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Bosniens Wunden heilen nur langsam

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Die Welt schaut auf denKosovo, Bosnien ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Doch die Probleme dorterfordern weiterhin die internationale Unterstützung und Aufmerksamkeit.

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Die Welt schaut auf denKosovo, Bosnien ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Doch die Probleme dorterfordern weiterhin die internationale Unterstützung und Aufmerksamkeit.

Fra Tomo ist ein tatkräftiger Mann. Tag für Tag ist der Franziskanerbruder draußen auf einem Hügel vor der bosnischen Stadt Banja Luka zu finden. Dort, wo früher die moderne weiße Kirche des Klosters glänzte, leitet er die Aufräumungsarbeiten des Pfarrzentrums. In kurzer Hose und T-Shirt steht er neben einem riesigen Berg aus Betontrümmern und verbogenen Eisentraversen. Ganz oben ragt aus dem Trümmerberg ein schiefes Kreuz heraus.

Einst leuchtete es auf dem Glockenturm der Kirche. Das Gotteshaus wurde wie andere Kirchen im Mai 1995 als Racheaktion für die kroatische Offensive in Slawonien in die Luft gesprengt. Zerstört sind auch alle Moscheen der Stadt. Keine Kampfhandlungen verursachten diese sinnlose Barbarei. In Banja Luka wurde während des Bosnienkrieges nicht gekämpft. Eine Zeit der ständigen Angst waren die dreieinhalb Jahre für die nichtserbischen Bewohner trotzdem. Zwangsarbeit, Terror und Vertreibung standen für Moslems und Kroaten auf der Tagesordnung. Ziel war die "ethnische Säuberung". Auch Fra Tomos Name war offenbar auf einer Liste festgehalten. Er hatte zu entschieden für seine Gemeinschaft Partei ergriffen. Monatelang hielt er sich in den Wäldern versteckt, um nicht den Rollkommandos in die Hände zu fallen. Nur nachts wagte er sich zurück. Bekannte versorgten ihn mit Essen. "Hätten mich nicht Freunde vor Gefahren gewarnt, wäre ich vielleicht nicht mehr am Leben."

Es sind etwa ein Dutzend abgerackerter Männer, die Schutt auf einen Traktoranhänger schaufeln und Holzbalken zusammenschleppen. Sie sagen nicht viel, doch in den hageren Gesichtern haben Angst und Not ihre Spuren hinterlassen. Es wird zügig gearbeitet. Die Arbeit läßt das Schreckliche des Erlebten und die Apathie der Gegenwart für eine Zeitlang vergessen. Sie bringt Ordnung in das gewaltsam aus der Bahn geworfene Leben, sie bedeutet Hoffnung. "Die Menschen wollen arbeiten und sie brauchen Zuversicht", erklärt Fra Tomo. Hoffnung verheißen auch zwei Werkshallen, die 100 Meter neben Kloster und Kirche aufgestellt wurden. Finanziert mit Spendengeldern der Caritas St. Pölten entsteht hier eine Tischlerei. Nun wartet alles nur mehr auf die italienischen Maschinen, dann läuft die Produktion der Fenster und Türen für den Wiederaufbau an.

Die Folgen des Krieges sind noch lange nicht bewältigt. Da sind einmal die Bevölkerungsverschiebungen. "Von einst 5.000 Mitgliedern unserer Gemeinden sind nur mehr 700 da. Geblieben sind hauptsächlich die Alten. Die Jungen sind schon weggegangen oder sie warten nur auf eine Gelegenheit zum Auswandern. Ich kann sie verstehen. Hier bekommen sie keine Arbeit, ihre Kinder haben keine Zukunft", beschreibt der Franziskaner die Situation. Das Leben ist zu einem Provisorium geworden. So wie der Kirchenraum in einen halbfertigen Rohbau gewandert ist, so mühen sich die Bewohner in einem Alltag voll Ungewißheit.

Die Situation in der Franziskanergemeinde ist repräsentativ für Banja Luka. Nur ein Siebentel der einst 70.000 kroatischen Bewohner trotzte der Vertreibung. Die meisten der 30.000 Moslems der Stadt wurden ebenfalls verjagt. In den Häusern und Wohnungen der Geflüchteten leben nun 100.000 Serben. Auch sie sind Vertriebene, aus der Krajina, aus Zentralbosnien, aus der Gegend um Bihac. Wie lange sie in ihren Unterkünften bleiben können, ist vollkommen ungewiß.

