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Sklavenmarkt

Der Handel mit Frauen und Kindern ist in Europa drauf und dran, den Drogenhandel umsatzmäßig zu überholen. Opferschutzgesetze fehlen - und nach wie vor ist der Menschenhandel ein EU-weit kaum geahndetes Verbrechen.

Auf den Straßen Bukarests träumt Gabriela vom Leben im Westen. Und trifft Männer, die ihr versprechen, sie dorthin zu bringen. Anstatt am Ziel ihrer Träume findet sie sich in Belgrad wieder. Wird vergewaltigt und geschlagen, bis ihr Widerstand gebrochen ist. Dann beginnt eine Odyssee. Sie wird verkauft und wieder verkauft, "bis mein Preis so hoch war, dass ich als Leibeigene meine Freiheit nicht mehr bezahlen konnte". In einem Bordell im mazedonischen Bugoivinja soll sie jedem Freier drei Flaschen Champagner aufnötigen. Die Flasche zu 60 Euro. Ein Luxus, den sich kaum jemand leisten kann. 4.000 Euro hat ihr Besitzer in sie investiert. 4.000 Euro, die sie abarbeiten muss, dafür, dass sie nun im "Westen" ist. Und sie ist bereit, alles zu tun, was von ihr verlangt wird, "ich habe aus Angst immer alles gemacht". Über die International Organization for Migration (IOM) wird Gabriela schließlich repatriiert.

Frauen- und Kinderhandel

Weltweit leben rund 27 Millionen Menschen in Leibeigenschaft. Mehr als je zuvor in der Geschichte. Das Phänomen ist nicht auf Afrika, Asien oder Lateinamerika beschränkt. Sklaverei gibt es in London, in Brüssel und Amsterdam, in Rom und Wien, Berlin, Madrid. Zwölf Milliarden Dollar beträgt der weltweite Jahresumsatz der Menschenhändler. In Europa ist der Menschenhandel drauf und dran, den Drogenhandel umsatzmäßig zu überholen. Zwischen zehn und 50 Euro beträgt der Mindestpreis für ein Kind, Frauen sind ab 300 Euro zu haben. Etwa in Nordbosnien, wo sich vor der Nase der internationalen Gemeinschaft und unter den Augen der Behörden der Republika Srpska ein regelrechter Sklavenmarkt etabliert hat. In Rumänien werden für eine Frau zwischen 50 und 200 Euro, im Kosovo zwischen 700 und 2.500 Euro bezahlt.

Kein Unrechtsbewusstsein

Die Händler sind überzeugt davon, mit Fug und Recht Menschen kaufen und verkaufen, über ihr Leben bestimmen zu können. "Diese Leute haben kein Unrechtsbewusstsein", konstatiert Helga Konrad, Vorsitzende der Task Force on Trafficking in Human Beings des Stabilitätspaktes für Südosteuropa.

Es liegt nicht zuletzt an ihr, die Innen- und Justizminister der EU zu überzeugen, geeignete Maßnahmen gegen den Menschenhandel zu ergreifen; in den Ländern des Balkan Schutzzentren für geflohene Sklaven einzurichten; betroffene Frauen und Kinder als Opfer anzuerkennen und nicht, da illegale Einwanderer, als Kriminelle. Ein zäher Prozess, bei dem sie das IOM und die OSZE an ihrer Seite weiß. Beide Organisationen engagieren sich im Kampf gegen Frauenschmuggel und Zwangsprostitution: mit Informationskampagnen für Öffentlichkeit und Schulen, mit Seminaren für die Polizei und mit Hilfe für Frauen, die sich aus der Gewalt der Zuhälter befreien konnten.

Etwa in Mazedonien, wo erste Maßnahmen gesetzt wurden. Bis Anfang April 2001 konnten 230 Frauen - die meisten aus Moldawien - aus Bordellen und Tanzclubs in Mazedonien befreit werden. Untergebracht werden sie von der IOM in einem von der Regierung in Skopje eröffneten Zentrum. "Wegen möglicher Angriffe der Zuhälter, die sich ihre Ware' zurückholen möchten, mussten wir sämtliche Bäume um das Gelände abholzen", sagt Blagoja Stojkovski vom Migrationsamt im mazedonischen Innenministerium. Dass es Versuche gab, die "Ware" unter Einsatz von Waffengewalt wieder zurückzuerlangen, das bestätigt auch Konrad.

Großer Nachschub

Dabei ist für Nachschub gesorgt. Der Druck auf die Außengrenzen der EU nimmt zu. Nach einer Studie des IOM wollen 62 Prozent der Moldawier ihr Land verlassen. 36 Prozent zumindest für einige Zeit, 26 Prozent für immer. "Stellen Sie sich vor, was es für ein Land bedeutet, dem über 50 Prozent der Bevölkerung den Rücken kehren wollen?", sagt Helga Konrad.

Rund 500.000 Illegale reisen jährlich in die Europäische Union ein, schätzt Europol in Den Haag. Andere Stellen setzen die Schätzungen höher an. Ihnen zufolge haben sich in der Union regelrechte Schattengesellschaften etabliert. In Metropolen wie London, Paris, Amsterdam, Wien oder Berlin gibt es Stadtbezirke mit dreimal mehr Menschen, als dort gemeldet sind. Allein im Großraum Moskau warten geschätzte 700.000 bis 1,5 Millionen Menschen auf die Weiterreise in den Westen. Am Balkan, in Bosnien, Serbien, dem Kosovo, Albanien und Mazedonien sind es weitere Hundertausende. Goldene Zeiten für Schlepper. Selbst wer sich nur im Schmuggel von Menschen betätigt und nicht im Handel, erzielt satte Renditen.

