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"Warum ruft du nicht an?"

1945 1960 1980 2000 2020

Der Werte- und Kulturwandel in unserer Gesellschaft sorgt für ständige Konflikte zwischen Jung und Alt. Der Familienforscher Leopold Rosenmayr plädiert für eine neue Kultur des Verstehens in Liebe zwischen den Generationen.

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Der Werte- und Kulturwandel in unserer Gesellschaft sorgt für ständige Konflikte zwischen Jung und Alt. Der Familienforscher Leopold Rosenmayr plädiert für eine neue Kultur des Verstehens in Liebe zwischen den Generationen.

dieFurche: Es ist üblich geworden, von einem "Konflikt der Generationen" zu reden (siehe Dossier Nr. 1/1999). Woher kommt diese Einschätzung, daß Alt und Jung einander nicht mehr verstehen?

Professor Leopold Rosenmayr: Wenn Sie vom Verstehen ausgehen, ist das Problem, das sich uns heute stellt, weniger ein Konflikt der Generationen, als ein Kultur- und Wertewandel, und ein Wandel der mitmenschlichen und sozialen Einstellungen, mit dem wir noch nicht richtig umgehen können. Wir sind nicht imstande, das zu handhaben, was Technologie, Wissenschaft und Wirtschaft uns an Lebensvorgaben auferlegen. Man kann daher nicht nur von "den Alten" und "den Jungen" ausgehen, sondern man muß das soziale Übermittlungssystem von Werten und Überzeugungen in einer Gesellschaft, und man muß die Brüche in den Verhaltensweisen anschauen.

Und überdies sind wir noch gewohnt, in den Kategorien jener Zeit zu denken, in der die Familie eine relativ geschlossene Institution mit Traditionen und verbindlichen Normen war.

Nehmen Sie das Verhältnis von Vater und Sohn in der bürgerlichen Gesellschaft her. Der Sohn hat sich mit vielen Werten und Überzeugungen des Vaters identifiziert. Diese Identifizierungen sind keineswegs reibungslos abgelaufen, wie wir von Freud und der Psychoanalyse wissen, die sich zuerst einmal dem Wiener Großbürgertum zuwandten. Im Vater-Sohn-Verhältnis waren auch ganz schreckliche Spannungen vorhanden, bis hin zum Gedanken des Vatermordes.

Die relative Geschlossenheit der Familie ermöglichte jedoch eine direkte Wertevermittlung und einen direkten Kulturtransfer von den älteren zu den jüngeren Generationen. Heute ist die Familie aber mehr und mehr durch die Auflockerung und Auflösbarkeit der Verhältnisse und Beziehungen und durch die "elektive Verwandtschaft" gekennzeichnet. Es gibt die Möglichkeit des bloßen Zusammenlebens auf Abruf, des "Living apart together", der probeweisen Ehe, der Trennung und der Scheidung. Dazu kommt das relativ frühe Selbständigwerden der Kinder und Jugendlichen als hochsubventionierte "Autonomie".

Jedes Familienmitglied kann heute ganz eigene Vorstellungen davon haben, wie Familie funktionieren soll, sodaß ich von einer "Familie a la carte" spreche. Jeder sucht sich aus, was seinen Vorstellungen entspricht und versucht dementsprechend das Zusammenleben in der Familie zu beeinflussen.

dieFurche: Woran orientieren sich die Jungen heute? Wer ist an die Stelle des Vaters getreten?

Rosenmayr: Die "Peers", die Gleichaltrigen, die den Zeitgeist vermitteln, in aller "Coolness", zu der die Eltern nicht fähig sind, und die Medien. Was beispielsweise in "News" über das Singletum geschrieben wird, wie sehr das auch der Realität des Singledaseins widersprechen mag, oder was im "Spiegel spezial" über Moral und Sexualmoral geboten wird, das wird gelesen. Ist das noch dazu mit Umfragewerten garniert, bekommt es auch pseudonormative Macht. Auf jeden Fall wirkt es. Die einzelnen setzen sich damit mehr oder weniger bewußt auseinander. Sie übernehmen es in ihre Vorstellungen und in ihre Spekulationen, wie sie handeln könnten. Ein mit Medienfragmenten gefüllter, stark motivierender Phantasieraum entsteht.

Diese einschneidenden Veränderungen muß man sehen. Die virtuelle Welt für die Moral und die Lebensführung, die gibt es schon. Und so gibt es viel mehr Wahlmöglichkeiten als früher - mit all den Qualen, die mit Wahlen für die einzelnen verbunden sind. Man muß alles von Fall zu Fall, von einer Entscheidung zur anderen sehen. Von Verlauf zu Verlauf ändern sich Kriterien, wenn man in einer sich wandelnden Welt wirklich von Verantwortung sprechen will, von Gewissen in einem neuen Sinn.

dieFurche: Sind somit Weisheit, Bedächtigkeit und Erfahrung obsolet geworden - also jene Werte, die immer noch mit dem Alter in Verbindung gebracht werden?

Rosenmayr: Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Generationen mehr und mehr mit dem Kulturwandel mitgehen. Das heißt auch, daß sie ihre Auffassungen und Werte revidieren müssen. Daß in einer solchen Situation Werte wie Weisheit, Bedächtigkeit und Erfahrung überhaupt neu zu durchdenken sind, ist klar.

dieFurche: Was ist das Ergebnis dieses Neudurchdenkens? Wie würden Sie diese neuen Werte nennen?

