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Gesellschaft

"Mischen Sie sich doch einfach ein!"

1945 1960 1980 2000 2020

"Zivilcourage" soll in Deutschland gegen die brutalen rechtsextremen Gewalttaten helfen (siehe auch Seite 9). Die Frage ist nur, in welcher Form?

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"Zivilcourage" soll in Deutschland gegen die brutalen rechtsextremen Gewalttaten helfen (siehe auch Seite 9). Die Frage ist nur, in welcher Form?

Herta Däubler-Gmelin gab sich kryptisch: die Deutschen sollten angesichts der brutalen rechtsextremen Gewalttaten nicht länger "nur zuschauen", diese gar "klammheimlich billigen" oder einfach "nur wegschauen". Das sei falsch. Die Menschen sollten "einschreiten" oder "wenigstens per Handy die Polizei rufen". Denn: heute sei das noch möglich und ausreichend. Morgen vielleicht schon nicht mehr. Was morgen dann sein wird, ließ die deutsche Bundesjustizministerin allerdings offen. Hat dann vielleicht der Staat endgültig kapituliert vor den braunen Horden in ihren Springerstiefeln, Fliegerjacken und den kahlgeschorenen Schädeln, dumpf und zu allem entschlossen?

Auf den ersten Blick scheint die Aufforderung "Jetzt müssen auch die Bürger ran" verständlich. Offensichtlich will man in Deutschland keinen aufgerüsteten, militanten Staat wie seinerzeit, als die Gewalt unter anderen Vorzeichen kam. Man erinnert sich: Linksterrorismus, RAF, Notstandsgesetze, Stacheldraht, Stammheim ... Der Rechtsextremismus soll nicht nur mit Schlagstöcken und Polizei bekämpft werden, sondern auch durch die Mobilisierung anderer Ressourcen - der "Zivilcourage". Viele Deutsche werden dabei allerdings das unangenehme Gefühl nicht los, dass dieser Aufruf eher ein Ausdruck von Hilflosigkeit und nicht eine durchdachte Strategie ist. Wieso müssen Menschen schon seit Jahren - und nicht erst seit gestern - wieder um ihr Leben fürchten? Der Staat mit seinem Gewaltmonopol ist dazu da, dass genau das verhindert wird! Wird die Sicherung des inneren Friedens jetzt auf die Bürgerinnen und Bürger abgeschoben?

"Die Rechtsextremen morden und die Deutschen schauen weg!" hieß es immer wieder in den vergangenen Tagen. Sie "schämen sich", bekannten auch gleich eine Reihe Promis und Politiker im gewohnten Betroffenheitsritual. Aber kann jetzt deshalb vom Normalmenschen Heldentum gefordert werden?

Es war immer schon ein besonderes Verdienst, sich zur Rettung eines Mitmenschen in (Lebens-)Gefahr zu begeben. Dies gilt unabhängig davon, ob die grauenhaften "Fälle" von Menschenhatz und Ermordung, Terror und Zerstörung nicht ohnehin erst durch die Nachlässigkeit und jahrelange Ignoranz des Staates entstanden sind. Wie auch immer - die Frage ist offen, was denn nun eigentlich von den Menschen konkret erwartet wird. Talkmasterin Sabine Christiansen brauchte, wie im Fernsehen üblich, nicht lange nachzudenken: "Wir müssen eingreifen! Machen Sie mit, mischen Sie sich ein!" Also offensichtlich nicht nur hinschauen, sondern auch einschreiten, Hand anlegen und nicht nur vor sich hin grummeln. Mann oder Frau stellt sich einem zu allem entschlossenen, brutalen Haufen in den Weg, fällt ihnen mutig in den Arm, läßt die Gewalt nicht gewähren ... Ja, so hätten's die Quotenjäger wohl gern. Ein paar furchtlose Helden (und erst Heldinnen!!), ein bisschen zusammengeschlagen vom braunen Mob - das lässt die Zuschauer zu Hause wieder wohlig erschaudern. Diese brauchen im Grunde ohnehin nichts zu fürchten. Es sind ja nur die Obdachlosen, Ausländer, Homosexuellen, Andersgläubigen, die derzeit damit rechnen müssen, vertrieben, gequält, totgetreten, erschlagen, verbrannt zu werden.

Zivilcourage zeigen heißt, sich stellvertretend für andere (oder für sich selbst) zur Wehr zu setzen, auch bei gewalthaften Übergriffen. Ist es damit getan, sich in den Augen des Fernsehens oder der Promis richtig zu verhalten? Lässt sich so moralisches Handeln begründen und formieren? Hier wird eine bloße Pose mit dem wahren Selbst verwechselt. Einmal abgesehen davon, dass die Folgen von so spontanen Mitmach-Aufrufen überhaupt nicht abzusehen sind.

Menschen, die sich zum Einschreiten aufraffen, die angesichts von gefährlichen Situationen über sich hinauswachsen, wollen in der Regel keine Helden sein. Was sie tun, tun sie aus Mitgefühl und Verantwortung für den anderen. Sie zeigen eine innere Haltung und keine vom Fernsehen oder sonstwem auferlegte Rolle. Ein solches Handeln, das in keinem Lehrbuch steht, lässt sich auch nicht so ohne weiteres aus dem Hut zaubern. Zivilcourage bedarf der Elemente einer zivilen Gesellschaft mit entsprechenden Orientierungen, Präferenzen und Erziehungsbemühungen.