Im April 2002 läuft die "Island Glory" unbemerkt bei Kalabrien auf Grund. Mit 300 bis 500 Passagieren aus Indien, Pakistan und Sri Lanka. 172 werden von den italienischen Behörden gefasst. Aus ihren Zeugenaussagen ergibt sich folgende Rechnung: Bei 300 bis 500 Tickets, die zwischen 3.000 und 5.000 Dollar gekostet haben, nehmen die Schlepper zwischen 900.000 und 2,5 Millionen Dollar ein. Der Kaufpreis für den rostigen Pott und die Heuer der Mannschaft machen rund 200.000 Dollar aus. Bleibt ein Reingewinn von 700.000 bis 2,3 Millionen Dollar. Neben den Südrouten von Nordafrika über Spanien und Italien fließt der Hauptstrom illegaler Immigranten und Leibeigener über den Balkan nach Westeuropa.

Leibeigene Prostituierte

Rund 175.000 Frauen und Kinder werden pro Jahr über die Halbinsel nach Westeuropa geschleppt. Allein in Bosnien wird die Zahl leibeigener Prostituierter aus Moldawien, Rumänien und der Ukraine auf 10.000 geschätzt. Tendenz steigend. Immer mehr weibliche Teenager werden in die Prostitution verkauft. Gleichzeitig nimmt der Handel mit jüngeren Kindern, die zum Betteln oder zur Arbeit in Sweatshops gezwungen werden, zu. Häufig sind es Nachbarn oder Schlepper aus dem eigenen Ort, die Eltern in Moldawien, der Ukraine mit Geld oder falschen Jobangeboten in Westeuropa oder auf dem Balkan überzeugen.

Eine aktuelle OECD- und UNO- Studie zitiert ein 16 Jahre altes Opfer aus dem Kosovo: "Ein Mann aus meiner Nachbarschaft vergewaltigte mich, als ich 15 war. Ich ging zur Polizei, das ganze Dorf wusste davon, ich bekam Probleme mit meiner Familie. Ein Bekannter meinte, er könne mir einen Job in Mazedonien verschaffen. Ich hoffte, so alle Probleme hinter mir zu lassen. In Mazedonien lebte ich mit anderen Mädchen aus Moldawien und Russland eingesperrt in einem Haus, das wir tagsüber nie verlassen durften. Jeden Abend wurden wir in eine Nachtbar gebracht, wo wir als Prostituierte arbeiten mussten."

"Wer einmal in diesem Teufelskreis gefangen ist, kann kaum noch entkommen", sagt Konrad. "Die Frauen werden permanent überwacht, sie haben keine Papiere, sie werden regelmäßig verkauft und an andere Orte gebracht, wo sie weder die Sprache beherrschen noch soziale Kontakte aufbauen können."

Dennoch, "angesichts dessen, wo wir vor ein paar Jahren begonnen haben, sind wir schon weit gekommen", meint die Taskforce Vorsitzende. Dass die Thematik in der Öffentlichkeit kaum präsent ist, führt sie auf das mangelhafte Problembewusstsein im Westen zurück. Sowie darauf, dass alle Illegalen der Einfachheit halber als Kriminelle betrachtet werden. Und nicht auch oder ausschließlich als Opfer, die Rechtsschutz in Anspruch nehmen können. Dabei erweisen sich Opferschutzgesetze als überaus wirksames Instrument zur gerichtlichen Verfolgung der Menschenhändler. Gerade Italien als eines der Hauptzielländer, berichtet Konrad, hat damit positive Erfahrungen gemacht. Trotzdem fehlt es an EU-weiten Regelungen. Denn mit Aufklärungsarbeit in den Ursprungsländern ist es nicht getan. Menschenhandel ist ein kaum geahndetes Verbrechen in den europäischen Rechtsordnungen. Die Polizeibehörden sind sich dieses Umstands bewusst und kritisieren ihn.

"Sanftes Überreden" erlaubt

Nach einem Urteil des österreichischen Obersten Gerichtshofes ist "sanftes Überreden" zur Prostitution hierzulande nicht strafbar. Wo die Grenze zwischen sanft und hart verläuft, dazu schweigt das Gericht. Selbst wenn Prostituierte 60 bis 70 Prozent ihrer Entlohnung dem Zuhälter abliefern müssen, gilt das, auch dies eine gerichtliche Grundsatzentscheidung, nicht als Ausbeutung. Pro Jahr werden kaum mehr als 100 Männer, weil sie sich "aus der gewerbsmäßigen Unzucht einer anderen Person ein Einkommen verschaffen" (Strafgesetzbuch), verurteilt. Österreich bildet keine europäische Ausnahme.

Das soll anders werden. Die EU-Innenministerkonferenz hat einen ersten Schritt gesetzt. Die Union erhält ein einheitliches Asyl- und Einwanderungsrecht. Ende November beschlossen die Minister EU-weit einheitliche Strafen für Menschenhandel und Schlepperei. Bis zu acht Jahre Haft drohen den Tätern. Opferschutzbestimmungen haben die Ressortchefs hingegen keine beschlossen. Noch nicht.

Der Autor ist freier Journalist.

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