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„... aber weglaufen werde ich nicht!"

1945 1960 1980 2000 2020

Bei der Begegnung mit sterbenden Menschen reagieren viele hilflos, ja geradezu unangenehm berührt. Meist wissen sie einfach nicht, wie sie sich verhalten sollen.

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Bei der Begegnung mit sterbenden Menschen reagieren viele hilflos, ja geradezu unangenehm berührt. Meist wissen sie einfach nicht, wie sie sich verhalten sollen.

Wenn Albert Camus gemeint hat, daß das einzige wahre philosophische Problem das des Selbstmords sei, dann spricht er damit die Fragwürdigkeit und Absurdität der menschlichen Existenz an: Wozu ist überhaupt alles gut, wenn man letztlich doch sterben muß?

Es geht um das Verstehen der Existenz. Das heißt: Des Lebens. Aber wer kann schon sagen, er verstünde das Leben, wenn ihm der Tod ein Rätsel ist? Wer aber den Tod nicht versteht, der hat das Leben nicht verstanden. Und wem das Leben ein Rätsel ist, dem bleibt auch der Tod ein Buch mit sieben Siegel die sich vielleicht im Tod öffnen werden, vielleicht aber auch nicht.

Rätsel über Rätsel ergeben sich, wenn man die Ambivalenz Leben-Tod bedenkt.

In der sogenannten westlichen Welt ist dieses Nachdenken in literarischer I orm modern geworden. Eine Flut von bedrucktem Papier ergießt sich über den ratlosen, philosophisch und spirituell unbefriedigten Normalbürger.

Die Orientierung wird zusätzlich dadurch erschwert, daß die Redundanz enorm hoch ist. Man liest im großen und ganzen immer das gleiche, in jeweils neuen Settings und Sprachen, im Grunde aber dreht sich die spirituelle Literatur im Kreis.

Es tut gut, in diesem Wirrwarr und Ratespiel Richtlinien zu finden, Wegweiser, die etwas wert sind. Kongresse sind ein mitunter geeignetes Mittel, sich auf bequeme Art weiterzubilden, Meinungen zu überprüfen, Ziele zu formulieren. Manchmal gibt es auch gute Kongresse.

Gut ist ein Kongreß dann, wenn er Fachleute einlädt, die nicht nur zugkräftige Namen tragen, sondern auch wirklich etwas zu sagen haben, und die genügend zeitlichen Raum zum persönlichen Gespräch und zur Diskussion lassen.

Wenn es um die Themen Leben, Sterben und Tod geht, sind Referenten dann gut, wenn sie viel persönliche Erfahrung mit sich tragen, frei etwa nach der zwar ordinären, aber zutreffenden Verballhornung eines Goethe-Gedichts: „Wer nie sein Brot mit Träner; aß / wer nie mit Schmerz am Bette saß / der waß' an Schaß ...!"

Ein Beispiel für einen guten, weil hervorragend besetzten Kongreß - zu dem dann auch verdientermaßen 1.500 Teilnehmer kamen - ist ein internationales Treffen jüngst in München-Germering, veranstaltet von einer Gesellschaft, die sich „Rigpa" nennt, offensichtlich mit dem Ziel, tibetisch-buddhistisches, also lamaisti-sches Denken unter die Leute zu bringen, sich dazu aber - ganz postmodern - auch anderer spiritueller Richtungen, im gegebenen Fall des Christentums, bedient.

Den Fokus der Veranstaltung machte der Untertitel deutlich: „Wege zu einer spirituellen Begleitung Sterbender". Etwa 1.500 Besu-cher(innen), darunter auch einige aus Osterreich, waren der Einladung von BIGPA, einem buddhistischen Netzwerk in Europa, gefolgt und stürmten förmlich die verschiedenen Angebote, die während dieser Tage parallel angeboten wurden.

Die Schirmherrschaft hatten der

Dalai Lama und die große alte Dame der Hospizbewegung, Dame Ciceley Saunders, übernommen.

Viel Fachkompetenz war aufgeboten worden: Joachim-Ernst Berendt, Autor des meistverkauften Musikbuches, des „Jazzbuchs", referierte über den Sterbenden als Hörenden. Marie de Hennezel, Bestsellerautorin aus Frankreich, mit ihren beiden Büchern

„L'amour ultime" und„Intimate Death", letzteres wird 1997 mit dem Titel „Den Tod erleben" auch in deutsch erscheinen, sprach über Feingefühl und menschliche Nähe sowie über neue spirituelle Trauerrituale.

Der Benediktiner-Abt Emmanuel Jungclaussen aus Niederaltaich, der auch mit der orthodoxen Kirche und mit Zen-Praxis sehr vertraut ist, widmete seine Ausführungen der Sterbebegleitung aus christlicher Sicht und im speziellen dem „Herzensgebet". Aus den Vereinigten Staaten waren die in Deutschland schon sehr bekannte Christine Longaker, ehemalige Direktorin des Hospice of Santa Cruz County, jetzt weltweit Ausbilderin in Sachen Sterbebegleitung, und Frank Ostaseski, Gründer und Leiter des Zen-Hospiz-Projekts in San Francisco gekommen. Ebenfalls aus USA stammen die Referenten David Schneider (Autor des „Street Zen"), Claude An Shin, Priester des „Zen-Peacemaker-Ordens", und Kenneth Ring, Autor zahlreicher Bücher und Publikationen, die sich mit „Nah-Tod-Erfahrungen" beschäftigen.

