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Feuilleton

Die gespaltene Gesellschaft

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Noch nie in der Geschichte präsentierte sich die Welt so dynamisch, vielgestaltig und zugleich beängstigend unübersichtlich und kompliziert wie heute. Unsicherheit und Orientierungslosigkeit sind wieder ein Zeichen der Zeit.

Das kommt nicht von ungefähr: * Eine unglaubliche Fülle von Informationen rollt tagtäglich über uns hinweg. Doch sie hilft uns kaum, die Welt besser zu "verstehen" oder sich halbwegs ein Bild davon zu machen. Im Gegenteil. Die Berieselung mit Nachrichten über Kriege, Gewalt, Verbrechen, Korruption und Spekulation schafft neben Gleichgültigkeit auch Desorientierung und Verunsicherung.

* Die Zukunft war schon lange nicht so ungewiß: politisch, wirtschaftlich, kulturell. Niemand kann sagen, was aus Europa, aus der globalisierten Wirtschafts- und Arbeitswelt, aus der Verflechtung (dem Zusammenprall?) der Kulturen wird.

* Wir sehen uns mit Bedrohungen und Risken konfrontiert, auf die wir keinerlei Einfluß haben: Wir wissen nicht wirklich, wie "sicher" Atomkraftwerke sind. Wir haben keinen Bezug mehr zu den Quellen unserer Nahrung. Wir können nicht sicher sein, daß morgen noch Gültigkeit hat, was wir heute erst gelernt haben. Wir werden manipuliert: von der Werbung, den Medien, der Politik, den Gentechnikern - ob wir wollen oder nicht ...

* Die Politik hat ihre Aura verloren. Den Volksvertretern traut man keine Problemlösungsmacht mehr zu (Arbeitslosigkeit, Friedensbemühungen am Balkan ...)

* Es gibt keine Religiosität mehr, die einfach auf fraglose Geborgenheit setzt. Die geistigen und geistlichen Autoritäten sind fragwürdig geworden. Wer hört noch ohne Hinterfragungen auf den Papst, die Bischöfe?

* Die Wissenschaft hat ihren Nimbus verloren, weil sie keine eindeutigen Aussagen mehr treffen kann.

Auch in ihrem privaten Lebensbereich haben immer mehr Menschen das Gefühl, daß Vertrautes, Überschaubares brüchig wird, fraglos übernommene Normen und Werte nicht mehr gelten.

* Es gibt nicht mehr so ohne weiteres die Möglichkeit des Rückzuges in "die heile Welt der Familie". Man hat immer weniger Zeit füreinander, Lebensgemeinschaften, Single-Haushalte, Scheidungskinder, wechselnde Beziehungen und Geschlechterkämpfe sind üblich geworden.

* Menschen, mit denen wir im Alltag zu tun haben, kommen uns irgendwie fremd vor. Sie leben, denken und fühlen anders als wir. Es ist schwer geworden, einander zu "verstehen".

* Die Konfrontation mit ausländischen Kulturen zeigt ebenso, daß die eigenen Auffassungen und Lebensweisen nicht die gültigen sein müssen.

Es ist schwer geworden, die Frage zu beantworten: Worauf ist heute noch Verlaß? Die meisten Menschen haben aber ein ausgeprägtes Bedürfnis nach stabilen Verhältnissen, berechenbaren Lebensläufen, Sinngebungen und Zukünften. Ist dieser Wunsch realistisch?

In seinem neuen, empfehlenswerten Buch "Die McGesellschaft" (siehe nebenstehenden Kasten) versucht der Grazer Kultursoziologe Manfred Prisching darauf eine Antwort zu geben. Wir bringen einen Auszug (Seite 15) und davor ein Gespräch mit dem Autor (Seite 14).

Zum Dossier Orientierungskrisen gehören zum menschlichen Leben, sie sind nicht eine Besonderheit unserer Zeit. Und dennoch - so zugespitzt und belastend wie heute wurden sie von den Menschen selten empfunden. Die Lebensorientierung ist inzwischen zu einem komplizierten Frage- und Antwortspiel geworden.

Buchtip Streifzug durch die Wirklichkeit "Wir werden ein bißchen durch unsere Gesellschaft streifen, da und dort haltmachen, ein bißchen schauen und nachdenken ... die Urteile über die Probleme der modernen Zeit zur Hand nehmen und ein wenig hin und herwenden ..." Denn: "... nicht immer ist das, was alle für selbstverständlich halten, wahr", schreibt der Grazer Kultursoziologe Manfred Prisching in seinem Buch "Die McGesellschaft" (Kleine Edition 1998, öS 248,--).

In Form von Essays taucht er ein in verschiedene Sphären unseres Lebens (Medien, Beschäftigung, Allgemeinbildung, Familie, Elite, Erlebniswelten, Religion ...) und bündelt sie in dem griffigen Wort von der "McGesellschaft". Dieser Titel steht für eine Reihe von Assoziationen, die sich beim Begriff "fast food" einstellen: Vieles, was wir heute konsumieren und woran wir uns orientieren, hat mit einer effizienten "Nahrungsaufnahme" nichts mehr zu tun. Das gilt für Lebensstile ebenso wie für die Fähigkeit, über den eigenen Standort im Leben nachzudenken oder fundierte Entscheidungen zu treffen. Prisching weist allerdings ausdrücklich darauf hin, daß er nicht "die" Lösung anzubieten hat, wie wir uns im Supermarkt der Sinnangebote zurechtfinden können, weil es eben ganz unterschiedliche Wünsche und Antworten gibt. Genau das ist das Bemerkenswerte an diesem Buch.