Ja, natürlich ist es so. Überall, wo Gewalt stattfindet, sind die Wegschauer und Passiven nicht weit. Natürlich ist niemand ahnungslos. Jeder weiß sehr gut, was mit dem Mitmenschen da geschieht. Auch wenn er/sie zur Seite schaut, vorübereilt und nichts gesehen und gehört haben will. Das ist nicht nur in Deutschland so und beginnt bereits bei weitaus harmloseren Zwischenfällen.

In Europa hat Zivilcourage keine Tradition. Das mörderische und verwüstende 20. Jahrhundert war alles andere als eine gute Schule. Kommunismus, Faschismus, Nationalsozialismus mit Unterdrückung, Selbstunterwerfung und widerspruchsloser Anpassung unter diktatorische Machtverhältnisse haben als Endergebnis ruinöse Soziallandschaften hinterlassen. Sie machen eine "Neubepflanzung" mit Mitgefühl, Hilfeleistung und auch übermenschliches Verhalten heute noch schwierig. Oft, sehr oft gibt es den Reflex aus diesen Jahren: Fernhalten, Nicht-einmischen, Wegschauen, Nicht-wissen-wollen oder Ist-ja-nicht-so-schlimm ...

Und die Jüngeren? Die heutigen Freiheitsvorstellungen in Europa sind auf das Nehmen ausgerichtet. Freiheit bedeutet für die meisten nur mehr die Wahlmöglichkeit beim Konsumieren. Es bedeutet weniger die Option, sich auch für die Freiheit anderer einzusetzen, unter Umständen mit Mut und Einsatz dafür zu kämpfen, buchstäblich den Schädel hinzuhalten. Was jetzt an raschen Vorschlägen kommt, ist keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, wie die Gesellschaften die menschlichen Hilfsreflexe beleben und heranbilden könnten. Es gibt nur ein aufgeregtes Jammern über das Wegsehen und den Aufruf an "Gutwillige" zu undurchdachten Spontanaktionen, für die eigentlich niemand die Verantwortung übernehmen kann.

Gefordert ist im Moment immer noch hauptsächlich der Staat. Er hat voranzugehen. Erst wenn Politiker und Politikerinnen (die derzeit nicht einmal mit den Opfern der Gewalttaten reden oder sie aufsuchen!), Polizei und Justiz den Bürgern das Gefühl geben, es geschieht wirklich alles gegen den brauen Terror, dann wird sich auch die Zivilcourage entsprechend aufbauen lassen.

Herta Däubler-Gmelin gab sich kryptisch: die Deutschen sollten angesichts der brutalen rechtsextremen Gewalttaten nicht länger "nur zuschauen", diese gar "klammheimlich billigen" oder einfach "nur wegschauen". Das sei falsch. Die Menschen sollten "einschreiten" oder "wenigstens per Handy die Polizei rufen". Denn: heute sei das noch möglich und ausreichend. Morgen vielleicht schon nicht mehr. Was morgen dann sein wird, ließ die deutsche Bundesjustizministerin allerdings offen. Hat dann vielleicht der Staat endgültig kapituliert vor den braunen Horden in ihren Springerstiefeln, Fliegerjacken und den kahlgeschorenen Schädeln, dumpf und zu allem entschlossen?

Auf den ersten Blick scheint die Aufforderung "Jetzt müssen auch die Bürger ran" verständlich. Offensichtlich will man in Deutschland keinen aufgerüsteten, militanten Staat wie seinerzeit, als die Gewalt unter anderen Vorzeichen kam. Man erinnert sich: Linksterrorismus, RAF, Notstandsgesetze, Stacheldraht, Stammheim ... Der Rechtsextremismus soll nicht nur mit Schlagstöcken und Polizei bekämpft werden, sondern auch durch die Mobilisierung anderer Ressourcen - der "Zivilcourage". Viele Deutsche werden dabei allerdings das unangenehme Gefühl nicht los, dass dieser Aufruf eher ein Ausdruck von Hilflosigkeit und nicht eine durchdachte Strategie ist. Wieso müssen Menschen schon seit Jahren - und nicht erst seit gestern - wieder um ihr Leben fürchten? Der Staat mit seinem Gewaltmonopol ist dazu da, dass genau das verhindert wird! Wird die Sicherung des inneren Friedens jetzt auf die Bürgerinnen und Bürger abgeschoben?

"Die Rechtsextremen morden und die Deutschen schauen weg!" hieß es immer wieder in den vergangenen Tagen. Sie "schämen sich", bekannten auch gleich eine Reihe Promis und Politiker im gewohnten Betroffenheitsritual. Aber kann jetzt deshalb vom Normalmenschen Heldentum gefordert werden?

