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Loslassen, was wir festhalten wollen

Der schlimmste Verlust ist der Tod eines Kindes, ob bereits geboren oder ungeboren. Betroffene, Therapeuten und Seelsorger berichten über Wege aus dem Schmerz.

Erstmals hatten sie einen Platz, um gemeinsam zu weinen, als wäre es erst gestern gewesen. Tatsächlich lag der Tod ihres Kindes schon Jahrzehnte zurück. Das ältere Ehepaar hatte ihr Kind im siebten Schwangerschaftsmonat verloren, die Trauer tief in sich vergraben. Nun, als sie die neue Kindergedenkstätte begingen, kamen beiden die Tränen, erstmals nach vielen Jahren.

Der Welser Diakon und Krankenhausseelsorger Herbert Mitterlehner erzählt diese Geschichte als ein Beispiel von vielen, die er in den letzten Tagen erlebt hat. Die Resonanz auf die Eröffnung der Kindergedenkstätte für ungeborene Kinder am Welser Friedhof sei enorm, sagt er und erklärt die Symbolik der Stätte, die einen Ort mit Gedenktafeln, Brunnen und Bänken zum Verweilen darstellt: "Der Weg umschließt die Kinder wie ein Mantel, auch tritt man durch das Gehen ein Stück weit in diese Wirklichkeit ein", erklärt der Diakon - in die Erinnerung an das ungeborene Kind, aber auch in Erinnerung an alle Kinder, die aus welchen Gründen auch immer nicht leben konnten.

An den Tafeln werden nach und nach Schmetterlingsfiguren angebracht; als Symbol der Verwandlung und des Loslassen-Müssens. Rund alle sechs Wochen wird in einer gemeinsamen Feier ein kleiner Sarg mit mehreren Kindern, egal wie groß die Ungeborenen waren, beigesetzt. Ein kleines Stück Erde, bepflanzt mit zierlichen Stiefmütterchen weist auf das erste kleine Grab hin. "Die Eltern tröstet es, dass ihre Kinder nicht alleine sind", sagt Mitterlehner. Der Diakon hat lange auf die Verwirklichung der Gedenkstätte hingearbeitet. Nun wurde sie mit Hilfe der Stadt und des Klinikum Wels endlich eröffnet.

Vor allem Eltern, die ihr Kind in der frühen Schwangerschaft verlieren, haben noch immer in vielen Fällen keine Erinnerungsstücke an das Kind, zudem wird die Trauer der Eltern oftmals mit scheinbar tröstenden Worten des Umfeldes abgetan: War eh noch kein richtiges Baby. Rein juristisch gesehen sind erst Föten ab 500 Gramm Gewicht "bestattungspflichtig". Die Eltern fühlen sich nicht nur in ihrem Schmerz völlig unverstanden, sondern es fehlen Erinnerungsstücke und ein Ort zu trauern.

"Eltern erzählen später, wie höchst entwertend sie Kommentare wie, Sie sind eh noch so jung',, Es wird schon wieder' und Ähnliches wahrgenommen haben", sagt Manuela Werth, Mitarbeiterin der medizinischen Psychologie und Psychotherapie an der Uniklinik Innsbruck. Es habe sich aber schon einiges im Umgang mit Eltern, die ihr Kind vor, während oder kurz nach der Geburt verlieren, verändert. Medizinisches Personal sei besser geschult und sensibilisiert.

Wenn Werth die Frauen antrifft, stehen sie meist unter großem Schock. Zunächst geht es darum, die Frau zu stabilisieren, herauszufinden, was sie im Schock überhaupt verstanden hat. "Dann versuche ich, ihre inneren Ressourcen zu aktivieren, die jeder Mensch hat, um mit solch einem Schmerz umzugehen", erklärt Werth. Die Väter sagten ihr gegenüber oft, wie hilflos sie sich fühlten. "Sei einfach für sie da", so ihr Rat. Das soziale Netz sei wesentlich. Wie wichtig es für die Eltern ist, ihr Kind zu sehen, es zu halten, zu baden, anzukleiden, Erinnerungsstücke zu bewahren, sich bewusst vom Kind zu verabschieden, kann Werth aus ihrer Erfahrung nur bestätigen.

Für den Alltag danach rät Werth, dass die Frauen auf ihre Bedürfnisse schauen, auch "Nein" sagen lernen und nichts schlucken. Sie erzählt von einer Frau, deren Kind in der 36. Schwangerschaftswoche verstarb: "Als sie nach dem Krankenstand in die Arbeit zurückkehrte, hatte ihre Arbeitskollegin gut gemeint gesagt:, Du bist doch eh erst 31 …' Die Frau war furchtbar gekränkt und weinte auf der Toilette. Erst später hat sie sich getraut, der Kollegin zu sagen, wie kränkend solche Aussagen sind", schildert Werth.

Sabine Reisingers Tochter starb 66 Tage nach der Geburt. Sie hatte eine Uterusruptur erlitten und das Kind einen schweren Sauerstoffmangel. Die diplomierte Lebensberaterin hat sich danach auf verwaiste Eltern konzentriert, besonders auf die Begleitung der Familie eines schwer kranken Kindes. Als ihre Tochter vor zehn Jahren verstarb, gab es noch keine Kinderhospiz. "Ich habe mir selbst ein Netzwerk an Hilfe aufgebaut", erzählt sie von ihrer inneren Stärke. 2005 war sie Mitbegründerin des Vereins "Netz", der erstmals auch in Österreich Hospiz, also Begleitung und palliative Pflege von sterbenden Kindern, anbietet.

Familien begleiten

Reisinger sieht hier eine große Lücke, die es zu schließen gilt. "Das Bewusstsein der Ärzte ist nicht wirklich da, dass auch Kinder palliative Patienten werden können. Es wird alles medizinisch Machbare versucht, und nicht bemerkt, dass dieses Kind und seine Familie keine weitere Chemotherapie, sondern Begleitung brauchen", so die 48-jährige Wienerin, die noch zwei weitere Kinder hat. "Es ist für Ärzte sehr schwer hinzunehmen, dass ein Kind stirbt." Der Verein "Netz" arbeitet zur Zeit im Raum Wien, möchte aber flächendeckend in Österreich tätig sein. "Es geht besonders darum, die Lebensqualität der Familie aufrechtzuerhalten, trotz schwer kranken Kindes."

www.kinderhospiz.at

www.viennanet.at/verwaisteeltern

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