Für viele ein Höhepunkt war die Begegnung mit Sogyal Rinpoche, dem Autor des Weltbestsellers „Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben", der in Paris lebt und als Gründer von RIGPA den Veranstalter des Kongresses repräsentierte. Er vermittelte den Teilnehmer(inne)n eine spirituelle Sicht des Todes vom Standpunkt des tibetischen Buddhismus und berichtete von der Praxis der tibetischen Tradition für Sterbende und Verstorbene. Aus Deutschland waren unter anderem Pfarrer Heinrich Pera, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz, Daniela Tausch-Flammer, Leiterin des Hospiz-Dienstes in Stuttgart, und Werner Schweidtmann, Psychotherapeut und Buchautor, gekommen.

Angesichts von Sterben und Tod, was hat es da mit einer spirituellen

Begleitung auf sich? „Das allererste, worum Sie sich kümmern müssen, ist sich zu vergewissern, daß die Symptombehandlung wirklich effizient ist. Denn bevor die Schmerzen und die Übelkeit nicht unter Kontrolle gebracht werden, können sich die Menschen nicht auf die Suche nach spirituellen Werten machen - sie leben ja kaum", hatte Dame Ciceley Saunders in ihrer Grußbotschaft festgehalten. Daß hier noch einiges aufzuholen ist, wurde in der Podiumsdiskussion mehrfach eingebracht. Und was diesbezüglich für Deutschland gilt, gilt für Österreich erst recht. Immerhin gibt es dort schon ein Angebot für Krankenpflegepersonal in „Palliative Care und Hospizpflege".

Doch wäre es wichtig, die Erkenntnisse der noch relativ jungen Palliativmedizin auch in die Medizinerausbildung zu integrieren (Pera), was einige Staaten schon gemacht haben, allen voran Großbritannien. Die neuesten Erkenntnisse der Schmerzforschung sind auch hierzulande noch bei weitem nicht überall und optimal umgesetzt, und für manche Ärzte ist Schmerztherapie schon ein Reizthema: „Wir wissen sowieso schon wie's geht. Es liegt an den Patienten und Angehörigen, die vor Morphinen zurückschrecken."

Wenn nun durch eine gute Schmerzkontrolle für Sterbende wieder Freiraum geschaffen wird, so erfahren doch viele Menschen seelische Qualen, die ihnen niemand abnehmen kann. So etwa eine alleinstehende Mutter, die ihre Kinder zurücklassen muß. Saunders: „Sie können ihr Leiden mit ihr teilen, aber Sie können nicht sagen: ich verstehe Dich, weil Sie nicht wirklich verstehen können. Sie können nur sagen: ich werde nicht weglaufen." Christine Longaker, erfahren durch langjährige Begleitung Sterbender, meinte: „Wenn ich bei Sterbenden bin, merke ich immer wieder, daß ich eigentlich gar nichts weiß. Ich muß ständig neu lernen. Was mir hilft: atmen und akzeptieren, was immer passiert."

Dieses Motiv vom „Nicht weglaufen" griff auch Marie de Hennezel in ihrem Beitrag auf. Ihre erste Begegnung mit einem Sterbenden hatte die Psychologin über Vermittlung einer Krankenschwester. Sie wurde zu einem jungen Mann mit Kehlkopfkrebs

gerufen, der schon sehr verunstaltet aussah. Auf der verbalen Ebene war keine Kommunikation mehr möglich. De Hennezel verspürte, daß sie über Berührung dem Patienten noch sehr nahe sein konnte. Und sie verspürte in dieser Berührung einen tiefen inneren Frieden auf beiden Seiten. Aus dieser Erfahrung plädiert sie für Zärtlichkeit im Umgang mit Sterbenden, als Kontrast zum Mitleid, das eine einseitige Haltung vom Gesunden zum Kranken, vom Stärkeren zum Schwächeren ist. „Tendresse" ist ein Austausch auf glei eher Ebene, von Mensch zu Mensch. Doch Zärtlichkeit und Berührung kann Angst machen.

Da ist zum Beispiel die Angst vor der emotionalen Ansteckung. Oder die Angst vor einer Erotisierung dieser Nähe. Demgegenüber prägt sie das Wort von der „Distanz der Liebe". Keine Distanz der Liebe ist es, wenn Pflegende die notwendigen Berührungen als rein technische Griffe ausführen. Dann geschieht Berührung ohne eigentliche Berührung. Dies ist ein typisches Vermeidungsverhalten, wenn jemand Angst vor der Berührung hat. Die innere Nähe, die Zärtlichkeit von der de Hennezell spricht, deutet bereits auf eine spirituelle Dimension im Menschen hin. Sie ist befreiend und gibt Halt und Zuversicht auch in einem schwierigen Sterbeprozeß. Denn der Mensch ist ein ganzes Wesen, auch in seiner Krankheit.