Krieg & Bürokratie Die Rückkehr der Flüchtlinge ist das wichtigste ungelöste Problem Bosniens. Es sind eineinhalb Millionen Menschen, die fern ihrer Heimatorte leben. Zwar wird ihre Rückkehr durch den Vertrag von Dayton garantiert, doch die Umsetzung wird von nationalistischen Politikern im Verein mit einer willfährigen Verwaltung blockiert und verschleppt. "Der Krieg wird auf bürokratischem Weg weitergeführt", erklärt der oberste Vertreter der UNO in Bosnien, Jaques P. Klein.

Aber nicht nur der Bevölkerungsaufbau ist durcheinandergeraten, auch die Wirtschaft liegt vollkommen darnieder. Die großen Industriebetriebe Banja Lukas, die vom untergegangenen jugoslawischen Staat in den sechziger Jahren hier errichtet wurden, sind meist stillgelegt. Privatwirtschaft in größerem Ausmaß hat es nie gegeben. Ein Dienstleistungssektor existiert nur in Ansätzen. Die einzigen legalen Arbeitsplätze bieten Bürokratie, Polizei und Militär. Erwirtschaftet wird dort aber nichts. Daher kann der Staat auch keine Steuereinnahmen erzielen. "Bosnien ist das Musterbeispiel eines Wirtschaftssystems, das fortwährend auf Geldströme von außen angewiesen ist. Diese extern durch Hilfsorganisationen und Staatsprogramme zugeführten Mittel setzen durch ihren Verbrauch dann einen rudimentären Wirtschaftskreislauf in Gang", beschreibt das Mitglied einer Hilfsorganisation ernüchtert das ökonomische Fiasko dieser Nachkriegsgesellschaft.

Solche Umstände bieten ideale Bedingungen für Korruption. Und tatsächlich deckte eine vom Hohen Repräsentanten eingesetzte Untersuchungskommission kürzlich ein gigantisches Ausmaß von Betrug auf. Im Lauf der vergangenen Jahre ist insgesamt eine Summe von einer Milliarde Dollar "verschwunden". Der Großteil dieser Mittel wurde von der internationalen Staatengemeinschaft aufgebracht und war zur Finanzierung von Wiederaufbaumaßnahmen in Bosnien gedacht. Stattdessen landete das Geld in den Taschen korrupter einheimischer Politiker. In die Vorgänge involviert sind Repräsentanten aller drei Volksgruppen Bosniens. Die New York Times listete in einem Artikel einige der insgesamt 200 untersuchten Fälle auf.

So wurden etwa in der Stadt Sanski Most, die während des Krieges stark beschädigt worden war, Budgetmittel der Kommune für die Errichtung einer Pferderennbahn verwendet. In allen Fällen ist dasselbe Muster erkennbar: Korrupte, politische Lokalgrößen, deren Kooperation zur Durchführung von Infrastrukturmaßnahmen erforderlich ist, zweigen das Geld beinhart für eigene Zwecke ab oder benutzen es zum Aufbau einer willfährigen Klientel. Große Unternehmen, die in Bosnien investiert haben, treten mittlerweile den Rückzug an, weil sie nicht bereit sind, fortwährend Bestechungsgelder zu zahlen und nur Mitglieder einer Volksgruppe zu beschäftigen.

Die Opfer dieser verfahrenen Situation sind die einfachen Leute. Wer über keine Beziehungen zum Staat verfügt und von keinem Lokalpolitiker alimentiert wird, dem bleibt nur mehr eine Erwerbsquelle: Schwarzhandel. Am Rande der Straßen und Plätze im Zentrum Banja Lukas sitzen im Schatten der großen Bäume die Frauen und bieten auf kleinen Tischen oder bunten Decken ihre Waren an: Zigaretten, Schokoladetafeln, Kaffee, Erdnüsse, Kaugummi, Popcorn.

Überforderte Frauen Das Angebotene ist auf dubiosen Wegen ins Land gekommen, eine funktionierende Grenzüberwachung gibt es nicht. Reich werden die Frauen mit ihren Geschäften wohl nicht, denn gekauft wird mangels vorhandenem Geldes nur sehr wenig. Ladenschlußzeiten existieren keine. Erst am späten Abend, wenn die Sonne hinter den großen Platanen der Prunkstraße, die von den Österreichern im vorigen Jahrhundert angelegt wurde, verschwindet, stopfen die Verkäuferinnen ihr bescheidenes Warenangebot in große Plastiktaschen und machen sich auf den Weg in ein provisorisches Zuhause dieser aus allen Nähten platzenden Stadt.

