Pränatale Psychologie: Schon im Mutterleib geprägt

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Kinder sammeln bereits vor ihrer Geburt Erfahrungen. Erlebnisse in dieser Phase können sich massiv auf ihr nachgeburtliches Verhalten auswirken. Die Pränatale Psychologie deckt solche Zusammenhänge auf.

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Kinder sammeln bereits vor ihrer Geburt Erfahrungen. Erlebnisse in dieser Phase können sich massiv auf ihr nachgeburtliches Verhalten auswirken. Die Pränatale Psychologie deckt solche Zusammenhänge auf.

Manche Säuglinge sind viel unruhiger als andere. Andere verweigern die Mutterbrust oder stemmen sich mit aller Kraft gegen jeden Körperkontakt mit der Mutter. Wieder andere - sogenannte "Schreibabys" - brüllen schier ohne Unterlass, und das so laut, dass es durch Mark und Bein geht. Lange Zeit suchte man bei solchem Verhalten die Erklärung im Hier und Jetzt. Dass Ärzte und Psychologen den Verlauf von Schwangerschaft und Geburt in die Ursachenerforschung mit einbeziehen, ist eine noch relativ junge Entwicklung.

Ein Fallbeispiel aus der Praxis von Terence Dowling, einem Psychotherapeuten in Heidelberg: Sein kleiner Patient leidet unter Asthma und Atemnot. Dowling fragt die Eltern nach den Umständen der Geburt - und tatsächlich war diese infolge einer "Nabelschnur-Umschlingung" besonders dramatisch verlaufen. Die Therapie, die nun versucht wird, folgt einem vielfach bewährten Prinzip: Indem die traumatische Erfahrung bewusst nachgespielt wird, hört sie allmählich auf, die Psyche des Kleinkindes zu beherrschen. In unserem Fall schlingen die Eltern ihrem Baby Tücher um den Hals, um den Wickel stets rasch wieder zu entfernen. Täglich wird so das Geburtserlebnis in entschärfter Form nachgespielt, bis sich tatsächlich die Anspannung bei dem Kind nach und nach löst und die Asthmaanfälle ausbleiben.

Pränatale Erfahrungen prägen das Leben

Für Terence Dowling und Ludwig Janus, Präsident der Internationalen Gesellschaft für Prä- und Perinatale Psychologie und Medizin, spielen Geburt und vorgeburtliche Lebensphase aber auch in der Therapie von Erwachsenen eine Rolle. Gefühle, die Kinder vorgeburtlich erleben, werden, so Janus, besonders nachhaltig gespeichert, weil sie sehr unmittelbar wirken: "Das Kind macht vorgeburtlich erste Elementar-Erfahrungen. Es lernt, wie man sich in der Welt fühlen kann: sicher oder unsicher, beschützt oder ungeschützt. Das hat wesentlichen Einfluss auf sein Lebensgrundgefühl. Wie er sein späteres Leben bewertet, wird hier entscheidend vorgeprägt. Erik Erikson erfand den Begriff Urvertrauen'."

Und Janus ergänzt: "Das berühmte Minderwertigkeitsgefühl kann hier wurzeln, aber auch ein positives Selbstwertgefühl. Es gibt viele Menschen, die jeden Abend unter dem Bett nachschauen, ob da jemand ist, die sich nirgends sicher fühlen können, auch nicht in einer Beziehung. Grund dafür kann sein, dass die Mutter das Kind in der Schwangerschaft nicht annehmen konnte, dass es also ein liebevolles Geborgensein in der Schwangerschaft vermissen musste."

Enge-Erfahrung

Vorgeburtliche Erinnerungen sind vorsprachlich. Dem Sprach-Ich eines erwachsenen Menschen vermitteln sie sich deshalb nur mittels Hypnose, "Körperarbeit" oder anderer Techniken. Sie zeigen sich aber auch in Bildern, Mythen und Märchen. Der Lebensbaum zum Beispiel, den es in vielen Kulturen gibt, lässt sich aus dieser Sicht als Symbol für die Plazenta deuten. Angst-Fantasien vom Verschlungen-Werden oder die Darstellung von Enge-Erfahrungen in Mythen und Volkserzählungen können auch als Archetypen gelesen werden, die auf Geburtserlebnisse verweisen. Abraham a Sancta Clara predigt in seinem "Huy! und Pfuy! Der Welt" (erschienen 1701): "In der siebenden Wochen nach der Empfängnissbekommt der Mensch in Mutter-Leib seine erste Gestalt; in dem siebenden Monat seine ganze Vollkommenheit."

