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"Sie wissen nicht, was sie tun"

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Kinderpornos im Internet sind für die Sexualforscherin und Psychotherapeutin Rotraud A. Perner "eine mediale Gehirnwäsche, die aus Menschen Monster macht".

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Kinderpornos im Internet sind für die Sexualforscherin und Psychotherapeutin Rotraud A. Perner "eine mediale Gehirnwäsche, die aus Menschen Monster macht".

dieFurche: Frau Professor Perner, Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Problem Kinderpornographie. Was treibt Menschen dazu, sich Bilder von Mißhandlungen im Internet anzuschauen?

Rotraud A. Perner: Mir fällt auf, daß durch die entsprechenden Angebote in den elektronischen Medien auch die Suche nach besonderen Gefühlsqualitäten zugenommen hat. Früher hat man solche Gefühlsqualitäten eher im Sport oder sportähnlichen Aktivitäten gesucht, oder im Erwerb von Wissen. Man hat sich an dem Bewußtsein berauscht: "Jetzt bin ich gescheiter!" Oder: "Ich kann etwas mehr!" Das hat sich verändert. Heute wird nur mehr der "Kick" gesucht, und dieser "Kick" hat schon zu oft etwas Destruktives. Im Sport gibt es Leute, die immer gefährlichere Extrem-Sportarten betreiben. Es geht dabei nicht mehr um das Spüren der eigenen Körperbeherrschung, sondern nur mehr um den Roulette-Effekt: "Überlebe ich es, oder überlebe ich es nicht?"

So ist das auch in anderen Bereichen. Es wird immer mehr das Grauen gesucht. Es geht nicht mehr um Gefühle, die sich aus der Herstellung von Intimität und Bildung ergeben.

dieFurche: Und die Täter? Es heißt, viele Mißbrauchstäter waren auch in ihrer Kindheit Opfer sexueller Übergriffe.

Perner: Man kann immer auch Opfer-Aspekte bei einem Täter finden. Wenn man die negativen Umweltbedingungen berücksichtigt, dann ist wohl jeder von uns auch Opfer. Bei sozial unerwünschtem Verhalten geht es aber um Verantwortung. Es geht also nicht um die Frage, ob ein Täter gleichzeitig auch ein Opfer ist. Es geht darum, ob sich der Täter bewußt ist, was er da eigentlich tut, und ob er bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen.

dieFurche: Und? Sind sich die Täter bewußt, was sie da eigentlich machen?

Perner: Nein! Der Großteil ist sich dessen in keiner Weise bewußt. Sie fallen auf eine Werbung herein, weil jeder Artikel in der Zeitung über das Thema auch gleichzeitig eine Werbung dafür ist. Denn es wird die Aufmerksamkeit auf ein ganz bestimmtes Phänomen gelenkt. Die Kunst der Medien ist es ja eben, Neugier zu wecken. Neugier ist für jeden von uns etwas sehr Wichtiges.

Je nach Neugier der Person, die das liest, wird sie motiviert, sich mehr Informationen zu verschaffen.

dieFurche: Es gibt aber unglaublich viele Personen, die auf kinderpornographische Inhalte im Internet zugreifen (siehe nebenstehenden Beitrag)..

Perner: Wer im Internet surft, um dort besondere pornographische Reize zu entdecken, hat keine andere Form der Beziehung, in der er sich selbst spüren könnte. Was im Internet gesucht wird, ist nicht Genuß, denn es geht nur um Sensationen, um das große Erschrecken. Solche Menschen finden nicht Emotionen, die glücklich machen. Das sind zum Beispiel solche, die man in Anwesenheit einer liebenden Person spürt. Genügend Menschen versuchen heute das, was sie früher gelesen haben und jetzt auch sehen können, in die Realität umzusetzten. Und da es hier um Suchtverhalten geht, brauchen die Täter immer stärkere Reize, um sich selbst zu spüren, um den erwünschten Effekt herbeizu führen. Die große Gefahr ist - wie bei jedem Suchtmechanismus -, daß die Nachfrage steigt, und zwar nach noch schrecklicheren und grauenvolleren Reizen. Das, was im Internet passiert, ist eine mediale Gehirnwäsche, die Menschen zu Monstern macht.

dieFurche: Lassen sich solche Leute irgendwie rein äußerlich erkennen?

Perner: Das kann man kaum merken. Es gibt keine Kontrollmöglichkeit.

Ich werde auch sehr oft von Lehrern befragt, wie erkennt man, daß ein Kind psychisch oder sexuell mißhandelt wird? Ich kann dazu nur sagen: Gar nicht! Es gibt keine Anzeichen, die man wie bei einer Check-Liste anschauen kann. Man kann, wenn man empathisch ist, nur spüren, daß jemand verstört ist.

dieFurche: Sind die Strafen für solche Verbrechen hart genug?