Es sind die Alten und die Frauen mit ihren Kindern, die am stärksten unter der Tragödie von Ex-Jugoslawien leiden. Oft ohne Partner müssen die Frauen die Reste ihrer Familie zusammenhalten. Mit dieser Aufgabe alleingelassen, können sie überfordert reagieren. So wie die alleinerziehende Mutter, die ihr Kind krampfhaft festhält, ihm den Besuch von Freunden verbietet, um es vor Schaden zu bewahren. Da sind die Kinder, die emotionslos erzählen, wie sie Zeugen der Ermordung ihres Vaters während des Krieges waren.

Opfer wie diese kennt die Heidelberger Ärztin Alexandra Horsch viele. Die Medizinerin weiß, wovon sie spricht. Seit 1992 arbeitet sie mit der Hilfsorganisation "Komitee Frauenhilfe" in Ex-Jugoslawien. War es damals medizinische und psychologische Soforthilfe für Frauen, so steht jetzt die Bewältigung der Kriegsfolgen auf dem Programm. "Es ist wichtig, den Menschen zu helfen, wieder die Füße auf die Erde zu bekommen. Sie müssen etwas finden, was sie von der schrecklichen Vergangenheit und der bedrückenden Gegenwart loskommen läßt. Da ist psychologische Beratung allein nicht ausreichend. Gebraucht werden eine Tätigkeit und ein Einkommen", analysiert die Ärztin die Situation.

Um diese anzuregen, begann das Komitee Frauenhilfe heuer mit einem neuen "income generating project". 20 Frauen , die meisten Flüchtlinge aus der Region Bihac in Nordbosnien, stricken schicke Modepullover. Die Frauen arbeiten gemeinsam in einem Haus in Banja Luka. "Das ist so beabsichtigt. Es soll dabei nicht nur gearbeitet, sondern auch die Isolation überwunden werden", erklärt die Initiatorin. Eine Psychologin betreut das Projekt und hilft den Frauen, die oft traumatischen Erfahrungen aus der Kriegszeit aufzuarbeiten. Die Wolle bekommen die Projekt-Teilnehmerinnen von der Hilfsorganisation, die auch den Verkauf in einem Schweizer Kaufhaus in Bern übernimmt. Die "Produzentinnen" erhalten für jeden verkauften Pullover 150 Mark. Das ist viel Geld in Bosnien, wo Pensionisten vom Staat im Monat mit 70 Mark abgespeist werden. "Wir haben es ausgerechnet: Mit zehn Pullovern pro Jahr kann eine Frau für sich selbst und ihre Familie den Lebensunterhalt sichern. Im Schnitt sorgt jede dieser Frauen für fünf Leute", erläutert Christian Beyerle vom Komitee Frauenhilfe. Ethnische Beschränkungen gibt es keine. Im Gegenteil, um zu zeigen, daß man ohne Haß zusammenleben und arbeiten kann, wurde darauf geachtet, daß Frauen aus allen drei Volksgruppen beteiligt sind. Bis jetzt funktioniert das ohne Schwierigkeiten.

Vier Jahre nach Kriegsende ist auch die medizinische Versorgung in Bosnien nicht ausreichend. Die Flüchtlinge haben keine Sozialversicherung und können sich eine Behandlung nicht leisten. Aus diesem Grund eröffnete die Caritas diesen Sommer in Banja Luka eine neue Ambulanz, die auch mittellosen Patienten offensteht.

Trotz aller Schwierigkeiten bei der Umsetzung und trotz der Uneinsichtigkeit der nationalistischen Politiker ist allen Experten klar, daß Bosnien auf jeden Fall weiterhin die Unterstützung Europas benötigt. Eine Beendigung des internationalen Engagements würde die Spannungen in Bosnien vergrößern und die erzielten Erfolge gefährden. Auch Janne Heiskanen, ein für Bosnien Verantwortlicher der OSZE, appelliert an die Geduld der internationalen Gemeinschaft: "Vergleicht man die Situation von 1996 mit der von heute, dann wird man beträchtliche Fortschritte feststellen. Die Folgen des Krieges können bewältigt werden, aber dieser Prozeß braucht Zeit. Auch schwere Verwundungen heilen nicht über Nacht."

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