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Sanfte Geburt trotz Medikalisierung

1945 1960 1980 2000 2020

Die Überbetonung von rein medizinischen Notwendigkeiten in Gebärkliniken ließ in den vergangenen Jahren den Ruf nach „natürlicher" und „sanfter" Geburt laut werden. Der hier wiedergegebene Erfahrungsbericht einer Mutter zeigt jedoch, daß der Einsatz von Medizin nicht im Widerspruch zu glücklich erlebter Geburt stehen muß.

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Die Überbetonung von rein medizinischen Notwendigkeiten in Gebärkliniken ließ in den vergangenen Jahren den Ruf nach „natürlicher" und „sanfter" Geburt laut werden. Der hier wiedergegebene Erfahrungsbericht einer Mutter zeigt jedoch, daß der Einsatz von Medizin nicht im Widerspruch zu glücklich erlebter Geburt stehen muß.

Das Museum in Aebelholt ist nichts für zarte Gemüter: in Glasvitrinen Skelette schwangerer Frauen, Skelett im Skelett, winzige Skelette von Ungeborenen, Halbgeborenen, Neugeborenen. Im Mittelalter haben Mönche in diesem Kloster unweit von Hillerd (Seeland, Dänemark) sich um Geburts- und Säuglingskunde bemüht.

Was hier tödlich für Mutter und Kind ausging, würde heute die Medi-kalisierung der Geburt oft (nicht immer) bewältigen. Vor den Vitrinen in Aebelholt überwiegt der Dank für die Möglichkeiten der modernen Medizin alle Bedenken gegen Gefahren einer „Medikalisierung". Vor dem: Skelett im Skelett ist man geneigt, die sanfte und die schmerzlose Geburt als ein Produkt der Nostalgiewelle zu sehen.

Da erinnert man sich eher an den biblischen Fluch - Unter Schmerzen sollst du dein Kind gebären -, den man darum ja nicht fatalistisch hinnehmen muß. Er sagt vorerst einmal nur, daß auch in alten Zeiten Kinder unter Schmerzen geboren wurden.

Aber sind die Schmerzen der Grund, daß so gut wie keine Frau (so Prof. Hans Czermak in seinem Beitrag in der FURCHE Nr. 44/79) die Geburt ihres Kindes als schönes, glückliches Ereignis in Erinnerung hat, als einen beglückenden schöpferischen Akt? Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie sehr diese Ansicht überwiegt: Ich wage es nicht mehr, P ancr rrtf'WnlfttdWWfr' meinen zwei nicht schmerzlosen, aber freudvoll bis heiter, ja sanft erlebten Geburten zu erzählen. Schweigen jene Mütter, die gerne an diese Stunden zurückdenken?

Wichtig scheint mir, rückblickend, grundsätzlich zweierlei: erstens die eigene Einstellung und die der unmittelbaren Angehörigen zum Kind und zur Tatsache, daß Schmerz und Leid zu einem bewußt erlebten Leben gehören, die Einsicht, daß gewisse Lebensbereiche ohne Leid nicht erfahrbar, erlebbar werden.

Wollte man, völlig unzeitgemäß, an Piaton anknüpfen, so dürfte auch das Gebären geistiger Kinder nicht ganz schmerzlos vor sich gehen, weil schließlich nichts Neues entsteht ohne oft sehr schmerzhafte Anstrengung und Konzentration. Wie läßt Thomas Mann seinen Adrian Lever-kühn in seinem Faust-Roman so entsetzlich lange und intensiv leiden für die wenigen Wochen und Monate schöpferischen Tuns? Ist das wirk-I lieh nur, weil hier der Teufel die Hand 1 im Spiele hat? Leid und Schmerz müssen wir wohl als wesentliche Faktoren der Menschwerdung - die bei der Geburt nicht aufhört - akzeptieren und sollten sie nicht verdrängen.

Nun ist es aber eines, Schmerzen zu lindern, wo immer es möglich ist, und ein anderes, die trügerische Hoffnung auf eine leid- und schmerzlose Welt zu nähren. Mit dem Abschluß einer Lebensversicherung hat man den Tod nicht besiegt, dennoch be-| ruhigt dieses Stück Papier - die medizinischen Möglichkeiten haben die Geburt noch nicht zu einem schmerzlosen und daher glücklichen Erlebnis gemacht, aber sie beruhigen; eine schmerzlose Geburt muß zudem noch keine glückliche sein und umgekehrt.

Zweitens möge der nachfolgende Erlebnisbericht der Theorie die Praxis nachliefern: Das Verhältnis von Mutter und Kind könnte tatsächlich durch die Geburtserfahrung nachhaltig beeinflußt werden. Aber: Die „Geburtserfahrung" ist mehr als das, was während der Geburt geschieht, sie ist die Summe einer Reihe von Faktoren, die weit über das Geschehen hinaus reichen.

Als ich mein erstes Kind als „biologisch alte" Mutter bekam, seufzte die fachkundige Verwandt- und Ärzteschaft und sprach von Kaiserschnitt und Komplikationen. Ich suchte Zuflucht in einem sich vorerst sehr unpersönlich gebenden Universitätskrankenhaus einer europäischen Hauptstadt: mitten im Krankenhausgelände ein Pavillon, Schwan-gerenuntersuchungen, Gymnastik vor und nach der Geburt, Mutterberatung, Kleinkinduntersuchung, alles in nur fünf oder sechs Räumen.