Perner: Ich bin Mitglied einer Kommission, die zwei Jahre daran gearbeitet hat, um die Strafgesetzgebung zu verändern. Obwohl ich keine absolute "Freundin" der Strafgesetzgebung bin, bin ich der Meinung, daß wir ein ganz gutes Plateau erreicht haben, aber das werden wir erst in einiger Zeit feststellen können. Doch ohne eine pädagogisch- therapeutische und vor allem bewußtseinsbildende Tätigkeit, bleibt das Strafgesetz eine Extremform, mit der versucht wird, Menschen zu verändern.

dieFurche: Sehen auch Sie Gefahr, daß die mißbrauchten Kinder selber einmal Täter sein könnten?

Perner: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, daß viele Täter selbst einmal mißbrauchte und mißhandelte Kinder waren. Es ist ein gesichertes psychoanalytisches Wissen, daß in Augenblick der leib-seelisch-geistigen Dramatisierung eine Überlebungstechnik darin besteht, sich mit dem Aggressor zu identifizieren. Das Kind, das mißhandelt wird, hat nicht die Kraft, sich zu wehren oder Widerstand zu leisten. Es wird versuchen, um sein Leben zu sichern, auf die Seite des Täter zu kommen, brav zu sein, sich anzupassen. Und das kann eine Geisteshaltung für später sein. Die einen suchen sich dann starke Führer, an die sie sich anpassen. Die anderen versuchen, selbst Führer zu werden, mit aller Brutalität, die nur möglich ist.

dieFurche: Was ist für Sie als Psychotherapeutin schwieriger: den Opfern zu helfen oder den Tätern?

Perner: Beides ist schwierig. Ich sehe keinen besonderen Unterschied, und bin gar nicht bereit, einen solchen Unterschied zu suchen. Ich bin der Meinung, daß Vergleiche wie: "was ist schwer, besser oder schlechter?" die Wurzeln der Gewalt sind. Das ist schon bei Kain und Abel schief gegangen. Die Hilfe, die ich anbiete ist, daß die betroffene Person sich selbst versteht, und sich so von den Dingen befreit, die ihr Schwierigkeiten machen.

dieFurche: Im Oktober kommt ein Buch heraus, wo Sie sich mit der dieser Problematik auseinandersetzen. "Schaff Dir einen Friedensgeist!" Es geht darum, auf Gewalt nicht mit Gewalt zu antworten.

Perner: Ich möchte einerseits Informationen vermitteln, was in Menschen passiert, wenn sie in solche Zustände kommen, damit sie sich und andere besser verstehen. Auf der anderen Seite möchte ich auch Modelle anbieten, wie und was die Betroffenen selbst dagegen tun können.

dieFurche: Was ist falsch an einer Welt, in der zwei Millionen Kinder mißbraucht werden? Welche Änderungen sind notwendig?

Perner: Den Kindern hilft man am besten, indem man den Erwachsenen hilft. Den Erwachsenen hilft es, wenn sie sich überhaupt um ihre Kinder kümmern können. Unser heutiges Wirtschaftssystem müßte das möglich machen, und zwar so, daß man die Arbeitszeiten weiter verkürzt und die Arbeit auf mehrere Personen verteilt. Ich plädiere für eine Kultur des Teilens, wo Arbeit auf mehrere Personen symmetrisch, horizontal verteilt wird und nicht hierarchisch vertikal, von unten nach oben. Die Gewinne waren noch nie so hoch wie heute und die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander. Wir stehen in der Zeit des "Shareholder-Value-Denkens" vor der Tatsache, daß immer mehr Leute Arbeit verlieren und gleichzeitig die Gewinne der Kapitaleigner steigen. Es wäre durchaus möglich, die Gesellschaft radikal in eine menschlichere Richtung umzuorganisieren.

Das Gespräch führte Zlata Durakovic.

"SCHAFF DIR EINEN FRIEDENSGEIST!" Gewaltprävention im Alltag.

Rotraud A. Perner.

aaptos-Verlag Wien 250 Seiten, broschürt, öS 228.

Gewaltprävention im Alltag Gewalt hat viele Gesichter, viele Masken, viele Tatorte: Straßen, Schulen, Büros, Wohnungen, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Institutionen. Immer und übrall können wir zu Opfern, Zeugen oder Auslösern von Gewalt werden. Kaum jemand weiß, wie man sich sich dann anders verhalten kann als Gewalt durch Gewalt zu bekämpfen. Kampfgeist wird uns ja von frühester Kindheit an suggeriert: "Laß Dir nichts gefallen!" und "Wer sich nichts gefallen läßt, kommt durch!" lauten die Botschaften der lebenden wie medialen VorBilder.

Wollen wir je diesen totalen Dschungel, in dem jeder gegen jeden kämpft, wirklich? Die engagierte Psychoanalytikerin, Juristin und Sozialforscherin Rotraud A. Perner antwortet: "Wer will, kann sich einen Friedensgeist schaffen! Und wer nicht will, soll die Verantwortung für sein Tun übernehmen." Damit Menschen aber eine Chance haben, sich anders - vernünftiger - zu verhalten als unsere archaischen Vorfahren, liefert die Autorin in ihrem aktuellen Werk die notwendigen Strategien mit.

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