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Die Ehe ist zu oft ein legalisiertes Bordell

Nach dem Theologen Wolfgang Treitler (FURCHE Nr. 48) meldet sich die Psychoanalytikerin Rotraud A. Perner zum Thema Ehe und Sexualität zu Wort. Eine grundlegende Replik.

Mit vierzigjähriger Verspätung wurde im Frühjahr von Kardinal Schönborns an der Mariatroster Erklärung der österreichischen Bischöfe aus 1968 Kritik geübt, jetzt, mit halbjähriger Verspätung, taucht das Thema in den Medien auf: Empfängnisverhütung als Sünde passt ja auch perfekt zum Gejammere über die angeblichen gesellschaftlichen Probleme auf Grund des Geburtenrückgangs, nämlich die Sorge um genügend Beiträger/innen zur Sicherung des bisherigen Pensionssystems. Der Gedanke, dass man diese Probleme auch anders lösen kann als durch Gebärzwänge (beispielsweise durch gezielte Einwanderungspolitik), und dass überhaupt juristische Systeme Artefakte sind und daher veränderbar, wird dabei taktisch verschwiegen.

Tatsächlich fallen bei den bisherigen Kommentaren zwei fehlende Sichtweisen auf:

Zuerst die ethische Blickrichtung: Nach dem Prinzip Weltethos, wie es der Tübinger Theologe Hans Küng zusammengefasst hat, sind es vier Grundforderungen, die alle Weltreligionen vereint: nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, nicht missbrauchen.

Die vier Arten der Ehe

Missbrauch – die Hauptsünde der Unkeuschheit – besteht im beziehungslosen Eigennutz anderer Personen mit dem Ziel ökonomischen, finanziellen, auch sexuellen Gewinn zu erzielen. Er kann individuell, aber auch kollektiv verübt werden. Der jungianische Psychoanalytiker Adolphe Guggenbühl-Craig (nicht zu verwechseln mit seinem Neffen Allan, der als Männerforscher gerne von Herbert Haupts „Männerabteilung“ nach Österreich eingeladen wurde) differenziert in seinem Buch „Die Ehe ist tot – lang lebe die Ehe“ vier Arten von Ehen je nach ihren primären Motiv und Zweck: die „bäuerische“ Arbeitsehe, die auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtete Finanzehe, die auf Vervielfältigung ausgerichtete „Kindergartenehe“ und die „Sklavenhalterehe“ (wobei es egal ist, wer sich von wem bedienen lässt, Sexsklaverei inbegriffen). Der Begriff der Liebesehe kommt bei ihm nicht vor, wohl aber in den Fiktionen der schönen Literatur oder in Film und Fernsehen.

Und genau im Widerstand gegen diese, in den fünfziger Jahren üblichen Sklavenhalterehen kulminierten die Bemühungen zur Installation von frei zugänglichen Methoden der Geburtenkontrolle, wie sie in Österreich etwa vom Arbeitskreis Emanzipation der Frau, einem Zusammenschluss von jungen Sozialwissenschafterinnen wie Eva Kreisky, Irmtraud Karlsson, mir und noch einigen anderen im Rahmen der Jungen Generation in der SPÖ in den späten sechziger Jahren vorangetrieben wurden.

Keuschheit – abgeleitet vom lateinischen conscius, bewusst – bedeutet, seine Wünsche und Begehrlichkeiten mit Scheu und Achtsamkeit in Waage zu halten, damit nicht einer den anderen dominiert oder ausbeutet. Sie bedeutet eine besondere Qualität von Zurückhaltung – nicht nur im Rahmen ausgelebter sexueller Beziehungen, sondern in allen Beziehungsformen, denn, wie ich in Anlehnung an Paul Watzlawick immer formuliere: „Wir können nicht nicht sexuell sein“ – und die Gefahr, dass ein Geschlecht das andere missbraucht (oder eine Generation oder eine Ethnie etc. die andere) besteht immer. Genau deswegen ist Gewissensprüfung und ethische Verantwortung so wichtig – sie sollte nicht einer sogenannten „moralischen“ Autorität überantwortet werden, sonst findet wiederum Ausbeutung statt, dann eben emotionale, intellektuelle, mentale, spirituelle.

