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Wir sind nicht letzte Instanz

In welchem Umfeld stellt sich die Frage der Empfängnisregelung heute? 75 Prozent der 19jäh-rigen in Österreich haben sexuelle Beziehungen (gehabt). Rund 50 Prozent der Heiratswerber hierzulande haben vorher zusammengelebt. Jede dritte Ehe wird geschieden, 40 Prozent davon nach höchstens fünfjähriger Ehedauer. Intensive, aber instabile Beziehungen zwischen Mann und Frau sind an der Tagesordnung. Weil der sexuellen Begegnung aber Kinder entspringen, die auf Jahrzehnte elterlicher Fürsorge angewiesen sind, ergibt sich ein Dilemma. Seine Lösung scheint selbstverständlich zu sein: Empfängnisverhütung.

Sie gilt auch als die beste Lösung für jene, die sich um eine lebenslange Ehe bemühen, ihre Kinderzahl aber nicht uferlos anwachsen lassen wollen.

Enthaltsamkeit hingegen hat heute ein schlechtes Image, den Beigeschmack freudloser Prüderie. Sie steht im Verdacht, zu Verdrängungen und Neurosen zu führen. Intensive Zuneigung solle durchaus in sexueller Begegnung zum Ausdruck kommen, meint man heute. Der Mensch habe ein Recht auch auf sexuelles Glück. Und es sei das Verdienst moderner Verhütung, den Weg zu dieser Glückserfahrung gebahnt zu haben.

Wie jede gezielte Maßnahme, so hatte auch die weitverbreitete Anwendung der Verhütung Nebenwirkungen. Zwar kann der Mensch heute die „Last“ der Fruchtbarkeit abschütteln. Dafür aber muß er sich für jedes Kind bewußt entscheiden. Die Chance einer rationalen Planung scheint gegeben.

Aber die Sache hat einen Schönheitsfehler: Wir sind gewohnt Kosten-Nutzen-Rechnungen anzustellen. Daher wird gefragt: „Können wir uns das Kind leisten, worauf müssen wir verzichten, was dem Kind bieten?“ Und man versucht rational zu lösen, was ein rational nicht lösbares Problem ist: Wer kann jemals Freud und Leid einer menschlichen Beziehung vorausberechnen? Hier wird deutlich: Es ist Zeit, den Fetisch von der rationalen Lebensplanung anzukratzen.

Man sagt uns: Wer Abtreibung verhindern will, muß für Verhütung eintreten. Das klingt plausibel - stimmt aber nicht. Denn noch nie wurde so viel abgetrieben und verhütet wie heute. Und die • Befragung abtreibender Frauen zeigt: 96 Prozent von ihnen wußten von der Pille. Nicht das Wissen um die Verhütung macht es also aus. Es ist vielmehr eine Frage des Anspruchs, in letzter Instanz selbst über das Ob und Wann des Kinderbekommens entscheiden zu wollen.

Nach 20 Jahren mechanischer und chemischer Verhütung in großem Maßstab zeigen sich auch gesundheitliche Folgen. Das belegen zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, wie etwa die des französischen Krebsforschers Henry Joyeux.

Betroffen sind vor allem die Frauen, die ja weitgehend allein die Last der gängigen Verhütungsmethoden tragen. Viele Männer machen sich's leicht: „Das ist Frauensache“, ist ihr Motto.

Langsam macht sich ein Umdenken bemerkbar. Und da bietet NFP eine Alternative. Konsequent betrieben ist sie so sicher wie die Pille, sicherer als Kondom und Spirale, verschont aber den Körper vor Eingriffen.

NFP hat weiters den Vorteil, beide Partner zu betreffen. Beide müssen die Perioden der Fruchtbarkeit als Zeiten der Enthaltsamkeit einhalten. Wer sich darauf einläßt, entdeckt Enthaltsamkeit als Schule des Lebens. Sie erfordert Selbstbeherrschung, eine Fähigkeit, der in anderen Lebenssituationen selbstverständlich hoher Wert beigemessen wird.

Enthaltsamkeit wird dann aber auch — wie die sexuelle Begegnung- als Zeichen der gegenseitigen Liebe verstanden. Sie bringt nämlich zum Ausdruck, daß zwischen den Partnern eine tiefere Beziehung besteht als die der sexuellen Attraktivität.

NFP ist einerseits auf Partner-schaftlichkeit angewiesen, fördert sie andererseits aber auch. Sie setzt vor allem bei den Männern einiges voraus, nämlich ihre Frau so zu respektieren, wie sie nun einmal ist — eben auch mit ihrer Fruchtbarkeit, und sie nicht dazu zu zwingen, ihren Körper zu manipulieren.