Spirituelle Begleitung im Sterben soll nicht heißen, daß Menschen in ihren letzten Monaten, Tagen, Stunden noch missioniert werden. „Ich bin selbst Christin, aber ich habe mir von meinen Patienten nie etwas anderes gewünscht, als daß sie ihren Weg gehen, sei es der eines Atheisten, eines Juden oder eines Buddhisten.

Die Offenheit des Geistes in Verbindung mit der Offenheit des Herzens und geistiger Freiheit das sind die drei Grundsäulen der Hospizarbeit", war die Botschaft von Ciceley Saunders. Spirituelle Begleitung bedeutet in diesem Sinn deshalb auch nicht die Begleitung durch einen bestimmten Ritus. So hatten während des Kongresses unterschiedliche religiöse Traditionen und Riten ihren Platz: der Buddhismus in verschiedenen Ausprägungen und das Christen-

tum in katholischer, evangelischer und orthodoxer Ausprägung. Daß andere Beligionen nicht anwesend waren, lag laut den Veranstaltern daran, daß man mit einem ersten Schritt beginnen wollte und daß bei einer noch größeren Ausweitung der Platz in der Germeringer Stadthalle gar nicht ausgereicht hätte. Doch weitere Schritte würden folgen. Die Fähigkeit, zuzuhören, ist im Prozeß der Begleitung Sterbender eine sehr wichtige. „Jemand der stirbt, will oft nicht hören, was Sie zu sagen haben, sondera er möchte vielmehr, daß Sie hören, was er zu sagen hat." (Saunders) Doch auch der Sterbende ist ein Hörender, darauf wies Joachim-Ernst Berendt hin. Denn „es ist das Hören, das uns auf die andere Seite der Ganzheit führen kann und uns erfahren läßt, daß diese Seite nicht einmal ,die dunkle' genannt werden darf" (Berendt).

Frank Ostaseski aus Kalifornien befaßte sich unter anderem mit Motiven für die Begleitung Sterbender. Er selbst mache diese Arbeit, weil er sie liebe. Vor dem Helfersyndrom warnt er und stellt dem Begriff des Helfens den des „Dienens" gegenüber. Wer dient ist auch bereit, benutzt zu werden. Er ist nicht der starke Ubermensch. Der Bessere. Er ist einfach als Mensch da mit seinen Grenzen, Wunden und Schattenseiten. Und mit der Offenheit, Neues zu lernen. Nicht-Aktivitäten sind wichtig, sondern die volle Aufmerksamkeit: sehen was ist. Als er selber einen aids-kranken Freund pflegte und er eines Tages vor Erschöpfung fast zusammenbrach, habe ihm dieser gesagt, er soll sich nicht überanstrengen; der folgende Tränenausbruch und die gemeinsam durchlebte Ohnmacht, das sei das tiefste und innigste Erlebnis ihrer Begegnung gewesen, erzählte er.

Für Begleiter(innen) von Sterbenden kann es sehr hilfreich sein, wenn sie selber in einer Beligionsgemein-schaft Halt gefunden haben. Sei es in der buddhistischen, sei es in der christlichen Tradition. Die Gewißheit auf ein Weiterleben nach dem Tod eröffnet einen neuen Sinnhorizont für das Sterben. In unseren Breitengraden sind es vor allem christliche Rituale, die den Menschen vertraut sind. Doch schon in der ehemaligen DDR sind die Christen eine kleine Minderheit, berichtete Pfarrer Pera.

Für sie und für die Mehrheit an getauften Christen, die den Kontakt zu ihrer Kirche verloren haben, gilt es neue Rituale zu finden und Formen der spirituellen Begleitung, die nicht auf eine Missionierung hinauszielt. Auch für die hinterbliebenen Angehörigen, ob sie nun religiös geprägt sind oder nicht, können Rituale eine wichtige Hilfe zur Bewältigung ihrer Trauer sein. Marie de Hennezel hat mit. Erfolg mit neuen Formen für Menschen, die selber keinen Bezug mehr zu einer Beligionsgemeinschaft haben, experimentiert. Vs gelte sowohl alte, verschüttete Rituale wieder auszugraben und an unsere neue Zeit anzupassen, wie auch neue zu erfinden, hieß es während einer Podiumsdiskussion.

„Für mich sind diese Tage wie ein Tabor-Erlebnis", meinte Pfarrer Pera auf dem Kongreß. „Danach geht es wieder zurück in den Alltag. Und es gilt, einen Schritt nach dem anderen zu machen." Vieles gibt es noch zu tun, um die Bedingungen für ein menschenwürdiges Sterben zu verbessern.

Die 1.500 Kongreßteilnehmer in München waren ein Indiz dafür, daß schon vieles in Bewegung gekommen ist.

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