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Das Gift ausspucken wie SCHNEEWITTCHEN

1945 1960 1980 2000 2020

In ihrem neuen Buch zeichnet Rotraud A. Perner das Bild einer von Korruption und Gier geprägten Gesellschaft. Aber ist nicht manches auch besser geworden? Eine kritische Lektüre.

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In ihrem neuen Buch zeichnet Rotraud A. Perner das Bild einer von Korruption und Gier geprägten Gesellschaft. Aber ist nicht manches auch besser geworden? Eine kritische Lektüre.

Im Schlafzimmer steht eine Psyche. Mit vielen Schubladen. Und darauf ein Spiegel. Nach Ansicht von Rotraud Perner Sinnbild für all das, was der Mensch gern aus dem Weg räumt und schubladisiert, aber besser in sich freilegte, wenn er vor dem Spiegel steht. Niemand ist nämlich vor den sieben Hauptsünden gefeit, die in unserem "Zeitalter der Seelenvergiftung" unser Innerstes verderben. Giftige Kotzbrocken wie Lügen und Selbstbetrug müssen mittels "Schneewittchen-Effekt" herausgewürgt werden -wie es im Märchen mit dem vergifteten Apfel geschah. Wer das nicht einsieht, ist einer der drei Affen von Benares, die nichts sehen, nichts hören und nichts preisgeben möchten.

Man reibt sich die Augen und spitzt die Ohren. Was fangen Menschen von heute mit Hochmut und Habgier, Wollust und Zorn, Völlerei, Eifersucht und Trägheit an? Rotraud Perner, gelernte Juristin, Nationalökonomin, Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin, einstige Kommunalpolitikerin und evangelische Theologiestudentin (Selbstbeschreibung), hat dazu in ihrem neuen Buch "Die reuelose Gesellschaft" eine Menge zu sagen, weil sie die Sündendefinition sinnvoll ein wenig streckt. Die Gier nach mehr Geld, Macht, Publicity und Genuss, gepaart mit dem Ruf nach jederzeitiger Verfügbarkeit unserer Besitzwünsche (Zimmermädchen inklusive, nicht nur für Weltwährungsfondspräsidenten) umgibt uns ständig. Selbst verbissenes Streben nach eigener Perfektion vergiftet.

Fastend die Seele entgiften

Ein taugliches Rezept dagegen ist Entgiftung durch Fasten. Auch "Beziehungsfasten" (der kurze Rückzug von Partnern, Eltern, Kindern) kann heilsam sein. Eine Burnout-Kur vermag von psychischem Berufsgift zu reinigen. Trägheit, ein Mangel an Energie, steckt wiederum hinter dem "Standby"-Phänomen (alle schauen zu, wie einer in der U-Bahn niedergeprügelt wird) oder der "Verantwortungsdiffusion" (je mehr Zeugen eines Unfalls, umso weniger helfen).

Eine alte Erkenntnis der Kommunikationsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann wird reanimiert: Wer nach einer Debatte mit Publikum als Erster ein Urteil äußert, hat die Themenführerschaft an sich gerissen. Das sind meist Siegessichere - Zweifler schweigen zuerst und folgen dann der ersten Wortmeldung. Die Autorin plädiert deshalb (auch in Schulen) für rasche, mutige Wortmeldungen: Kritisches Vernunftdenken darf ja nicht mit Laissez-faire-Erziehung verwechselt werden, die zu allen Regelbrüchen schweigt. Das gefällt auch Perner nicht.

Abschied vom "Stammhirn-Agieren"

Die üblicherweise mit Wollust umschriebene Hauptsünde nennt die Autorin "Unkeuschheit", welche als Vermasslerin jeglicher Freuden südlich des Nabels noch übler beleumundet ist. Aber Perners Auslegung überzeugt: Keusch handelt, wer die Ambivalenz der auf eine andere Person gerichteten Wünsche erkennt und respektiert. Es geht also um ein Ausbalancieren zwischen forschem Wagemut und verklemmter Zurückhaltung, bis zwei Menschen das richtige Tempo der Entwicklung einer gewollten Beziehung gefunden haben.

Wer Sex auf den Körper und Liebe auf eine "Erlebnisware" reduziert, muss vorschnelle Abnützung durch technische Kicks oder eine "Addition von Affären" vergeblich auszugleichen versuchen. Beziehungspflege braucht hingegen Zeit - wie Gartenarbeit oder der Erwerb von Esskultur. Perner plädiert dafür, sich in der heutigen (auch sexuellen) Multioptionsgesellschaft "vom wilden Stammhirn-Agieren, das unserer tierischen Herkunft zuzurechnen ist, zur Großhirn-Bewusstheit" einer ganzheitlichen Liebesbeziehung weiter zu entwickeln.

