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Schwangerschaft von Angst bestimmt

Die Entscheidung über Leben oder Tod eines behinderten Kindes ist keine individuelle, auch wenn sie gern den Eltern angelastet wird.

Für die schwangeren Frauen in Österreich ist heute ein besonderer Tag." So beginnt die Presseinformation der Österreichischen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin am 13. Juni 2002. Ärzte stellten das First Trimester-Screening vor. In den Informationstexten hieß es, dass 80 Prozent des Down-Syndroms bereits in den ersten Schwangerschaftswochen erkannt werden. Eine weitere Verheißung: "Der Test soll Frauen Optimismus vermitteln, dass sie ein gesundes Baby erwarten." Ist dieser Tag tatsächlich ein besonderer Tag? Um dieser Frage nachzugehen, ist es nötig, über pränatale Diagnostik prinzipiell nachzudenken.

Mit welchen Konflikten pränatale "Diagnostik" verbunden ist, wird erst deutlich, wenn das "beruhigende" Ritual von Ultraschalluntersuchungen durch eine Auffälligkeit "gestört" wird: meist völlig unvorbereitet sollen Frauen, Eltern über weitere Untersuchungen entscheiden, die Gewissheit über den Zustand des Kindes bringen sollen. Ergibt der Befund zum Beispiel ei-ne Chromosomen-Anomalie, sollen Frauen, Eltern plötzlich über Leben und Tod ihres Kindes entscheiden.

Das Konfliktpotenzial wird am extremsten beim Spätabbruch sichtbar, der eine Geburtseinleitung zum Tod ist: Immer wieder kommt trotzdem ein Kind lebend zur Welt. Ist das Töten im Mutterleib die Lösung dieses Problems? Oder eine Verkürzung der Frist, innerhalb derer behinderte Kin-der abgetrieben werden dürfen? Hier besteht die Gefahr, dass es zu Panikabbrüchen kommt. Den Weg, ein Kind, das höchstwahrscheinlich nicht lebensfähig sein wird, auszutragen, kennen und wählen sehr wenige. Eine Mutter, die ihr Baby, das keine Nieren hatte, normal zur Welt gebracht hatte, sagt heute, dass ihr diese Art des Abschiednehmens sehr geholfen hätte, ihren Schmerz zu verarbeiten und mit ihrer Trauer zu leben.

Pränatale Diagnostik ist auch wenig zur "Beruhigung" schwangerer Frauen geeignet:

* Pränatale Untersuchungen machen Schwangerschaft heute zu einem angstbestimmten Zustand. Allein das Anbieten solcher Tests vermittelt Frauen das Gefühl, es könnte etwas nicht in Ordnung sein. Realistisch ist aber, dass die meisten Frauen auch ohne solche Untersuchungen gesunde Kinder zur Welt bringen.

* Vorgeburtliche Untersuchungen stören die Beziehungen zwischen Mutter und Kind. Manche Frauen sprechen davon, dass sie dadurch um fast die Hälfte ihrer Schwangerschaft betrogen werden.

* Die Untersuchungen können kein gesundes Kind garantieren! Die meisten Krankheiten oder Behinderungen entstehen während der Geburt oder danach.

* Vorgeburtliche Untersuchungen liefern der Frau kein Wissen über ihr ungeborenes Kind. Sie kann sich lediglich den Ausschluss einiger weniger Krankheiten oder Behinderungen bestätigen lassen.

* Ein positiver Befund liefert keine konkreten Aussagen über Ausprägung oder Ausmaß der Behinderung oder Krankheit.

* Vorgeburtliche Untersuchungen werfen eine Vielzahl an Fragen auf. Ärzte sind nicht ausgebildet für psychosoziale Beratung. Es fehlt ein Netz an speziellen und unabhängigen Beratungsmöglichkeiten. Derzeit ist ein solches im Aufbau. Es wird auch an den Ärzten liegen, ob es sich zu einem tragfähigen Auffangnetz entwickelt.

Beratung allein ist aber noch zu wenig. Pränatale Diagnostik ist immer untrennbar mit unserem Umgang mit Krankheit und Behinderung verbunden: Die Entscheidung über Leben oder Tod eines behinderten oder kranken Kindes ist keine individuelle, auch wenn sie gerne den Eltern angelastet wird. Frauen und Paare entscheiden danach, welche Lebensperspektiven sie mit einem behinderten oder kranken Kind haben. Zwar brechen nach wie vor neun von zehn Paaren bei dem Befund "Trisomie 21" die Schwangerschaft ab. Zunehmend aber beobachten wir Widerstand von Frauen, die sich immer vehementer gegen Selektion von behinderten Kindern wehren!

Wir brauchen daher dringend neue Ideen und Vorstellungen des Zusammenlebens mit behinderten und kranken Menschen. Eine solche Gesellschaft zu entwickeln muss unser aller Ziel und Aufgabe werden. Nur so kann sich etwas ändern und Schwangerschaft wieder zu einem Zustand werden, in dem Frauen "guter Hoffnung" sind.

Die Autorin ist Pressesprecherin von "Aktion Leben" Österreich.

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