Nicht unerwähnt bleiben sollte, daß periodische Enthaltsamkeit ein gutes Mittel ist, die Freude an der sexuellen Begegnung auf lange Sicht zu erhalten. Sie verhindert, daß Routine die Begegnung zur „ehelichen Pflicht“ degenerieren läßt.

Man kann NFP durchaus mit derselben Grundhaltung betreiben, die jemand hat, der die Pille schluckt, und die lautet: Ob und wann ein Kind kommt, bestimmen wir, die Partner. Dann wird auf lOOprozentige Sicherheit geachtet, und NFP degeneriert zur Verhütungsmethode. Wer die Dinge so sieht, wundert sich zu Recht, warum Rom sich für NFP stark macht. Genau das ist es aber nicht, was die päpstlichen Aussagen unter verantworteter Elternschaft verstehen.

Die päpstlichen Lehräußerungen versuchen die Frage vom Glauben her zu beleuchten. Sie mögen zwar manchmal in der Terminologie zu sehr Assoziationen an Rechtsvorschriften und Sanktionen erwecken. Aber im Kern enthalten sie folgende Botschaft:

Gott spricht jeden von uns persönlich an. Dein und mein Name sind in Seine Hand geschrieben. Diesem Anruf zu folgen, heißt nicht, sich sklavisch an Vorschriften zu halten. Es bedeutet, Gott konkret in dein Leben wirken zu lassen.

Das ist nicht Unmündigkeit, sondern geschieht im Vertrauen darauf, daß Gott es mit mir besser meint als ich. Und genau hier liegt der Unterschied zwischen auf Sicherheit zielender NFP und der Empfängnisregelung:

Humanae Vitae, Familiaris Consortio und andere päpstliche Äußerungen rufen dem Christen zu: Schaltet Gott nicht restlos aus der sexuellen Begegnung aus!

Selbstverständlich darf der Mensch seine Option, jetzt Kinder zu wollen oder nicht, Gott vorlegen. Schließlich ist es ja Gottes Werk, daß es im weiblichen Zyklus unfruchtbare Perioden gibt. Somit kann es nicht einziger Zweck des Sexualaktes sein, Kinder zu zeugen. Und daher ist es recht, dieses Wissen um die unfruchtbaren Zeiten zu nützen.

Wichtig ist aber, daß bei der NER die sexuelle Begegnung ein ganzheitlicher Vorgang bleibt, der in mehrfacher Hinsicht offen ist für Lebensspendung:

• durch die Zeugung von Kindern, wenn Gott es will,

• in der Erfahrung der Einheit beider Ehepartner, die sich indiesem Zeichen ihre unbedingte Zuwendung zusagen,

• im Erfahren der Einheit von

Geist und Körper im lustvoll erlebten sexuellen Höhepunkt.

Keine dieser Dimensionen sollte ohne besonders schwerwiegenden persönlichen Grund ausgeschaltet, keine überbewertet werden. Die Fixierung auf Fortpflanzung ist ebenso ein Irrweg wie ihre restlose Unterdrückung.

Von dieser Warte ist NER die geeignete Methode. Sie nützt das Wissen um die unfruchtbaren Zeiten, verzichtet auf sichere Verhütung und bleibt somit offen für das Wirken Gottes.

Adressaten dieser Botschaft sind jene, die sich von Gott führen lassen wollen, sich von Ihm aber auch die Kraft erhoffen, diesen Weg zu gehen. Denn machen wir uns nichts vor: NER ist kein leichter Weg. Enthaltsamkeit wird leicht gepredigt, bleibt aber schwierig zu verwirklichen. Und Gleiches gilt für die Ungewißheit, die Teil des Alltags dieser Paare bleibt. Dafür sorgen immer wieder Zyklusschwankungen und zweideutige Messungen.

Viele Debatten um die päpstlichen Lehräußerungen verlaufen unersprießlich, weil sie als Methodenstreit mißverstanden werden. Dabei ist nicht die Methode der Kern der Botschaft. Es geht um unsere Beziehung zu Gott, um die Bereitschaft, das zentrale Ereignis der Lebenspendung nicht im Alleingang zu verwalten.

Wer sich aber auf den Weg einläßt, kann erfahren, daß die Lehre der Kirche nicht autoritäres Diktat, sondern Wegweisung zu einem erfüllten Eheleben ist.

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