Hierher kamen die Mütter von der ersten Schwangerschaftsuntersuchung bis zum dritten Lebensjahr des Kindes. Dadurch wurde es eine kleine Welt, die Geborgenheit gab in dem großen Krankenhausareal; Geborgenheit, verbunden mit der Möglichkeit intensiver Behandlung.

Der künftige Herr Papa wurde sanft, aber bestimmt zwangsverpflichtet: Er muß sein noch Ungeborenes am „Fernsehschirm" begutachten (erahnen), seine Herztöne hören, sich Vorträge und Filme zum Thema über sich ergehen lassen. Als er mich dann eines Nachts ins Krankenhaus brachte, wurde er gleich mit dabehalten.

In fjinern winzigen, durchaus „me,, dikalisierten" Zimmer verbrachten wir gemeinsam die nächsten Stunden, die angelesene Bücherweisheit an der Wirklichkeit überprüfend. Ich wußte es zu schätzen, nicht allein zu sein - und das Krankenhaus auch: Es spart Personal. Dann kam der Herr Papa in eine sterile Kochuniform, und ich sah ihn den Anweisungen von Schwester und Arzt gehorchen -Beschäftigungstherapie. Das alles in ruhiger, entspannter (!), heiterer Atmosphäre, die noch an Heiterkeit gewann dadurch, daß wir alle uns einer Fremdsprache bedienen mußten, weil jeder von uns - Ehepaar, Schwester und Arzt - eine andere Muttersprache hatte.

Dann geschah etwas Merkwürdiges: Ich faßte das kleine Wesen, das erst halb geboren war und das ich noch nicht sehen konnte, zufällig an der Hand - begrüßte es sozusagen mit einem herzhaften Handschlag auf dieser Welt. Dies ist der stärkste Eindruck von dieser Geburt, und es hat, so meine ich, mein Verhältnis zu meiner älteren Tochter entscheidend geprägt: Es ist ein mehr kameradschaftliches als mütterliches. Nach der Geburt überforderte ich ein

Krankenhaus, das. Herztransplantationen bewältigte: Ich wünschte mir Champagner!

Die zweite Geburt in einem Sanatorium in Österreich: in freundliqher, ruhiger, liebevoller Atmosphäre. Das neugeborene Schreiende legte mir die Schwester auf die linke Brust, es wurde sofort ruhig. Das war hier das überwältigende Erlebnis. Hat es mein Verhältnis zu meiner Jüngsten geprägt? Es ist ein wirklich mütterliches. Die Ratio muß nun ausgleichen, was vom Gefühl, von der Emotion her anders gelagert ist, damit beide an Mütterlichem und Kameradschaftlichem etwa gleich viel abkriegen.

Beide Male war ich eingepreßt in ein technokratisch-bürokratisches System. Aber es blieb mir durchschaubar, ich war informiert und keine Information wurde mir verweigert. Diese Information gestattete mir, mir selbst sozusagen zuzusehen, mich und den ganzen Vorgang um mich herum zu objektivieren.

Warum ein Bericht dieser Art? Nicht nur als Zeugnis dafür, daß eine Mutter ihre Geburten als angenehm, ja schön empfunden hat. Ich meine auch, daß Medikalisierung und sanfte Geburt nicht Gegensätze sind. Eine sanfte Geburt ist möglich, auch mit Medikalisierung - und diese ist oft genug lebensrettend.

Für mich war entscheidend, daß ich das Geschehen um mich und in mir verbal objektivieren konnte. Aber es ist ebenso leicht von sanfter Hausgeburt zu reden, wenn jederzeit jede technologisch-medizinische Hilfe da ist, und es ist leicht von Objektivieren zu reden, wenn man durch eine akademische Ausbildung „eine Sprache" mit dem Arzt spricht, auch in einem anderen Land. Durch diese Gespräche und durch meine Fragen holte ich mich sozusagen aus dem „Fall" heraus, ich wurde zur Person.

Die Anwesenheit des Vaters signalisierte dem Arzt ebenfalls meine Personalität, er hingegen begab sich seiner „Unnahbarkeit", er wurde zum Kameraden, indem er den Vater als Hilfe miteinbezog.

Das heißt, vermehrte Anstrengung um die Gleichberechtigung, um Partnerschaft, um höhere Bildung der Frauen, um alles, was Frauen ermöglicht, ihr Selbstbewußtsein auch außerhalb biologisch geschlechtsspezifischer Kategorien zu finden, wird zur „sanften" Geburt beitragen. Mitbestimmung im Krankenhaus (ob Rooming-in oder nicht, mit dem Vater - ohne ihn) - weder das eine noch das andere als Zwang, aber zur Wahl. Ausbau der zwischenmenschlichen Beziehung und Einbeziehung aller medizinisch-technologischen Möglichkeiten zur Erleichterung der Geburt - dann könnte trotz Medikalisie-rung eine sanfte Geburt möglich sein.

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