Noch nie in der Geschichte präsentierte sich die Welt so dynamisch, vielgestaltig und zugleich beängstigend unübersichtlich und kompliziert wie heute. Unsicherheit und Orientierungslosigkeit sind wieder ein Zeichen der Zeit.

Das kommt nicht von ungefähr: * Eine unglaubliche Fülle von Informationen rollt tagtäglich über uns hinweg. Doch sie hilft uns kaum, die Welt besser zu "verstehen" oder sich halbwegs ein Bild davon zu machen. Im Gegenteil. Die Berieselung mit Nachrichten über Kriege, Gewalt, Verbrechen, Korruption und Spekulation schafft neben Gleichgültigkeit auch Desorientierung und Verunsicherung.

* Die Zukunft war schon lange nicht so ungewiß: politisch, wirtschaftlich, kulturell. Niemand kann sagen, was aus Europa, aus der globalisierten Wirtschafts- und Arbeitswelt, aus der Verflechtung (dem Zusammenprall?) der Kulturen wird.

* Wir sehen uns mit Bedrohungen und Risken konfrontiert, auf die wir keinerlei Einfluß haben: Wir wissen nicht wirklich, wie "sicher" Atomkraftwerke sind. Wir haben keinen Bezug mehr zu den Quellen unserer Nahrung. Wir können nicht sicher sein, daß morgen noch Gültigkeit hat, was wir heute erst gelernt haben. Wir werden manipuliert: von der Werbung, den Medien, der Politik, den Gentechnikern - ob wir wollen oder nicht ...

* Die Politik hat ihre Aura verloren. Den Volksvertretern traut man keine Problemlösungsmacht mehr zu (Arbeitslosigkeit, Friedensbemühungen am Balkan ...)

* Es gibt keine Religiosität mehr, die einfach auf fraglose Geborgenheit setzt. Die geistigen und geistlichen Autoritäten sind fragwürdig geworden. Wer hört noch ohne Hinterfragungen auf den Papst, die Bischöfe?

* Die Wissenschaft hat ihren Nimbus verloren, weil sie keine eindeutigen Aussagen mehr treffen kann.

Auch in ihrem privaten Lebensbereich haben immer mehr Menschen das Gefühl, daß Vertrautes, Überschaubares brüchig wird, fraglos übernommene Normen und Werte nicht mehr gelten.

* Es gibt nicht mehr so ohne weiteres die Möglichkeit des Rückzuges in "die heile Welt der Familie". Man hat immer weniger Zeit füreinander, Lebensgemeinschaften, Single-Haushalte, Scheidungskinder, wechselnde Beziehungen und Geschlechterkämpfe sind üblich geworden.

* Menschen, mit denen wir im Alltag zu tun haben, kommen uns irgendwie fremd vor. Sie leben, denken und fühlen anders als wir. Es ist schwer geworden, einander zu "verstehen".

* Die Konfrontation mit ausländischen Kulturen zeigt ebenso, daß die eigenen Auffassungen und Lebensweisen nicht die gültigen sein müssen.

Es ist schwer geworden, die Frage zu beantworten: Worauf ist heute noch Verlaß? Die meisten Menschen haben aber ein ausgeprägtes Bedürfnis nach stabilen Verhältnissen, berechenbaren Lebensläufen, Sinngebungen und Zukünften. Ist dieser Wunsch realistisch?

In seinem neuen, empfehlenswerten Buch "Die McGesellschaft" (siehe nebenstehenden Kasten) versucht der Grazer Kultursoziologe Manfred Prisching darauf eine Antwort zu geben. Wir bringen einen Auszug (Seite 15) und davor ein Gespräch mit dem Autor (Seite 14).

Zum Dossier Orientierungskrisen gehören zum menschlichen Leben, sie sind nicht eine Besonderheit unserer Zeit. Und dennoch - so zugespitzt und belastend wie heute wurden sie von den Menschen selten empfunden. Die Lebensorientierung ist inzwischen zu einem komplizierten Frage- und Antwortspiel geworden.

Buchtip Streifzug durch die Wirklichkeit "Wir werden ein bißchen durch unsere Gesellschaft streifen, da und dort haltmachen, ein bißchen schauen und nachdenken ... die Urteile über die Probleme der modernen Zeit zur Hand nehmen und ein wenig hin und herwenden ..." Denn: "... nicht immer ist das, was alle für selbstverständlich halten, wahr", schreibt der Grazer Kultursoziologe Manfred Prisching in seinem Buch "Die McGesellschaft" (Kleine Edition 1998, öS 248,--).

In Form von Essays taucht er ein in verschiedene Sphären unseres Lebens (Medien, Beschäftigung, Allgemeinbildung, Familie, Elite, Erlebniswelten, Religion ...) und bündelt sie in dem griffigen Wort von der "McGesellschaft". Dieser Titel steht für eine Reihe von Assoziationen, die sich beim Begriff "fast food" einstellen: Vieles, was wir heute konsumieren und woran wir uns orientieren, hat mit einer effizienten "Nahrungsaufnahme" nichts mehr zu tun. Das gilt für Lebensstile ebenso wie für die Fähigkeit, über den eigenen Standort im Leben nachzudenken oder fundierte Entscheidungen zu treffen. Prisching weist allerdings ausdrücklich darauf hin, daß er nicht "die" Lösung anzubieten hat, wie wir uns im Supermarkt der Sinnangebote zurechtfinden können, weil es eben ganz unterschiedliche Wünsche und Antworten gibt. Genau das ist das Bemerkenswerte an diesem Buch.