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Zu mild zu Kinderfangern

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Höhere Gefängnisstrafen allein können den Mißbrauch von Kindern nicht wirkungsvoll verhindern.

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Höhere Gefängnisstrafen allein können den Mißbrauch von Kindern nicht wirkungsvoll verhindern.

Sie treten meist unauffällig auf, tragen kein „Kainsmal”, wie das der Weener Kinderpsychiater und Gerichtsgutachter Professor Max Friedrich immer wieder betont. Im Gegenteil, sie verstehen es sehr geschickt, ihre kriminellen Neigungen zu verschleiern. Sie sind auch nicht einer bestimmten Schicht zuzuordnen. Die Gemeinsamkeit besteht darin, daß sie sich für die Erfüllung ihrer sexuellen Wünsche unserer (Kleinst)-Kinder bedienen und diesen -unter bestimmten Pressionen - entsprechende Handlungen abnötigen. Die Köder sind Zuneigung, materielle Verlockungen wie Urlaube, Süßigkeiten, Geld oder das raffinierte Spiel mit der kindlichen Neugier oder jugendlichem

Probierverhalten. Die Abscheulichkeiten dieser in unterschiedlichem Ausmaß gestörten Menschen reichen vom Betasten über Doktorspielchen bis hin zu aggressiven, sadomasochistischen Triebtaten an ihren Opfern. Tötung miteingeschlossen.

Auch in Österreich ist die Gesellschaft mehr und mehr mit solchen Ereignissen konfrontiert. Derzeit beschäftigt die Behörden ein Fall, mit dem eine neue Front am Schauplatz Kinderschändung aufgerissen wurde: das Homosexuellenmilieu. In Bad Goisern (00) steht eine Gruppe Männer unter Verdacht, rund 40 Buben mißbraucht und dabei Filme angefertigt zu haben. Empörung und Abscheu sind gewaltig, die Volksseele kocht. Man will die Täter „lebenslang weggesperrt” oder wenigstens „kastriert” sehen.

Was wirklich tun mit solchen Tätern? Die Gesellschaft verlangt eine Antwort und ist zugleich auch selbst gefordert.

Längere Gefängnisstrafen

(die Höchststrafe für „Unzucht mit Minderjährigen” soll von fünf auf zehn Jahre hinaufgesetzt werden), wie sie im Zuge der Beform des Sexualstrafrechts vorgesehen und von den Medien dieser Tage mit Genugtuung vermerkt wurden, haben sicher zunächst einmal eine positive Signalwirkung. Es haben ohnehin viele Österreicher das dumpfe Gefühl, die Justiz sei zu mild zu ihren (Sexual-)Ver-brechern. Jene Verhaltensweisen, die regelmäßig einen Horror hervorrufen, werden also entschiedener bekämpft.

Das Problem dabei ist allerdings, daß das Strafrecht nur Vergangenes sanktionieren, nicht jedoch in die Zukunft wirken kann: Schreckt es jemanden ab, statt für höchstens fünf nun vielleicht zehn Jahre im Gefängnis zu sitzen? Vielleicht. Aber längst ist auch bewiesen, daß es nicht genügt, Sexualtäter nur lange genug einzusperren. Denn wenn sie das Gefängnis verlassen, sind sie meist immer noch gestörte Menschen. Die Praxis zeigt, daß ohne Behandlung viele Triebtäter wieder rückfällig werden. Längere Gefängnisstrafen allein, ohne „Entschärfung” der Täter, gaukeln letztlich der Bevölkerung daher nur ein falsches Sicherheitsgefühl vor. Potentielle Opfer werden dadurch nicht geschützt.

Welche Möglichkeiten stehen derzeit zur Verfügung?

Die chemische (durch Hormonbehandlung) oder chirurgische Kastration - in den USA beispielsweise praktiziert und auch in Deutschland nach schrecklichen Kindermorden wieder heiß diskutiert - ist um -stritten. Professor Max Friedrich etwa sieht darin keine wirkliche Lösung, Verbrechen endgültig zu verhindern: „Kastration nützt überhaupt nichts. Die Phantasien bleiben. Das Verbrechen an den Kindern wird eben dann mit den Händen oder der Zunge begangen. Soll man diese Organe dann .abhacken?!”

Für ihn und viele andere Experten liegt der einzige, halbwegs erfolgversprechende Ansatz einerseits in der psychotherapeutischen Behandlung („Der Täter muß lernen, sein Verhalten zu vermeiden”) und andererseits in der dichten Überwachung nach Verbüßung der Freiheitsstrafe durch entsprechende Kontrollinstanzen (Kriminalbeamte, Ärzte, Sozialarbeiter). „Ich kenne viele, die sich unter Kontrolle tadellos verhalten und Kinder nicht mehr schänden. Die Erfolgsquote liegt bei 40 Prozent. Vielleicht werden es bald 60 sein.” Daß es Menschen gibt, die unheilbar sind und für immer weggesperrt gehören, leugnet inzwischen aber niemand mehr.

In anderen Ländern wird bereits mit rigorosen Kontrollsystemen gearbeitet: In den USA können per Computer die Daten von Kinderschändern abgerufen werden wie ihr aktueller Aufenthalt, ein Photo, das Verbrechen. In Großbritannien ist ähnliches, in abgeschwächter Form, ab Herbst dieses Jahres vorgesehen.

Die Folgen einer öffentlichen Kontrolle der Kinderschänder haben in der Praxis allerdings nicht selten genau das Gegenteil dessen bewirkt, was beabsichtigt war: unter dem Druck der totalen Achtung und sozialen Isolation sind diese Menschen erst recht wieder nur ihren Trieben ausgeliefert.

In Österreich will man diesen, wie es heißt, „menschenverachtenden Weg” einer totalen Kontrolle durch die Umgebung jedenfalls nicht gehen. Andererseits ist für eine gezielte Behandlung und weiterführende Kontrolle von Triebtätern kaum Geld da. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Derzeit gibt es ja nicht einmal für die Betreuung der Opfer genug ausgebildete Bichter, Anwälte, Polizisten ...

Verbrechensbekämpfung kann allerdings auch nur dann erfolgreich sein, wenn den Tätern der Nährboden entzogen wird. Es müssen mehr Menschen das Gefühl bekommen, auch mitverantwortlich zu sein für das, was geschieht. Natürlich schauen auch die Österreicher, so wie Menschen in anderen Ländern auch, eben lieber weg. Sich um verstörende und irritierende Vorgänge in seiner Umgebung zu kümmern, verlangt Zivilcourage. Nicht hinschauen ist falsch. Hinschauen und das Falsche tun, kann aber auch Probleme schaffen. Immer wieder zeigen Berichte aus Deutschland oder den USA, wie leicht man in Verdacht gerät, ein Kinderschänder zu sein. Bis sich die Schuldlosigkeit herausstellt, ist längst ein Mensch vernichtet...

Natürlich sagt sich das alles leichter als es getan ist. Aber nur - wie bei jedem neuen Fall den moralischen Zeigefinger zu heben, ist garantiert zu wenig. Professor Max Friedrich wünscht sich beispielsweise eine gezielte, behutsame Medienkampagne, die Eltern und Kinder aufklärt, die Probleme beim Namen nennt, den Mißbrauch in allen Facetten durchleuchtet, Hilfsmöglichkeiten und richtiges Verhalten für Betroffene und ähnliches aufzeigt. „Unter drei, vier Millionen Schilling ist das aber nicht zu machen. Es findet sich nur niemand, der das zahlt!”

Ist uns die Bettung der Kinder vor Abscheulichkeiten diese paar Millionen wirklich nicht wert?

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