Sie verweilen allzu kurz. Sie sind schon tot, wenn sie zur Welt kommen - und hinterlassen doch ewige Eindrücke: Der lange Weg des Trauerns nach Tot- und Fehlgeburten.

Die wenigsten wissen es: Die Schwangerschaft jeder vierten Frau endet mit einem nicht lebensfähigen Kind. Tot- und Fehlgeburten sind in unserer Gesellschaft immer noch tabu. Es wird kaum gesprochen darüber. Viele Eltern, vor allem aber Frauen bleiben alleine mit ihrem Schmerz und fühlen sich unverstanden von ihrer Umwelt.

Yvonne Neumann, die vier Kinder in der Schwangerschaft verloren hat, schrieb sich diese Erfahrung in ihrem Tagebuch von der Seele: "Ihr Menschen da draußen! Ihr schaut mich an und wagt es nicht, nachzufragen. Doch die arme Seele wäre so froh, würde einer nur von ihr Notiz nehmen, würde einer nur zuhören und sagen: ,Es tut mir so leid.' Erklärungen oder ein ,wird schon besser gewesen sein so, vielleicht wars eh behindert', das hilft mir nicht. Aber zu wissen, dass da noch jemand an mein Kind denkt, das würde so gut tun!"

Kein Abschied möglich

Auch für Beate hat ihre Tochter real existiert. Sie hatte die innigste Verbindung zu ihr, alles war vorbereitet zu ihrem Empfang. Plötzlich war sie tot. Es gab keine medizinische Erklärung. Noch im Spital bekam das Kind einen Namen, später ein Grab, ein Gedenken. Beate ist eine Ausnahme. Die überwiegende Zahl der Frauen, die ihr Kind, egal in welcher Schwangerschaftswoche, verloren haben, haben ihre Kinder nie zu Gesicht bekommen, konnten nicht Abschied nehmen von den Wesen, die monatelang in ihnen herangewachsen sind, die gestrampelt haben, mit denen sie gesprochen und denen sie Lieder vorgesungen haben.

Selbsthilfegruppen in ganz Österreich versuchen Frauen, aber auch betroffene Männer genau in dieser Phase zu unterstützen. Die Psychotherapeutin Elisabeth Widensky leitet den Verein "Regenbogen" in Wien. Meist haben verwaiste Eltern ihr Kind überhaupt nicht begrüßt, erzählt sie. In Ritualen wird das nachgeholt, denn erst danach wird inneres Abschiednehmen möglich. Die Eltern werden aufgefordert, die Liebe, die für dieses verlorene Kind da ist, auch im Konkreten auszudrücken. Eine Frau, die zum Beispiel immer daran gedacht hat, ihrer Tochter ihr Kommunionskleid bei der Taufe umzulegen, wird ermuntert, dieses Kleid dem Kind ins Grab mitzugeben. In Selbsthilfegruppen können sich Trauernde Orientierung verschaffen, in welchen Phasen Trauer überhaupt abläuft. Am Beispiel der anderen sieht die oder der Betroffene wie auf einer inneren Landkarte, wo er oder sie selbst gerade steht. Nicht zuletzt das Gefühl der Solidarität, des Nicht-allein-Seins, hilft jedem trauernden Menschen.

"Ein Kind ist nur ein Kind, wenn es lebt", bringt Primarius Karl Weghaupt vom Krankenhaus Amstetten die Einstellung der breiten Öffentlichkeit auf den Punkt. Wenn solche Wesen mit einem Gewicht von unter 500 Gramm tot geboren werden, wird ihnen sogar der Status eines Kindes abgesprochen. Ein solches Kind wird als Sache deklariert und bekommt nie die Chance, in ein Personenstandsregister aufgenommen zu werden. Würdelos wandert das Produkt menschlicher Liebe mit dem Blinddarm, dem amputierten Finger und dem medizinischen Sondermüll in einen Plastiksack.

Vor zehn Jahren hat auch Karl Weghaupt noch so gedacht wie die meisten seiner Kollegen in den Geburtshilfestationen der österreichischen Krankenhäuser. Frauen soll der Anblick ihres toten Kindes erspart bleiben, es gehört schnell entfernt, der Schmerz, das Gefühl der unermesslichen Trauer der Verzweifelten wird mit Beruhigungsmitteln unterdrückt: Sie werden mit tröstenden Worten medizinisch geheilt entlassen.

Heute ist das Spital Amstetten Österreichs Musterbeispiel für einen würdevollen Umgang mit Leben und Tod. Nach dem ersten Schock werden Frauen behutsam aufgefordert, ihr totes Kind noch einmal anzuschauen, es in die Arme zu nehmen. Ganz nach dem Grundsatz: Nur etwas, was man gehalten hat, kann man auch wieder loslassen. In der Kapelle des Spitals wurde eigens eine Gedenkstätte eingerichtet, ein Meditationsort für die Trauernden. Blumen, brennende Kerzen und letzte Fotos - oft nur Ultraschallaufnahmen - füllen das ganze Jahr über den samtbezogenen Tisch. Wer kein eigenes Grab besitzt oder wem dies zu teuer ist, kann sein Kind im Sammelgrab der Gemeinde beerdigen lassen.

Fragen nach dem Warum

"Wenn Du bei Nacht den Himmel anschaust, so ist es Dir als leuchten tausend Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Und wenn Du Dich getröstet hast, wirst Du froh sein, mich gekannt zu haben." Worte des Trosts nach Antoine de Saint Exupéry auf dem Grabstein eines totgeborenen Kindes: So tröstend diese Zeilen auch sein mögen, Antworten auf das Warum werden sie den verwaisten Eltern keine geben können. Der Moraltheologe Gerhard Maschütz hat selbst dieses Schicksal erlebt. Seine Frau verlor ein Kind im vierten Schwangerschaftsmonat. Auch für ihn kann die Theologie keine endgültige Antwort auf das Warum geben. Für ihn kommt es in erster Linie darauf an, mit offenen Fragen leben zu können ohne dabei an den Rand der Verzweiflung gedrückt zu werden. Der Glaube, der sich gerade auch aus quälendem Zweifel nährt, ist für ihn dabei das wichtigste Rüstzeug. Das Kreuz, das Durchkreuzte im Leben zu meistern, es zu integrieren als Bestandteil des Seins, macht den Menschen, wie der Theologe meint, zum Meister seines Schicksals. Am Anfang dieses langen Weges jedoch steht die Trauer. Der Zustand der Trauer zwingt, alles andere beiseite zu schieben, sich dem zu widmen, was im Innersten vorgeht.

Zu den jährlichen Gedenkfeiern in der Krankenhauskapelle Amstetten kommen auch viele Mütter, die vor zehn, 20 oder 30 Jahren eine Totgeburt hatten. Die meisten von ihnen haben ihr Kind nie gesehen, geschweige denn begraben können. Hier können sie wieder weinen und ihre Trauer nachholen.

Der Autor ist freier Journalist.

Nähere Informationen zum Thema unter

www.gutehoffnung-jaehesende.com

www.glueckloseschwangerschaft.at

Veranstaltung

Im Bildungshaus Mariatrost bei Graz findet am 22. und 23. November eine Tagung für "Verwaiste Eltern - betroffene HelferInnen" und alle am Thema Interessierten statt. Titel der Veranstaltung: "Wenn Lebens-Anfang und Lebens-Ende zusammenfallen." Es referiert unter anderem der Trauerbegleiter und Familientherapeut Peter Fässler-Weibel. Informationen und Anmeldungen (bis spätestens 15. November) unter (0316) 39 11 31-30.

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