Heute, wo Kinder vor der Geburt durch 3D-Ultraschall oder intrauterine Fotografie beobachtet werden können, kann die pränatale Entwicklung sehr viel genauer nachvollzogen werden. Man weiß deshalb, dass das Herz am 21. Tag zu schlagen beginnt und dass die Mundregion als erste sensibel auf Tast-Erlebnisse reagiert. Man weiß außerdem, wann sich Arme oder Beine entwickeln und man kann zusehen, wie das Ungeborene sich in seinen Bewegungen auf das Leben nach der Geburt vorbereitet. Ebenso deutlich erkennbar sind seine Reaktionen auf Lärm, Geschmack, Lichtreize. All das erweist das Kind im Mutterleib als sensibles Wesen, das vieles, was um es herum vorgeht, wahrnimmt und das aktiv auf all das reagiert.

Während die körperliche Entwicklung relativ leicht verfolgt werden kann, ist es freilich nach wie vor schwierig, über die Entwicklungsschritte des "Bewusstseins" präzisere Auskunft zu geben. Ab wann kann ein Embryo empfinden, ab wann kann er diese Empfindungen deuten und speichern? Die Gehirnforschung kann hier nur teilweise Aufschlüsse bieten. Spätestens nach sieben Wochen kann das Kind jedenfalls Reize aufnehmen. Über den frühestmöglichen Zeitpunkt besteht freilich keine Einigkeit.

Neuland für Forscher

Das Leben vor der Geburt wird von verschiedenen Fachrichtungen untersucht. Es geht einerseits um die Entwicklung des Kindes: Ab wann kann ein Fötus etwas wahrnehmen? Was fühlt er? Welche Erinnerungen prägen sich ein? Die Neurobiologie, die Gedächtnis-, die Stressforschung und andere Spezialdisziplinen der Medizin und Psychologie nehmen sich dieser Fragen an. Auf der anderen Seite betreten Psychotherapeuten Neuland, indem sie in Gefühlen von Erwachsenen, in Lebenshaltungen, Ängsten und Sehnsüchten Widerspiegelungen vorgeburtlicher Erfahrungen postulieren, auf die analytisch zurückgegangen werden kann.

Alessandra Piontelli beispielsweise beobachtete das Verhalten von Zwillingen mittels Ultraschalltechnik vor der Geburt, und verglich ihre Beobachtungen mit der Entwicklung der Kinder danach. Sie konnte bereits vor der Geburt genaue Aussagen darüber machen, welches der beiden Kinder das aktivere sein würde. Die Babys waren - so ihr Resümee - schon vorgeburtlich Persönlichkeiten mit besonderen Vorlieben und Verhaltensmustern. Beides wird von der Mutter und ihrer Umgebung maßgeblich geprägt.

Einhellig verweisen alle bisherigen Untersuchungen darauf, wie bedeutsam es ist, ob eine Frau ihr Kind bereits in der Schwangerschaft positiv annimmt, und ob es gelingt, einen "Beziehungsraum" zu schaffen. Das kann durch bessere Information, mehr Aufmerksamkeit von Seiten der Väter sowie der ganzen Gesellschaft, und durch mehr Vorsicht (etwa bei vorgeburtlichen Untersuchungen) gelingen.

Viel Verantwortung für werdende Eltern? Die Vertreter der pränatalen Psychologie betonen, dass ihre Forschungsergebnisse niemanden einschüchtern sollen. Belastungen, die vorgeburtliche Ursachen haben, werde man zusehends verstehen, vermeiden oder wenigstens therapieren können. Und dass Kinder schon im Mutterleib - und das schon sehr früh - prägende Erfahrungen machen, lässt sich als Aufwertung und Vertiefung der Bedeutung von Elternschaft begreifen, indem Eltern ihren Kindern schon vor der Geburt helfen können, ihre Potenziale zur Entfaltung zu bringen.

Die Autorin ist freie Journalistin und Mitarbeiterin der "Aktion Leben".

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