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"Weniger Bürokratie, mehr freies Spiel"

Eine einheitliche gesetzliche Grundlage zum Betreuer-Kind-Schlüssel oder zur Gruppengröße fehlt. Aber alles, was mit mehr organisatorischem Aufwand einhergeht, halte ich für kontraproduktiv.

Elementarpädagoginnen müssen viel organisieren und dokumentieren, Zeit für die Begleitung der Kinder fehlt. (Tina Eckstein-Madry)

Seit Jahren beschäftigt sich Tina Eckstein-Madry am Institut für Angewandte Psychologie der Universität Wien mit der Qualität von Kindergärten. Im Interview erklärt sie, warum schwedische Elementarpädagoginnen und -pädagogen kompetenter sind, warum es in Österreich eine Kindergarten-Reform bräuchte und weshalb die Politik davor zurückschreckt.

Die FUrche: Wird aus Ihrer Sicht das Wohl des Kindes im politischen Diskurs über Kinderbetreuung genügend berücksichtigt?

Tina eckstein-Madry: Ich denke, die Forderung nach Quantität steht der Forderung nach Qualität im Weg.

Die FUrche: Wo sehen Sie Qualitäts-Defizite?

eckstein-Madry: Die Elementarpädagoginnen und -pädagogen müssen im Alltag viel organisieren und dokumentieren, genügend Zeit für eine bedürfnisorientierte Betreuung und Begleitung der Kinder fehlt schlichtweg. Hinzu kommt, dass die Ausbildung gewisse Lücken hat. In anderen Ländern ist sie auf Hochschulniveau.

Die FUrche: Aber wäre das Qualitätsproblem wirklich gelöst, wenn Kindergartenpädagoginnen studieren müssten?

eckstein-Madry: Gelöst noch nicht, aber ein erster wichtiger Schritt wäre getan. In Schweden etwa setzen sich die Studierenden vertieft mit dem Lehrstoff auseinander und können Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln, die ihnen später die Arbeit erleichtern: sei es das Wissen über die Kindesentwicklung, Beobachtung, Reflexion oder wie man Elterngespräche führt. All das sind Aspekte, die bei uns zu kurz kommen.

Die FUrche: Wie wirkt sich das in Schweden konkret auf den Kindergarten-Alltag aus?

eckstein-Madry: Studien haben gezeigt, dass die Pädagoginnen dort besser auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder eingehen können. Sagen wir, ein Kind knetet einen Wurm. Die Pädagogin oder der Pädagoge sieht das und holt ein Bilderbuch zum Thema, um das Denken und die Sprachfähigkeit des Kindes weiter anzuregen. Solche Dinge klappen in anderen Ländern besser.

Die FUrche: Gleichzeitig ist häufig vom Förderwahn die Rede.

eckstein-Madry: Ja, manche Eltern fordern Zusatzangebote wie Englisch-Kurse oder Yoga. Das bieten auch einige Träger an. Man darf über all diesen Angeboten aber nicht vergessen, Kindern einfach Zeit zum freien Spielen, Experimentieren, Ausprobieren zu lassen, denn so lernen sie am besten. Die FUrche: Was genau sollen Kinder im Kindergarten eigentlich lernen? eckstein-Madry: Pädagogisch gesehen können Kinder im Kindergarten tolle Erfahrungen mit anderen Kindern sammeln, die grundlegend für ihre sozial-emotionalen Kompetenzen sind. Die halte ich auch für sehr wichtig im Hinblick auf die Schule. Die Politik dagegen legt ihr Augenmerk vor allem auf die Sprachkompetenz.

Die FUrche: Und wie werden die Pädagoginnen diesem Anspruch gerecht?

eckstein-Madry: Wenn ein Kind vier Jahre alt ist, wird im Kindergarten sein Sprachstand mit speziellen Beobachtungsbögen und Sprachspielen überprüft. Das Ganze bringt allerdings enorm viel Bürokratie mit sich, weil alles dokumentiert werden muss - wertvolle Zeit, die letztlich den Kindern vorenthalten wird.

Die FUrche: Mischt sich die Politik also eher zu viel ein -oder zu wenig?

eckstein-Madry: Eine in ganz Österreich einheitliche gesetzliche Grundlage zum Betreuer-Kind-Schlüssel oder zur Gruppengröße fehlt. Aber alles, was mit vermehrtem organisatorischem Aufwand einhergeht, halte ich hinsichtlich der Qualität eines Kindergartens für kontraproduktiv. Genauso wenig halte ich von einem Gesetz, das den Tagesablauf vorschreibt, wie etwa regelmäßige Waldspaziergänge oder dergleichen.

Die FUrche: Was stört Sie daran?

eckstein-Madry: Am Wald selber natürlich gar nichts. Die Natur erkunden, im Gatsch spielen, Steine und Blätter erkunden -so lernt man, wie die Welt funktioniert. Das können Bausteine weniger leisten. Aber vielleicht hat ein Kind Angst vor dem Wald oder der wöchentliche Ausflug würde gruppendynamisch zu viel Stress bedeuten. Eine gut ausgebildete Pädagogin weiß auch ohne Gesetz, wann es Zeit ist, raus zu gehen.

Die FUrche: Aber in puncto Verbesserung des Ausbildungsniveaus soll sich die Politik schon einmischen?

eckstein-Madry: Ja, das würde ich sehr begrüßen, aber an dieses Thema traut sich derzeit kaum jemand heran. Viele fürchten, dass man für eine Reform die BAfEPs (Bundesbildungsanstalt für Elementarpädagogik, Anm. d. Red.) schließen müsste und ein noch größerer Engpass an Pädagogen entstehen würde. Dieses Problem wäre aber mittels einer Übergangslösung behoben. Doch das wäre natürlich politisch eine große Herausforderung.

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