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Zufällig, modisch und ungeplant

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Mit verschiedenen Strategien versuchen die Menschen, sich in unsicheren Zeiten zurechtzufinden. Kultursoziologe Manfred Prisching analysiert.

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Mit verschiedenen Strategien versuchen die Menschen, sich in unsicheren Zeiten zurechtzufinden. Kultursoziologe Manfred Prisching analysiert.

dieFurche: Herr Professor Prisching, viele Menschen leiden zunehmend an Orientierungslosigkeit: Unsicherheit über die berufliche Zukunft, die Familie ist immer seltener eine heile Welt, Werte zerbrechen ... Gibt es neuartige Bedürfnisse und Strategien, mit diesen Unsicherheiten fertigzuwerden?

Professor Manfred Prisching: Ich glaube, es gibt nicht die Antwort. Ganz offensichtlich beginnen sich jetzt aber unterschiedliche Gruppen von Menschen herauszubilden, die auf ganz unterschiedliche, aber typische Weise mit ihrer Verunsicherung umzugehen versuchen.

* Die erste Strategie ist die der neuen Nüchternheit: die wird verkörpert durch robuste, entschlossene Optimisten, Technokratiegläubige, Macher, Karrieristen. Die sehen in den gegenwärtigen Entwicklungen gewissermaßen nur einen einzigen Aspekt: den der Befreiung und der Chancen. Soziale, ökologische Probleme gibt es nicht. Auch soziale Bindungen zählen wenig. Dieser Typ freut sich, in einer unglaublich quirligen, flexiblen Welt zu leben, denn da hat man alle Chancen, so viele wie nie zuvor.

dieFurche: Man versucht, das Beste für sich selbst herauszuholen ...?

Prisching: ... verbunden mit der Vorstellung: Pech gehabt, wer da nicht mitkommt ...

* Der zweite Typ legt die gegenteilige, fundamentalistische Haltung an den Tag: Man reagiert mit dem Rückzug in Sicherheiten, zu alten Ordnungen und rigiden Regelsystemen. Unter Umständen tendiert dieser Typ zu Sekten und Gurus. Solche Erscheinungen gibt es auch in bestimmten Strömungen innerhalb oder außerhalb der großen Kirchen. Sie zeigen sich aber auch in einem zeitweise fast fetischistischem Alternativleben, in einer Art "Einigelung in neue Sicherheiten".

* Der dritte Typ vertritt eine modische Moralisierungsstrategie: es geht dabei um die drastische moralische Simplifizierung von komplexen Problemen auf die Kategorie von Gut und Böse. Diese Menschen meinen, es würde alles eigentlich ganz einfach gehen, wenn man nur wollte. Es wird die Haltung des "kritischen Engagements" vertreten.

dieFurche: Gehört dazu auch die Hochstilisierung von "Betroffenheit"?

Prisching: ... innerliche Betroffenheit genügt, um sich kompetent zu fühlen, und gegen Betroffenheit gibt es bekanntlich kein Argument ...

* Die vierte Strategie ist die nihilistische - man könnte auch sagen - die postmoderne Strategie: Für diesen Typ ist der Zerfall der ganzen sinnstiftenden Ordnungen ein Grund zum Jubeln. Endlich sind wir alle frei. Endlich können wir uns in der Erlebniswelt vergnügen. Man braucht keine gemeinsamen Werte, jeder ist frei für seine eigenen Überzeugungen.

Bereits die Fragestellung nach irgend etwas anderem wird von diesem Typ als sinnlos angesehen, denn für ihn ist ohnehin alles wunderbar. Das Leben ist ein Spiel, ein ästhetisches Kunstwerk.

* Der fünfte Typ vertritt die rein alternative, esoterische Variante. Diese romantische Gegenbewegung wird zum Teil in Bildungshauskursen zelebriert, wo neuerdings Manager über Glasscherben laufen oder Feuer schlucken oder sonst etwas - jedenfalls lernen sie, das Geheimnis des Kosmos zu umarmen. Es sind sonderbare Erscheinungen, die irgendwo zwischen Mystik, New Age und Kommunikationstraining angesiedelt sind. Die Programme dazu heißen Vernetzung, Natur, Natürlichkeit, Kreislauf, Harmonie, Sanftheit, Spontaneität, Kommunikation, Liebe, Mystik.

* Die sechste Strategie ist die der Gewöhnung: Dieser Typ nimmt immer weniger wahr von den Risken und Verunsicherungen des Lebens. Er gewöhnt sich daran, daß alles zerbröselt oder zerstört wird, Freiheit und Gesundheit vielleicht scheibchenweise eingeengt werden. Er arrangiert sich in seiner kleinen Lebenswelt mit den Gegebenheiten.

dieFurche: Wie wirkt sich diese Multi-Optionsgesellschaft auf die Versuche von Menschen aus, ihrem Leben einen Sinn zu geben?

Prisching: Es ist zunächst wichtig, sich über seine eigene Situation klar zu werden. Dann kann man zum Nachdenken beginnen, welche Lösung die richtige ist. Wie eingangs beschrieben, gibt es ganz unterschiedliche Typen, die für sich ganz unterschiedliche Lösungen für diese Probleme finden.

Eines sollte man jedenfalls vermeiden: die Augen fest zuzumachen und blind in die Gegend zu stürmen. Wichtig ist es, daß man nicht oberflächlichen und plakativen Modeerscheinungen unbedacht aufsitzt, sondern diese hinterfragt, analysiert, und für sich die Frage beantwortet: Und wo stehe ich?

dieFurche: Ist die Angst berechtigt, daß der Typ des robusten Optimisten entscheidend wird für die gesellschaftliche Entwicklung? Werden wir in einer Zivilisation leben, in der das Ideal der flexible Mensch ist, ständig bereit zum häufigen Rollentausch, am besten ein "Mensch ohne bleibende Eigenschaften"?

