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Versklavte Wegwerfkörper

Nach dem Handel mit Drogen und illegalen Waffen ist der Menschenhandel die weltweit größte Schattenwirtschaft. Milorad Milakovi´c, der berüchtigte bosnische Frauenhändler, fragte einmal, warum man ihn anklage: "Auch Fußballer werden verkauft und gekauft, wo liegt da der Unterschied zum Frauenhandel?" Zwang, Unterdrückung, Ausbeutung, Lebensgefahr und vieles mehr unterscheidet geschleppte Frauen von hoch dotierten Fußballstars - der größte Unterschied ist aber ihre riesige Zahl: Millionen Menschen werden jedes Jahr Opfer von Menschenhandel. Redaktion: Wolfgang Machreich

Beim Menschenhandel ist alles riesig: Die Zahl der weltweit verkauften Menschen wird mit bis zu vier Millionen angegeben, allein in der Sexindustrie soll mit zwei Millionen Mädchen und Frauen gehandelt werden. Das Leid der zu Waren degradierten Menschen ist ebenfalls enorm. Und wenn diese modernen Sklaven verbraucht sind, ihre Produktivität nachlässt und sie nicht mehr genug Rendite abwerfen - dann werden sie entsorgt wie Dinge des täglichen Gebrauchs und liegen gelassen.

"Wegwerfkörper" bezeichnet der weltweit führende Sklavereiexperte Kevin Bales die heutigen Sklaven. Für den US-Soziologen und "Free the Slaves"-Präsidenten sind die neuen Formen der Sklaverei optimal auf die Erfordernisse der globalisierten Wirtschaft zugeschnitten: "Die neue Sklaverei eifert der Weltwirtschaft nach, löst sich von Besitzständen und Vermögensverwaltung und konzentriert sich auf die Nutzung von Ressourcen und Prozessen."

Kinder für Blutgeld verkauft

Bales schätzt die Zahl der heutigen Sklaven auf etwa 27 Millionen - noch um ein Vielfaches höher als die Zahl der gehandelten Menschen, weil die häufigste Form der Sklaverei die vererbte Schuldknechtschaft ist. Doch wer sich heute Sklaven kauft, verlangt weder Quittung noch Eigentumsurkunde, sondern erwirbt auch ohne offizielle Bestätigung Verfügungsgewalt über den anderen.

Diese Verfügungsgewalt wird für den Einsatz der gehandelten Menschen in einer riesigen Zahl von Verwendungsmöglichkeiten genutzt: Ob als Feldarbeiter oder als Ehefrau, als Prostituierte oder Haushaltshilfe, als Bettler oder Straßenhändler, als Drogendealer oder Fabrikarbeiter … - für alles, wozu man Menschen gebrauchen, benutzen und ausnutzen kann, werden Menschen gehandelt.

Dass dabei der grausamen Kreativität von Menschenhändlern keine Grenzen gesetzt sind, zeigt ein Beispiel für Kinderhandel im aktuell erschienenen Buch "Ware Frau" (siehe Buchtipp nächste Seite): Im Norden Nigerias hat sich eine grausame Spielart des Kinderhandels entwickelt, heißt es dort: Kinder werden für "Diya" - Blutgeld - verkauft. Die Täter, meist Frauen, bringen diese Kinder nach Saudi-Arabien und stoßen sie vor ein fahrendes Auto. Kommt das Kind dabei ums Leben, muss der Fahrer das landesübliche Blutgeld an die Familie zahlen, sonst droht ihm die Todesstrafe. Die Kinderhändlerin erhält im Durchschnitt 30.000 Euro und erzählt den Eltern, das Kind sei bei einem Verkehrsunfall gestorben.

Mangel an ethischen Grundsätzen und ein verschärfter Kostendruck schaffen laut Ansicht von Antonio Mario Costa ein ideales Umfeld für Menschenhandel: "Menschen fühlen sich moralisch dazu berechtigt, andere auszubeuten, nur um Kosten zu sparen", sagt der Chef des UN-Büros für Drogen und Kriminalität in Wien. Auch der "dramatische Trend", Frauenkörper in der Werbung für fast schon jedes Produkt zur Schau zu stellen, mache eine Gesellschaft für sexuelle Ausbeutung anfällig, ist Costa überzeugt: "Es geht um die Ausnutzung von Frauen. Da spreche ich auch von den reichen Ländern, nicht nur von der Geschlechterungleichheit in den Entwicklungsländern."

Menschenhandel betrifft fast jede Region der Welt: Laut UN-Angaben gelten 127 Länder als Ursprungsländer für Menschenhandel (von insgesamt 193 Staaten). 137 Staaten werden als Abnehmerstaaten für gehandelte Menschen gezählt. Österreich ist sowohl als Transit- als auch als Zielland von diesen illegalen Geschäften betroffen, bei denen man weltweit pro Jahr nach Schätzungen der Vereinten Nationen gut 20 Milliarden Euro (ein knappes Drittel des österreichischen Staatsbudgets!) an Profit erwirtschaftet. Damit ist das Geschäft mit der modernen Sklaverei die weltweit größte Schattenwirtschaft nach dem Handel mit Drogen und illegalen Waffen.

Mangelnder Opferschutz

Trotz der riesigen Ausmaße dieses Verbrechens hat die UN-Generalversammlung erst in der vergangenen Woche zum ersten Mal über Maßnahmen gegen den Menschenhandel beraten. Allein grenzüberschreitende Zusammenarbeit könne dem Problem Herr werden, lautete der Tenor der Versammlung. Drei Prioritäten wurden festgelegt: Unterbindung des Verbrechens, Anklage der Täter und Schutz der Opfer.

Seitens der österreichischen Justiz heißt es, dass man alle diesbezüglich relevanten internationalen Konventionen in nationales Recht umgesetzt und Menschenhandel als einen Tatbestand ins Strafgesetzbuch aufgenommen hat. Die "Task Force Menschenhandel" ist zudem mit der Umsetzung eines "Nationalen Aktionsplans" beschäftigt, und ein eigener Koordinator für Menschenhandel wurde angekündigt. Trübe Aussichten also für Menschenhändler in Österreich? Mitnichten, denn der Opferschutz ist hierzulande nach wie vor gering und nur die wenigsten Betroffenen trauen sich zur Polizei - denn so wie alles riesig ist, was Menschenhandel betrifft, so ist auch die Angst vor der Rache und dem langen Arm der Peiniger groß, meistens zu groß.

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