Und, herhören, Christen beiderlei Geschlechts: Das habe wohl auch Paulus gemeint, als er im 1. Korinther-Brief über Jungfräulichkeit, Single-Dasein, Heiraten und Unzucht spekulierte! Leider blieben, findet die Autorin, die "dunklen Seiten" der Sexualität bei den Love Talks in Schulen immer ausgeklammert. Wesenszustand der Liebe ist eben Herzoffenheit, nicht Besitz. Das gilt übrigens auch für Gott. Deshalb darf man auch das Christentum nicht auf "dünnblütige Humanität" reduzieren, die Strukturreformen nicht ersetzt.

Prägende Werbebotschaften wie "Geiz ist geil" oder "Ich hab' nichts zu verschenken" und der Unwille eines Kindes, den Vater von seiner Torte kosten zu lassen, sind entsprechend fragwürdig. Sie prägen - so wie auch Gewaltszenen - passive Zuschauer. (Darf man das jetzt wieder sagen?) Dazu kommt eine durch die Missbrauchsflut in staatlichen und kirchlichen Erziehungseinrichtungen vielfach bestätigte Lehre: "Wenn man mit einem Kind schimpft, lernt es schimpfen, wenn man es auslacht, lernt es auslachen, wenn man es demütigt, lernt es demütigen, wenn man seine Seele tötet, lernt es töten."

Perner fordert deshalb, dass künftige Juristen nicht nur bei Gerichten, Anwälten oder in Verwaltungsstuben, sondern auch bei Sozialarbeitern und in humanitären Vereinen Praxiserfahrung sammeln sollten. An anderer Stelle empfiehlt sie eine psychologische Weiterbildung für Turnlehrer, um Grenzen der "Leibeserziehung" zu erfahren: Niemand wird je hundert Meter in 0,0 Sekunden laufen, auch wenn künftig Sekundentausendstel gemessen würden. Für gescheiter als eine tägliche Turnstunde hält sie tägliche Körperbewusstseinsübungen und Gesundheitsgymnastik.

Der Sünde des Hochmuts rechnet die Autorin auch die Nichtbeantwortung von Briefen zu, wozu besonders klerikale Amtsträger neigten. Auch die ausufernde Praxis von Rankings aller Art gehört hierher: Nur Quantität kann man vergleichen, Qualität kaum! Stellvertreter-Entschuldigungen (wie etwa die von Papst Johannes Paul für Christenschuld in vergangenen Jahrhunderten oder die von heutigen Kirchenfunktionären für frühere Sexualdelikte von Mitbrüdern) ließen PR-Beratung vermuten - was für die "Klasnic-Kommission" freilich nicht zutrifft: Sie vermittelt solche nur, wenn Opfer das ausdrücklich verlangen. Dass die große Lüge des Hochmuts nicht zuletzt durch die Selbstpräsentation der Seitenblicke-Gesellschaft bewiesen wird, liegt auf der Hand.

Heilt Wahrheit wirklich?

Wird also rund um uns nur noch Theater gespielt? Wird Verdrängung mit Problemlösung verwechselt, hohle Toleranz schon für Anerkennung alternativer Lebensstile gehalten? Hat mitleidlose Konkurrenz die Gesellschaft insgesamt schlechter gemacht? Oder ist nicht manches in ihr wirklich besser geworden - in Form von mehr Anteilnahme am Schicksal anderer ("Empathie"), Liebe und Respekt für Kinder zum Beispiel, wachsende Achtung zumindest vor geborenem Leben, erst jüngst Kriegsverzicht am Rand des Abgrunds (Syrien)?

Wir erleben nicht nur ein Schwinden, sondern vor allem die Umschichtung von Werten und hier auch echten Fortschritt. Transparenz nimmt zu, immer mehr Schneewittchen kotzen ihr Gift ans Licht der Öffentlichkeit -im Sinne des Perner-Mottos: "Was krank macht, ist die Lüge, was heilt, ist die Wahrheit". Hier würden mich zwei Namen aus einer Buch-Episode interessieren: jener des Politikers und jener "seines" Journalisten, dem der Politiker in jähem Wahrheitsdrang einmal sagte: "Ich mag'dich nicht, weil ich dich beneide, da du es bei Frauen leichter hast als ich." Das Vertrauensverhältnis zwischen beiden habe sich nach diesem Geständnis "sprunghaft verbessert", so Perner. Ich möchte nachforschen, ob es dabei geblieben ist.

Die reuelose Gesellschaft Von Rotraud A. Perner, Residenz 2013,250 S., gebunden, € 23,50

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