Prisching: Man muß sich nur die Job-Inserate von Computerfirmen auf der Zunge zergehen lassen. Da geht es um Leute, die nichts schöner finden, als mit dem Notebook am See zu sitzen, dort Tag und Nacht ihre Geschäftskorrespondenz zu erledigen, das Handy immer griffbereit neben sich. Da werden Leute gesucht, die so flexibel und belastbar sind, daß sie jederzeit bereit sind, zwischen den Kontinenten hin und her geschickt zu werden. Es ist faszinierend, wie die Firmen diesen Menschentyp beschreiben, den sie da wollen. Da fragt man sich schon, welche Art von Verläßlichkeit oder Vertrauen weist der noch auf? Welche Art von sozialem Engagement kann er aufbringen?

Es ist völlig klar, daß der ideale Mensch dieser Sorte natürlich keine Zeit für eine Familie hat, und daß er natürlich keine Zeit hat für seine Verwandten, Nachbarn, Freunde etc. weil er die ganze Zeit über die ganze Welt flutscht.

Und irgendwie fragt man sich auch, wie dieser Typus charakterlich und psychisch beschaffen ist, der da von der Wirtschaft gesucht wird.

dieFurche: Die Auswirkungen bekommen wir eigentlich schon zu spüren. Nur der Gewinn zählt, Menschen sind Kostenfaktoren auf zwei Beinen ...

Prisching: Da bleibt aber immer noch die Frage, ob sich bestimmte Entwicklungen extrapolieren lassen. Das ist eine schwierige Sache. Wenn man draufkommt, daß man in einem Wahnsinnssystem lebt, in dem nur noch degenerierte Figuren herumlaufen - vielleicht gibt es dann einen Umschwung? Eine Gegenbewegung in dem Sinn, daß doch wieder andere Menschen gesucht werden. Menschen, bei denen auch das soziale Umfeld und der soziale Hintergrund stimmen müssen. Es ist aber bekanntlich immer die Frage, wie weit eine Entwicklung in eine bestimmte Richtung gehen muß, bevor man drastisch bewiesen bekommt, daß es so nicht geht.

Natürlich wird dieses Idealbild eines businessflexiblen Individuums an die Wand gemalt. Aber man muß nicht alle Trends mitsurfen, sondern man kann zwischendurch ein paar Schritte zurücktreten und schauen, was das Ganze eigentlich wirklich bedeutet? Wie will man sich selbst als Individuum da drinnen plazieren? Aber das ist Sache des einzelnen, das muß jeder selbst herausfinden.

dieFurche: Wir haben die ökologischen Grenzen erkannt, dann die sozialen Grenzen des Wachstums. Wird die nächste große Frage der Zukunft heißen: Wie belastbar ist der Mensch?

Prisching: Es gibt ganz sicher auch so etwas wie eine anthropologische Grenze, und damit müssen wir uns in Zukunft beschäftigen.

dieFurche: Wie kann in solch einer gespaltenen Gesellschaft eigentlich noch Politik gemacht werden? Können Politiker überhaupt noch vorausschauen, sich eine "Lebensaufgabe" stellen, ein "Jahrhundertprojekt" entwerfen?

Prisching: Natürlich gibt es in der Gesellschaft immer ganz unterschiedliche Machtverhältnisse. Aber auch die Politik ist in dem vorhin beschriebenen Prozeß einfach nur mehr eine Mitspielerin. Die ganze Gesellschaft wird von unterschiedlichsten, modischen Impulsen gebeutelt. Dazu gehören Medienereignisse genauso wie die zufälligen charismatischen Persönlichkeiten, die irgendwie stärkere Impulse setzen und sich von vielen Versagern unterscheiden, die weniger starke Impulse setzen.

Auch die Politik wird gebeutelt von unterschiedlichsten Strömungen. Sie verhält sich dann wie Rinnsale, die irgendwo bergabwärts fließen. Die suchen sich auch Wege, zufällig einmal rechts und einmal links.

Die Welt ist ein großes Geschehen, wo Millionen Impulse zusammenfließen, und das in dem Sinn niemand plant. Wo im Grunde auch irgend etwas herauskommt. Aber etwas, was niemand geplant hat.

dieFurche: Sind deshalb Visionen oder zündende Utopien rar geworden?

Prisching: Wir haben eine Gesellschaft, in der die nicht intendierten Effekte so dominieren wie niemals zuvor. Selbst eine groß angelegte und geplante Angelegenheit wie dieses neue Europa schaut dann alle zwei Jahre anders aus. Es ist erstaunlich, welche Entwicklung dieses Projekt wieder genommen hat. Im Grunde kann immer weniger jemand etwas voraussagen. Die politisch-gesellschaftliche Entwicklung ist eher eine von hinten getriebene als eine, die nach vorne schaut.

Das Gespräch führte Elfi Thiemer.

Zur Person Manfred Prisching, Jahrgang 1950, ist Universitätsprofessor am Institut für Soziologie der Universität Graz und wissenschaftlicher Direktor der Technikum Joanneum GmbH. Furche-Lesern ist Manfred Prisching auch seit geraumer Zeit als Verfasser stilistisch brillanter und origineller Artikel bekannt.

Zu seinen jüngsten Publikationen zählen neben "Die McGesellschaft" die beiden 1996 erschienenen Bücher "Die Sozialpartnerschaft" und "Bilder des Wohlfahrtsstaates".

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