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Das Kind als Lustobjekt

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Der Fall Marc Dutroux in Belgien und ein Kongreß in Stockholm halten unserer Gesellschaft einen häßlichen Spiegel vor.

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Der Fall Marc Dutroux in Belgien und ein Kongreß in Stockholm halten unserer Gesellschaft einen häßlichen Spiegel vor.

Wir schieben das Thema gerne weg. Wer spricht schon gerne über den sexuellen Mißbrauch von Kindern? Vielleicht erkennen auch viele das Ausmaß des Problems nicht, wollen nicht wahrhaben, daß daran nicht nur Kriminelle oder Perverse beteiligt sind, sondern immer mehr auch schwache und verführbare „Normalbürger".

Pädophile, die ohne kommerziellen Hintergrund ihre sexuellen Gelüste mit Kindern befriedigen wollen, sind therapiebedürftig und müssen von potentiellen Opfern ferngehalten werden, das steht fest. Jene, die Kinder entführen, in Kellerverliese einsperren, vergewaltigen, zu Prostitution sowie Porno-Aufnahmen zwingen, töten oder verhungern lassen, wie die Bande um den Belgier Marc Dutroux, sind Verbrecher übelster Sorte und gehören streng bestraft, darüber ist man sich einig.

Aber was ist mit jenen, die solche „Angebote" konsumieren und so bewirken, daß das Vermarkten der „Ware Kind" zum lukrativen Geschäft geworden ist? Reicht ihnen nicht das übrige, was der heutige Sex-und-Porno-Supermarkt an Erniedrigung und Entwürdigung von Menschen, meist Frauen, liefert? Müssen immer jüngere Lustobjekte her?

Der Fall Dutroux hat aufgerüttelt, indem er Licht auf das Leid sexuell ausgebeuteter Kinder geworfen hat, und zwar unmittelbar vor dem „Ersten Weltkongreß gegen den kommerziellen sexuellen Mißbrauch von Kindern" in Stockholm. 1.200 Delegierte aus 130 Staaten und internationalen Organisationen haben vorige Woche daran teilgenommen. Dafür, daß das laut Schwedens Premierminister Göran Persson „widerwärtigste, scheußlichste und grausamste Verbrechen der Welt" viel schärfer bestraft gehört, sprachen sich in einer gemeinsamen Erklärung 82 Nobelpreisträger, darunter Michail Gorbatschow, Desmond Tutu und Ehe Wiesel, aus.

In Stockholm kamen schockierende Zahlen zur Sprache. Die Opfer von Kinderprostitution, Kinderhandel und Kinderpornographie werden auf über zwei Millionen weltweit geschätzt. Allein in Asien rechnet man mit einer Million betroffener Kinder unter sechzehn Jahren bei etwa zehn bis zwölf Millionen erwachsenen Kunden. Daß seit 1988 in ganz Asien lediglich 240 Sex-Touristen aus westlichen Ländern, vorwiegend aus den USA, aus Deutschland, Großbritannien und Australien, wegen Mißbrauchs von Kindern strafrechtlich belangt worden sind, sagt alles. Manche Regierungen der Dritten Welt haben den Sex-Tourismus, der ja Geld ins Land bringt, zeitweise kräftig gefördert, zumindest sehen sie ihm weitgehend tatenlos zu.

Von der Dreikönigsaktion in Österreich wird ein Straßen -kinder-Projekt in Kenia unterstützt. Dessen Leiterin, die aus Irland stammende Schwester Mary Killeen, war dieser Tage in Wien und sprach exklusiv mit der furche. Sie arbeitet als Volksschuldirektorin in den Slums von Nairobi und ist erschüttert darüber, wie der Sex-Tourismus in den letzten Jahren zugenommen hat, wie -vorwiegend von Ausländern -ein richtiges Netzwerk aufgebaut wurde. Vor allem an Kinder ohne Vater mache man sich heran, oft unter dem Vorwand, ihnen oder der alleinstehenden Mutter zu helfen, doch dann würden die Kinder zu Prostitution und Porno-Aufnahmen mißbraucht, mit Drogen bearbeitet, und viele gingen seelisch, wenn nicht auch körperlich daran zugrunde.

Daß das Sex-Geschäft in erster Linie mit Kindern armer Länder (aus der Dritten Welt oder aus Osteuropa) von Tätern aus reichen Ländern gemacht wird, zeigt die Fratze unserer „zivilisierten" Welt: das schamlose Ausnützen von Armut und Ohnmacht. Der Fall Dutroux machte aber wieder bewußt: Auch unsere Kinder können Sex-Opfer werden.

Daß sich sexueller Mißbrauch bei uns meist leiser und weniger kommerziell abspielt, darauf will von 12. September bis 2. Oktober die Ausstellung „(K)ein sicherer Ort" im Wiener Kindermuseum (1070 Wien, Messeplatz 1) hinweisen: Die Ausstellung wurde als „Wohnung" konzipiert, denn vorwiegend dort und durch enge Verwandte erfahren Kinder hierzulande sexuelle Gewalt. Sie und Mitwisser sollen ermutigt werden, „nein"' zu sagen oder sich an Beratungsstellen zu wenden.

Ob dieses stets mit Schweigen zugedeckte Problem in jüngster Zeit zugenommen hat, ist nicht belegbar. Daß die „sexuelle Befreiung" der letzten'Jahrzehnte, gipfelnd in der in vielen Medien bis hin zum Internet in allen Variationen vermehrt dargestellten und abrufbaren Sexualität, den Appetit auf Perversionen verringert hätte, läßt sich aber wahrlich auch nicht behaupten.

Laut Schätzungen sind in Österreich jedes vierte Mädchen und jeder achte Bub sexueller Gewalt ausgesetzt. Das sind angesichts der zu befürchtenden seelischen Folgen so alarmierende Zahlen, daß es nicht nur für Aufklärungs-maßnahmen, sondern für sehr handfeste gesetzliche Schritte, etwa die von ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel vorgeschlagenen, allerhöchste Zeit ist.

Die Forderungen auf der dem kommerziellen Bereich gewidmeten Stockholmer Tagung reichten von der öffentlichen Namensnennung der Verbrecher über die Einrichtung internationaler Datenbanken bis hin zur Kastration. Kinderschändung sollte nicht nur im Land, wo sie begangen wurde, sondern auch im Heimatland des Schänders verfolgt und bestraft werden. Kaliforniens Parlament handelte prompt: Nach der zweiten entsprechenden Verurteilung muß ein solcher Sexualverbrecher sich einer chemischen Kastration unterziehen, erhält also regelmäßig Injektionen, die seinen Trieb dämpfen.

Letztere Maßnahme mag manchen als zu drastisch erscheinen, aber hat man nicht zu lange mehr auf die Rehabilitierung der Täter gehofft als für den Schutz möglicher Opfer gesorgt? Der schöne Traum von einer Gesellschaft ohne Gefängnisse ist völlig fehl am Platz, solange Leute unschuldige Kinder in Kellerlöcher sperren und zu Tode quälen.

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