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Ohne große Angst sterben

Es hat sich viel geändert, seit Jessica Mitford 1963 ihr Buch „The American Way of Death" veröffentlichte, das sich mit den Auswüchsen der Bestattungsindustrie befaßte. Man hat sich in den USA in den letzten Jahren mehr denn je zuvor mit dem Sterben beschäftigt und begonnen, das Tabu Tod abzubauen.

Mit Hilfe der Bücher von Elisabeth Kübler-Ross, von Dokumentarfilmen mit Sterbenden und

wissenschaftlichen Arbeiten ist man zu der Erkenntnis gekommen, daß das Sterben nicht ein Trauma sein muß, sondern im Gegenteil, eine bereichernde Wachstumsphase sein kann.

Dazu, sagen die Fachleute, sind allerdings gewisse Grundvoraussetzungen nötig: Nicht nur muß der Patient möglichst schmerzfrei und bei klarem Bewußtsein gehalten werden, er braucht vor allem die ständige Nähe von geliebten Menschen und die Möglichkeit, sich offen dem nahenden Ende zu stellen.

Im Krankenhaus, wo man auf Lebenserhaltung und Heilung bedacht ist, werden die Bedürfnisse des Sterbenden meist nicht befriedigt. Die Krankenschwester Josie Patrick sieht das so:

„Gerade dann, wenn sie ihre Familien am meisten brauchen, sind die Sterbenden oft isoliert und einsam. Viele, oft sogar die Schwestern, haben Angst vor Sterbenden. Das Krankenhauspersonal ist auch zu überlastet,

um sich genug Zeit nehmen zu können."

Aus dieser Frustration heraus gründete sie in ihrem Heimatort Marquette, Michigan, ein „Hospi-ce". Das ist kein Einzelfall. Seit 1973 hat sich die Hospicebewe-gung, die auf englischem Muster basiert, wie ein Lauffeuer im Land verbreitet. Inzwischen gibt es in den USA 800 solcher Einrichtungen.

Sie existieren in zwei Formen: Entweder handelt es sich um einen Ort, eine wohnlich eingerichtete Sterbestation in einem Krankenhaus, ohne beschränkte Besuchszeiten, mit Ubernachtungs-möglichkeiten für Verwandte und Freunde und mit verständnisvollem Personal, das sowohl den Kranken als auch dessen Familie betreut.

Oder aber es ist ein Team von ausgebildeten Volontären, das dem Patienten und dessen Pflegern daheim unter die Arme greift und praktische sowie seelische Unterstützung gibt.

Ein Mitglied eines solchen Ho-spiceteams, Dr. Werner, stellte zu dieser zweiten Form folgendes, fest: „Früher, als es Großfamilien gab, war es üblich, Kranke daheim zu pflegen. Bei dem heutigen Lebensstil ist das viel schwieriger. Trotzdem könnten viele Familien mit Anleitung und Unter-

stützung von außen Krankenpflege daheim bewerkstelligen. Dazu verhilft das Hospice. Es ersetzt in gewissem Maß den weiteren Familienkreis, der nötig ist, um das Sterben eines Menschen zu Hause physisch und seelisch zu verkraften."

Ganz gleich, um welche Form des Hospices es sich handelt, ist es nötig, daß ein Familienmitglied die Hauptpflege übernimmt. Der Kranke und seine Familie muß akzeptieren, daß die Lebensdauer des Patienten beschränkt ist und weitere Heilver suche durch medizinische Mittel aussichtslos sind.

Das Hauptaugenmerk ist auf höchstmögliche Lebensqualität der noch verbleibenden Lebenszeit gerichtet. Der Kranke wird durch eine besondere Medikation relativ schmerzfrei und geistig wach gehalten, ohne daß lebensverlängernde Mittel angewendet werden.

Hospicevolontäre sind meist Ärzte, Krankenschwestern, Sozialarbeiter und Laien, die Erfahrungen mit Sterbenden haben. Neben medizinischer Betreuung tragen sie oft auch in sehr praktischen Belangen zur Erleichterung der Familienmitglieder bei. Sie helfen beim Beschaffen von Geräten, wie Krankenbett oder Rollstuhl, sie gehen einkaufen, erledigen Hausarbeit oder bleiben beim

Kranken, während die Familienmitglieder ausspannen.

Am wichtigsten ist wohl aber die seelische Unterstützung, die sowohl der Kranke als auch dessen Betreuer erhalten. Hospicear-beiter sind Tag und Nacht erreichbar und dazu da zu trösten, zu verstehen, Gefühle der Angst, der Verzweiflung, des Zornes anzuhören, Fragen zu beantworten. Oft helfen sie Kranken und Angehörigen, das Thema Tod offen zu besprechen.

Für Mary Jo Wilkinson, deren Mutter im Sterben lag, war das eine große Hilfe: Ihre Mutter sei sehr erleichtert gewesen, als sie offen mit ihr über ihre Krankheit sprach, denn innerlich wußte sie von ihrer Situation und ein Verschweigen der Lage hätte nur eine Barriere errichtet: >

„Oft meinen die Familienmitglieder, oder auch die Sterbenden, daß sie die anderen schonen müßten. So baut sich eine Wand des Schweigens auf und es kann keine echte Kommunikation stattfinden, die gerade zu diesem Zeitpunkt so wichtig wäre. Bei uns blieb nichts ungesagt. Wir drückten einander unsere Liebe und unseren Schmerz aus und das brachte uns einander sehr nahe___Die

Tatsache, daß mein Vater und ich die Pflege selbst übernahmen, gab uns eine wichtige Funktion im

Sterbeprozeß. Wir fühlten uns nicht hilflos ausgeliefert."

Hospicebetreuung erstreckt sich lange über den Tod des Kranken hinaus. Sie nimmt aktiv am Trauern der Hinterbliebenen teil. Für Frau Wilkinsons Mutter war das Wissen, daß sich nach ihrem Tod jemand um ihre Lieben kümmern würde, eine Erleichterung.

Die Tochter erzählte dazu: .Trotz ihrer Krankheit war meine Mutter immer noch besorgt um uns. Als sich das Hospice einschaltete, war sie schließlich bereit, sich von uns abzulösen und sich der anderen Welt zuzuwenden. Und für mich war es eine große Hilfe, daß ich mich ausweinen konnte. Die seelische Stütze, die ich durch die Hospiceleute fand, machte es mir auch möglich, meiner Mutter zu sagen, daß es recht ist, wenn sie uns verläßt. Oft warten nämlich Sterbende darauf, von den Angehörigen die Erlaubnis zum Fortgehen zu erhalten und oft machen ihnen diese das Sterben sehr schwer und zögern es hinaus, weil sie sich zu sehr anhängen."

Für Frau Wilkinson war das Sterben ihrer Mutter die bisher tiefschürfendste Erfahrung ihres Lebens und sie glaubt, ohne die Hilfe der Hospice Organisation wäre das nicht in gleichem Maße möglich gewesen.

Abschließend stellte sie fest: „Ich bin sehr dankbar für die letzten Wochen, die wir gemeinsam verlebten und dafür, daß meine Mutter im Einklang mit sich selbst und von uns umsorgt gestorben ist. Zu wissen, daß das möglich ist, hat mir die Angst vor meinem eigenen Tod genommen."

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