Sodann der sexuologische Blickwinkel: Es wird so getan, als wäre eine christliche (oder insbesondere katholische) Ehe a priori der trivialen „bürgerlichen“ überlegen; zu diesem Zwecke wird der Begriff der „sakramentalen“ Ehe bemüht. Ja, es gibt das Sakrament der Ehe, das sich die Eheleute gegenseitig spenden, und falls die priesterlichen Bitten um Gottes Segen nützen, sei dies allen Beteiligten vom Herzen gegönnt. Nur: nicht nur im „Zigeunerbaron“ wissen Saffi und Sándor Barinkay, dass auch der Vogel Dompfaff trauen kann und Störche als Zeugen laut klappern können … Shekinah (die spürbare Anwesenheit Gottes) in der liebenden Vereinigung erfordert gar kein coniugium der Genitalien. Dieses Sakramentale zu erleben ist eine Gnade, unabhängig von rituellen Einsegnungen, Drogeneinsatz oder obskuren Sexpraktiken, und verbindet in einer Tiefe, die soziale oder sexuelle Untreue unmöglich macht. Sich in den dazu nötigen energetischen Zustand zu versetzen, kann gelingen, wenn man sein Herz weit öffnen und bedingungslos lieben kann. Ich habe diese „spirituelle Sexualität“ ausführlich in meinem Buch „Heute schon geliebt? Sexualität & Salutogenese“ beschrieben.

In den sogenannten westlichen Religionen fehlt das Wissen und Können, das etliche östliche hüten, die mit dem Denkmodell von sieben Energiezentren („Chakren“) deutlich machen, dass es darum geht, die Sexualenergie aus den unteren drei Energiewirbeln (Wurzelchakra, Sexualchakra, Solarplexuschakra) in die Mitte (Herzchakra) zu bringen – dorthin, wo auf alten Abbildungen Jesus, Maria und Heilige hinzeigen!

Im Sexualchakra braucht man die Sexualenergie primär, wenn man sich fortpflanzen will – und das ist das, was die meisten Menschen spüren und was uns an unsere Animalität erinnert. Gestaut steigt die Energie auf ins Sonnengeflechtchakra – und manifestiert sich in Machtausübung. Der Volksmund benennt diese Erfahrungen in Sätzen wie „Das magerlt einen“ oder „Es dreht einen den Magen um“ oder „Das war ein Tiefschlag“ – womit wir wieder bei der Sklavenhalterehe wären, bei Vergewaltigung, sexueller Misshandlung, Nötigung und Angstmache. Mit Spiritualität oder gar Sakramentalität hat dies nichts zu tun, ist aber leider Alltag.

Eine sakramentale Ehe braucht Anleitung

Ich meine, es ist schwer genug, sich auf das Gelingen einer „bürgerlichen“ Ehe (mit oder ohne Trauschein) – dem Versprechen auf gegenseitigen Beistand und Fürsorge für die, die von einem emotional oder wirtschaftlich abhängen „in guten wie in schlechten Zeiten“ – zu konzentrieren und darauf zu achten, dass nicht eine/r dem/der anderen vorschreibt, wie er oder sie sich zu verhalten hat: Das ist Machtmissbrauch und sicherlich nicht jesuanisch.

Will man aber eine sakramentale Ehe führen, braucht es mehr als nur guten Willen – da braucht es Anleitung von Wissenden. Christliche Bischöfe sind das vermutlich nicht … sie kennen wie wir alle nur jeweils den Geist, in dem sie erzogen wurden, aber das mag sich vielleicht noch ändern (oder tut es schon? Immerhin durfte ich heuer einen kleinen Teil meines sexuologischen Wissens an Österreichs Spirituale weitergeben und war von deren Ernsthaftigkeit sehr berührt).

Wenn aber Bischöfen Sünde vorgeworfen wird, so sollte diese „Absonderung“ wohl das Wegschauen von der Sexualisierung, Domestizierung und Kommerzialisierung des sexuellen Potenzials Junger wie Älterer thematisieren und vor allem an Männer gerichtet werden. Denn vor allem die benötigen die Erkenntnis: Sexualität ist mehr als nur der Zeugungsakt.

Univ. Prof. Dr. iur. Rotraud A. Perner, Psychoanalytikerin, lehrt an der Donau Universität Krems Interkulturelle Sexualwissenschaft.

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