Rosenmayr: Ich würde statt von Bedächtigkeit von Bedachtnahme sprechen, statt von "Weisheit" von kluger Distanz und gleichzeitiger Offenheit, und statt einfach von "Erfahrung" von einem dauernden Filterungsprozeß des Erfahrenen.

Es muß Bedacht darauf genommen werden, daß das menschliche Leben mehr denn je mit Brüchen und Konflikten zu tun hat.

Das heißt in der Praxis, daß man als älterer Mensch nicht mit der Moralkeule dem Sohn, der (Schwieger) Tochter oder dem Enkelkind gegenübertreten darf. Das sollte natürlich umgekehrt genauso gelten.

dieFurche: Aber gerade ältere Menschen pflegen immer zu sagen: Früher war alles ganz anders, sprich besser!

Rosenmayr: Das sind sicher die falschen Einleitungssätze für ein Gespräch zwischen den Generationen. Die Wahrheit eines anderen kann durchaus eine andere sein als meine eigene Wahrheit. Man wird wohl immer mehr erkennen, daß auch "große Wahrheiten" zusammengesetzt sind, sonst könnten sie gar nicht nach vielen Seiten hin überzeugen.

dieFurche: Kann sich also Erfahrung immer nur in einer bestimmten Zeit bewähren?

Rosenmayr: Man muß mit Erfahrungen auch sich selber gegenüber vorsichtig sein, sonst verhielte man sich wie ein Schauspieler, der immer noch so spielt, als stünde er vor den Kulissen des ersten Aktes und nicht merkt, daß das Bühnenbild längst ausgewechselt wurde und der dritte Akt abrollt.

dieFurche: Was heißt das im Alltag? Woran entzünden sich Konflikte zwischen den Generationen in der Praxis?

Rosenmayr: So wird zum Beispiel der telefonische Kontakt weniger. Dann spielt sich im Alltag folgende Szene ab: Wenn der Sohn oder die Tochter einmal anruft, kommt der ganze Ärger bei den älteren oder alten Eltern hoch und wird ausgeschüttet. Und das vertreibt die Jungen noch mehr. Da wäre es weitaus besser, das zu nehmen, was man bekommt, und zu sagen: "Grüß Dich Gott. Da bist du ja. Wie schön!"

Dieses Akzeptierenkönnen einer Situation verlangt sicherlich einen Lernprozeß. Der könnte dazu beitragen, einen Konflikt zu entgiften, statt ihn zu verschärfen.

dieFurche: Es geht also hauptsächlich um den Aufbau einer neuen Konfliktkultur?

Rosenmayr: Ja. Man braucht eine neue Form der Verarbeitung von Aggressionen. Ein menschliches Leben ist heutzutage in den reichen Ländern lang. Man könnte es wie die Führung eines Geschäftes sehen. Jahrelang geht es gut. Dann rettet man sich nur mehr irgendwie über die Runden. Schließlich schrammt man haarscharf am Konkurs vorbei - und dann auf einmal boomt das Geschäft wieder. Dieses Auf und Ab richtig zu managen - und ich sage jetzt absichtlich "managen" - wäre wichtig. Eine Situation läßt sich durch Verhandlungen - auch durch Verhandlungen mit sich selber! - entscheidend verbessern.

dieFurche: Aber es geht doch nicht nur um "Kleinigkeiten" wie die Frage, wer ruft wen wie oft an. Nehmen wir doch ein anderes Beispiel: Ein Großvater ist voll in das kirchliche Leben integriert. Seinen Kindern ist die Kirche egal, und das Enkelkind steht überhaupt völlig daneben. Wie soll der Großvater damit umgehen? Soll er jetzt dem Enkelkind das Wesentliche der Heiligen Schrift beibringen? Wie und mit welchen Mitteln ...?

Rosenmayr: Wichtig ist, sich nicht zu überschätzen. Haben die Alten die Kraft und die Möglichkeit, das zu vermitteln, was ihnen wichtig ist? "Alles fließt", wie Heraklit am Beginn der europäischen Selbstreflexion sagte. Wir müssen lernen, mit Überzeugungskrisen und Überzeugungsänderungen umzugehen, Inseln zu bilden, sich nicht isolieren, aber insulieren! Was noch am ehesten bleibt, ist gegebene Liebe. Alle Symbole, Riten, die bleiben sollen, müssen von Liebe getragen werden, von menschlicher Anteilnahme, die daraus hervorleuchtet.

Die jungen Generationen vertragen es vermutlich viel besser als die traditionell gläubigen Alten, mythisch-rituelle und religiöse Darstellung als von der "realen Welt" mit ihrem unmittelbaren Konsequenzcharakter abgehoben zu sehen. Es gibt so etwas wie eine technologisch hochentwickelte Form von Leben mit einem sehr naiven Wunsch nach alternativen Parabeln und Metaphern. Das sind nicht letzte Ziele, das sind Ausgangspunkte für Konstruktionen, wie man leben kann.

Prof. Rosenmayr ist Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Sozialgerontologie und Lebenslaufforschung und Träger des Preises für Geistes- und Sozialwissenschaften der Stadt Wien 1998. Er ist Autor des Buches "Die Kräfte des Alters", Edition Atelier, Wien 1995.

Das Gespräch führte Elfi Thiemer.

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