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„Sanft“ abtreiben?

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Nach China hat nun Frankreich als zweites Land die Abtreibungspille zugelassen. Ihre Erzeuger rechnen mit weiteren Märkten. Wie sieht ein Gynäkologe diese Entwicklung?

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Nach China hat nun Frankreich als zweites Land die Abtreibungspille zugelassen. Ihre Erzeuger rechnen mit weiteren Märkten. Wie sieht ein Gynäkologe diese Entwicklung?

In Frankreich gab es bei der Zulassung des neuen Produktes Mifepristone (RU 486) die Auflage, es dürfe nicht über Apotheken verkauft, sondern nur an jenen Spezialkliniken ausgegeben werden, in denen auch regelmäßig Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden.

Die Problematik der Familienplanung und Geburtenkontrolle war bisher in erster Linie mit dem Begriff der Antikonzeption verbunden; nun wird der neue Begriff der Kontragestion an Bedeutung zunehmen. Während die Antikonzeption die Empfängnis verhindern will, also eine gewisse Rücksicht und Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben erkennen läßt, bedeutet Kontragestion eine Maßnahme gegen eine schon entstandene Schwangerschaft.

Mit der Abtreibung wurde bisher ein chirurgischer Eingriff verbunden, das Wort Kontragestion verharmlost dasselbe Ziel zu einer einfachen medikamentösen Maßnahme, zum sanften Schwangerschaftsabbruch im Do-it-yourself-Verfahren.

Mifepristone ist ein Antipro-gesteron, das die Progesteron-Rezeptoren der Gebärmutterschleimhaut blockiert, wodurch die Weiterentwicklung der Schwangerschaft unmöglich wird. Die Abtreibungspille kann bis zur dritten Woche nach Ausbleiben der Regelblutung eingenommen werden.

Dabei ist in etwa 95 Prozent der Fälle eine „erfolgreiche“ Behandlung zu erwarten, doch ist die Methode umso verläßlicher, je früher sie angewandt wird.

In ein bis fünf Prozent der Fälle versagt die Methode, die Schwangerschaft bleibt bestehen, und bei den Kindern können erhebliche Mißbildungen auftreten. Als größtes Risiko werden schwere Blutungen angesehen, die bei rund drei Prozent der Schwangeren auftreten, die das Mittel nehmen.

Schon jetzt werden etwa ein Viertel bis ein Drittel aller Schwangerschaften durch Abtreibung beendet. Es ist zu befürchten, daß durch die neue Methode der Kontragestion diese Problematik wesentlich verschärft wird.

Zwar werden die Umsätze bisher florierender Abtreibungsin-stitüte zurückgehen, doch wird die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche durch die diskrete Selbstbehandlung zu Hause wahrscheinlich ansteigen.

Da bisher mit der Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch auch die Angstschwelle vor einem operativen Eingriff überschritten werden mußte und schon allein dadurch die Entscheidung gegen die Schwangerschaft ein ernstes Uberdenken erforderte, wird in Zukunft diese Entscheidung wesentlich leichterfallen, unter Umständen bagatellisiert werden:

Die Einnahme einer Tablette ist ein alltäglicher Vorgang ohne Angstgefühl. Viele Frauen könnten es als angenehmer empfinden, nur einmal im Monat eine Tablette zu schlucken, um eine regelmäßige — von eventueller Schwangerschaft unbeeinflußte — Menstruation zu erzielen.

Es besteht nur geringe Hoffnung, daß sich gegen die Verbreitung der Kontragestion ausreichende Widerstände bilden, wie sie teilweise schon heute gegen die Antibabypille bestehen. Nur zum geringsten Teil erfolgt der Widerstand gegen die Pille aus ethischen Bedenken heraus, sondern vielmehr wegen der „Unnatür-lichkeit“ der Mittel.

Weder die Opposition der Um-weltbewegung, die sich gegen jegliche Chemie wendet, noch die Vorbehalte von Feministinnen, die in der Pille ein symbolisches Zeichen der Unterwerfung der Frau durch den Mann sehen, konnten die Weiterverbreitung der hormonellen Antikonzeption behindern.

Auch die Darstellung von Risiken, die mit der Kontragestion verbunden sind, wird wahrscheinlich nur relativ geringe Bedeutung haben.

Mit der Technik der Kontragestion beginnt ein neues Zeitalter der Fertilitätsbewältigung des Menschen. Es ist durchaus denkbar, daß Frauen in Zukunft statt der täglichen Antikonzeption lieber einmal im Monat zur Kontragestionspille greifen.

Das Präparat ist umso wirksamer, je früher es im Schwangerschaftsverlauf eingenommen wird. Bei Einnahme vor Ausbleiben der Regelblutung kann die Frau gar nicht wissen, ob sie schwanger ist oder nicht. Die psychische Belastung, die ohne Zweifel mit jedem aktiven Vorgehen gegen eine bestehende Schwangerschaft verbunden ist, fällt weg.

Die Gewissensbelastung wird gering sein und Moraltheologen werden Überlegungen anstellen, ob bei einem solchen Vorgehen die Tatsache der schweren Sündhaftigkeit gegeben ist, da ja dann die Frühabtreibung nicht primär und bewußt angestrebt wird.

Auch die schon bisher vorgebrachten ethischen Bedenken gegen die Spirale, die die Weiterentwicklung des befruchteten Eies zu einem noch früheren Zeitpunkt verhindert, hat nicht zur eindeutigen und klaren Erklärung der schweren Sündhaftigkeit geführt.

Die Kirche hat bisher jegliche künstliche Antikonzeption abgelehnt, ohne Rücksicht darauf, ob bei der verwendeten Methode den Prinzipien des Lebensschutzes entsprochen wird oder nicht. Auch Methoden, bei denen die Entstehung menschlichen Lebens vermieden werden, wurden mit dem gleichen Ablehnungsbann belegt, wie solche, die bereits entstandenes menschliches Leben vernichten.

Der neue Weg der Kontragestion, der unbewußten Abtreibung, ist daher auch für die Kirche eine neue Herausforderung für klare Stellungnahmen, die die Menschen auch verstehen und akzeptieren können. Vor dem Hintergrund, daß die Evolution der menschlichen Fertilität weder mit den medizinischen noch mit den sozialen Fortschritten des menschlichen Lebens schritthalten konnte, sondern auf die Erf or dernisse primitiver Lebensumstände mit hoher Kinder- und Müttersterblichkeit ausgerichtet ist, wird die Ethik der Familienplanung zu einer der ernstesten Fragen unserer Zeit.

Autor ist Universitätsprofessor in

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