Es war immer schon ein besonderes Verdienst, sich zur Rettung eines Mitmenschen in (Lebens-)Gefahr zu begeben. Dies gilt unabhängig davon, ob die grauenhaften "Fälle" von Menschenhatz und Ermordung, Terror und Zerstörung nicht ohnehin erst durch die Nachlässigkeit und jahrelange Ignoranz des Staates entstanden sind. Wie auch immer - die Frage ist offen, was denn nun eigentlich von den Menschen konkret erwartet wird. Talkmasterin Sabine Christiansen brauchte, wie im Fernsehen üblich, nicht lange nachzudenken: "Wir müssen eingreifen! Machen Sie mit, mischen Sie sich ein!" Also offensichtlich nicht nur hinschauen, sondern auch einschreiten, Hand anlegen und nicht nur vor sich hin grummeln. Mann oder Frau stellt sich einem zu allem entschlossenen, brutalen Haufen in den Weg, fällt ihnen mutig in den Arm, läßt die Gewalt nicht gewähren ... Ja, so hätten's die Quotenjäger wohl gern. Ein paar furchtlose Helden (und erst Heldinnen!!), ein bisschen zusammengeschlagen vom braunen Mob - das lässt die Zuschauer zu Hause wieder wohlig erschaudern. Diese brauchen im Grunde ohnehin nichts zu fürchten. Es sind ja nur die Obdachlosen, Ausländer, Homosexuellen, Andersgläubigen, die derzeit damit rechnen müssen, vertrieben, gequält, totgetreten, erschlagen, verbrannt zu werden.

Zivilcourage zeigen heißt, sich stellvertretend für andere (oder für sich selbst) zur Wehr zu setzen, auch bei gewalthaften Übergriffen. Ist es damit getan, sich in den Augen des Fernsehens oder der Promis richtig zu verhalten? Lässt sich so moralisches Handeln begründen und formieren? Hier wird eine bloße Pose mit dem wahren Selbst verwechselt. Einmal abgesehen davon, dass die Folgen von so spontanen Mitmach-Aufrufen überhaupt nicht abzusehen sind.

Menschen, die sich zum Einschreiten aufraffen, die angesichts von gefährlichen Situationen über sich hinauswachsen, wollen in der Regel keine Helden sein. Was sie tun, tun sie aus Mitgefühl und Verantwortung für den anderen. Sie zeigen eine innere Haltung und keine vom Fernsehen oder sonstwem auferlegte Rolle. Ein solches Handeln, das in keinem Lehrbuch steht, lässt sich auch nicht so ohne weiteres aus dem Hut zaubern. Zivilcourage bedarf der Elemente einer zivilen Gesellschaft mit entsprechenden Orientierungen, Präferenzen und Erziehungsbemühungen.

Ja, natürlich ist es so. Überall, wo Gewalt stattfindet, sind die Wegschauer und Passiven nicht weit. Natürlich ist niemand ahnungslos. Jeder weiß sehr gut, was mit dem Mitmenschen da geschieht. Auch wenn er/sie zur Seite schaut, vorübereilt und nichts gesehen und gehört haben will. Das ist nicht nur in Deutschland so und beginnt bereits bei weitaus harmloseren Zwischenfällen.

In Europa hat Zivilcourage keine Tradition. Das mörderische und verwüstende 20. Jahrhundert war alles andere als eine gute Schule. Kommunismus, Faschismus, Nationalsozialismus mit Unterdrückung, Selbstunterwerfung und widerspruchsloser Anpassung unter diktatorische Machtverhältnisse haben als Endergebnis ruinöse Soziallandschaften hinterlassen. Sie machen eine "Neubepflanzung" mit Mitgefühl, Hilfeleistung und auch übermenschliches Verhalten heute noch schwierig. Oft, sehr oft gibt es den Reflex aus diesen Jahren: Fernhalten, Nicht-einmischen, Wegschauen, Nicht-wissen-wollen oder Ist-ja-nicht-so-schlimm ...

Und die Jüngeren? Die heutigen Freiheitsvorstellungen in Europa sind auf das Nehmen ausgerichtet. Freiheit bedeutet für die meisten nur mehr die Wahlmöglichkeit beim Konsumieren. Es bedeutet weniger die Option, sich auch für die Freiheit anderer einzusetzen, unter Umständen mit Mut und Einsatz dafür zu kämpfen, buchstäblich den Schädel hinzuhalten. Was jetzt an raschen Vorschlägen kommt, ist keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, wie die Gesellschaften die menschlichen Hilfsreflexe beleben und heranbilden könnten. Es gibt nur ein aufgeregtes Jammern über das Wegsehen und den Aufruf an "Gutwillige" zu undurchdachten Spontanaktionen, für die eigentlich niemand die Verantwortung übernehmen kann.

Gefordert ist im Moment immer noch hauptsächlich der Staat. Er hat voranzugehen. Erst wenn Politiker und Politikerinnen (die derzeit nicht einmal mit den Opfern der Gewalttaten reden oder sie aufsuchen!), Polizei und Justiz den Bürgern das Gefühl geben, es geschieht wirklich alles gegen den brauen Terror, dann wird sich auch die Zivilcourage entsprechend aufbauen lassen.