem im städtischen Bereich an Möglichkeiten, sich mit vielfältigen Dingen auseinander zu setzen, sich auszutoben. "Es gibt mehr übungsmangelbedingte Schwächen", stellt er fest. Im Jahr 2006 wurden über 600 Kinder bis sechs Jahren im Zentrum für Entwicklungsförderung untersucht und/oder therapiert. Es gibt vier Ambulatorien, die umfassend in diesem Bereich arbeiten; noch drei weitere Einrichtungen wären für den Raum Wien von Nöten, fordert Brandstetter.

"Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht", ist der Grundsatz der mobilen Frühförderinnen der Stadt Wien, die meist dann zum Einsatz kommen, wenn bereits eine Diagnose der Entwicklungsverzögerung oder Behinderung gestellt wurde, sagt Silvia Turinsky, Leiterin dieser sozialen Einrichtung der Stadt Wien. "Wir stärken die Eltern darin, den Nährboden für ihr Kind zu schaffen." Das Konzept von Entwicklung habe dabei einen Paradigmenwechsel vollzogen, weg vom Kindzentrierten hin zu einem systemischen Ansatz, der Beziehung in den Mittelpunkt stellt, erklärt Turinsky: "Nur eingebettet in Beziehungen kann Entwicklung stattfinden. Es geht uns nicht um messen, antrainieren, üben usw., sondern darum, wie kann ich gemeinsam mit den Eltern eine Umgebung schaffen, die für die Entwicklung des Kindes förderlich ist." Die Mitarbeiterinnen in der mobilen Frühförderung kommen direkt in die Familien, treten in Beziehung zum Kind, zu dessen Eltern. "Natürlich wünschen sich die Eltern manchmal, dass wir kommen, bestimmte Übungen machen und die Behinderung oder Entwicklungsverzögerung minimieren. Das wollen wir auch, aber der Weg und Blick ist ein anderer", sagt sie. "Es geht uns nicht darum, in welchem Tempo das Kind etwas kann, sondern um Autonomie, Beziehungsfähigkeit, Selbstständigkeit und Alltagsbewältigung - eben um Lebensqualität."

Zweckfreies Spielen

Das "Recht auf Kindheit", auch eines behinderten Kindes, sei die generelle Aussage der mobilen Frühförderung, die kostenlos und freiwillig von Eltern in Anspruch genommen werden kann. "Nicht die Pädagogisierung des Alltags - alles im Lichte einer Therapie zu sehen - steht im Vordergrund unserer Arbeit", erklärt die Pädagogin die diffizile Aufgabe ihrer Mitarbeiterinnen: "Wichtig ist, auch einfach zweckfrei zu spielen. Es gibt Eltern, die in ihrer Not überaktiv werden, viele Therapien mit ihren Kindern machen, sich unter großen Druck setzen; andere wiederum hat das Schicksal, Behinderung des Kindes' handlungsunfähig gemacht."

Mobile Frühförderung wird in jedem Bundesland angeboten, aber unter teilweise unterschiedlichen Ausgangsbedingungen. Seit 2002 gibt es an der Universität Wien einen sechssemestrigen Lehrgang für Interdisziplinäre Mobile Frühförderung.

www.wiso.or.at/foebe/index.php

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