Starker Tobak, den Milorad Dodik den österreichischen Journalisten, die nach Banja Luka gekommen sind, serviert. Eine gute Stunde lang breitet der Präsident der Republika Srpska gemeinsam mit Ministerpräsidentin Zeljka Cvijanovi´c seine Sicht der Dinge aus: Er sei enttäuscht von der EU, sie hätte "terroristisch" gehandelt. Insbesondere die Hohen Repräsentanten sind des serbischen Hardliners liebstes Feindbild -vor allem der Österreicher Wolfgang Petritsch (1999-2002) und der Brite Paddy Ashdown (2002-06) hätten massiv (Menschen-)Rechte verletzt.

Dodiks Rhetorik ist unverblümt brachial, außerdem gilt der Führer der bosnischen Serben durch die teilweise Leugnung des Massakers von Srebrenica als umstritten. Dennoch behauptet er felsenfest, dem Friedensvertrag von Dayton verpflichtet zu sein und keinerlei Abweichung davon zulassen zu wollen. Das unterscheidet Dodik von den bosniakischen -wie sich die Muslime hier mittlerweile nennen - Politikern oder den kroatischen, die eine Weiterentwicklung von Dayton für unbedingt nötig halten.

Aber bei aller Unversöhnlichkeit, die Dodik gegenüber Politikern der bosnisch-kroatischen Föderation, der anderen Entität im "gemeinsamen" Staat Bosnien-Herzegowina äußert: Für die meisten Gesprächspartner der Journalisten gelten die Vertreter der internationalen Gemeinschaft als die Buhmänner.

Die bösen Internationalen

Ein Besuch bei Franjo Komarica, dem katholischen Bischof von Banja Luka. Er unterscheidet sich in der Wortwahl, nicht in den Aussagen gegen die Internationalen: "Wir sind der Abstellraum für die europäische Uneinigkeit", so Komarica, die Kroaten in der Republika Srpska seien für Europa "keine Menschen". Man krieche vor den Frechen und Starken - in Banja Luka die Serben -, nicht vor den Opfern.

In der Sache ähnlich klingt der Amtsbruder in Sarajewo: Kardinal Vinko Pulji´c beklagt, dass durch den Vertrag von Dayton nicht gleiches Rechte für alle gilt, es müsse daher einen Vertrag "Dayton 2" geben, den eben -siehe oben -Milorad Dodik so sehr ablehnt.

Der Vertreter des serbisch-orthodoxen Metropoliten von Sarajewo vergleicht die Lage mit der Absurdität in Kafkas "Prozess": In einem Landesteil seien die Orthodoxen die Mehrheit, in einem anderen eine fast rechtlose Minderheit: "Wir sagen immer, wir arbeiten zusammen, aber niemand macht das!" Die Aufteilung in die Republika Srpska und die neun Kantone der Bosnisch-kroatischen Föderation bedeuten, dass es etwa 160 verschiedene Ministerien im Land gibt -allein die Verwaltung scheint da fast unmöglich. Der serbisch-orthodoxe Vertreter sagt: "Wir werden von 500 bis 600 Politikern regiert, das sind immer dieselben Leute!" Bei denen sei keine Bewegung spürbar.

Dem stimmt auch der Österreicher Valentin Inzko, der zurzeit das Amt des Hohen Repräsentanten ausübt, zu. Inzko sieht sich keineswegs als Ursache der bosnischen Unregierbarkeit, sondern als Garant, dass überhaupt etwas weitergeht. Er meint aber, die internationale Gemeinschaft müsste wieder "robuster" auftreten, es werde noch Jahre dauern, bevor ans Ende des internationalen Engagements zu denken sei. Immerhin, so weist Inzko darauf hin, gebe es heute ein gemeinsames Stromnetz, und einige Institutionen wie die Grenzpolizei, eine gemeinsame Steuerbehörde und in bestimmten Bereichen auch die gesamtbosnische Armee seien möglich geworden. Gleichzeitig gibt der Hohe Repräsentant zu, dass seit sieben Jahren keine einzige neue gesamtstaatliche Institution aufgebaut wurde

Die soziale Lage eskaliert

Derweil eskaliert die soziale Lage. Die Arbeitslosigkeit liegt im zweistelligen Bereich -genaue Zahlen sind wegen der Schattenwirtschaft aber nicht zu eruieren, ebenso nicht die demografischen Veränderungen. 2013 gab es die erste Volkszählung seit dem Krieg, die Ergebnisse sind aber bis heute unter Verschluss. Doch Zahlen wie jene, nach denen 70 Prozent der Jungen das Land verlassen wollen, geistern überall herum.

Im Februar entluden sich soziale Proteste, zuerst in der Stadt Tuzla, die dann auf Sarajewo übergriffen. Dort wurden im Zuge der Demonstrationen auch mehrere öffentliche Gebäude in Brand gesteckt. Viele der Gesprächspartner der österreichischen Journalisten meinten, die Proteste waren berechtigt -aber je nachdem, mit welcher Seite man ins Gespräch kam, wurden allsogleich Verschwörungstheorien laut, dass die Proteste von der einen oder anderen Seite ausgenutzt resp. geschürt wurden. Auch hier scheint es schwer, ein einigermaßen stimmiges Bild zu erhalten.

Was nach den zahlreichen Begegnungen und Einschätzungen auffällt, ist die Tatsache, dass es in Bosnien-Herzegowina keine einzelne "Wahrheit" gibt, sondern dass sich der Besucher von außen vielen Sichtweisen und oft auch diametral entgegengesetzten Wahrnehmungen stellen muss, ohne deren Gehalt endgültig beurteilen zu können. Auch die Frage, wie denn ein derart verworrenes Gemeinwesen überhaupt funktionieren kann -und ob der Rahmenbedingungen funktioniert einiges doch -, steht ausgesprochen wie unausgesprochen stets im Raum.

Ante Mestrovi´c, Direktor der katholischen Europa-Schule in Sarajewo, der einzigen in der Stadt, die auf ihre multiethnische und multireligiöse Ausrichtung pocht, bringt es so auf den Punkt: "Wir bringen den Kindern bei, auf ihre Identität stolz zu sein -als Bosniaken, als Kroaten, als Serben, als Atheisten." Erst dann nennt er als zweiten Schritt: "Die Kinder sollen lernen, die andere Nation, die andere Konfession zu respektieren."

Bosnien als das Labor Europas?

Die Betonung einer ethnischen, die gleichzeitig auch eine religiöse Identität darstellt (und umgekehrt), begegnet den Besuchern auf Schritt und Tritt -zumindest von den Multiplikatoren wird genau darauf gepocht. Auch die Einschätzung, sich -im Schlechten wie im Guten -als Labor Europas zu fühlen, bekommt man immer wieder zu hören. Bischof Komarica, der in Banja Luka so darüber klagte, dass die vertriebenen Katholiken nicht zurückkehren könnten, meint, es gehe nicht um "Quo vadis, Bosnien?", sondern um "Quo vadis, Europa?"

Die Politik ist dennoch das eine. Dass dort Stillstand herrscht, ist eine oft zu hörende Einschätzung. Valentin Inzko meint, viele würden es begrüßen, wenn der Hohe Repräsentant die Amtszeit von Politikern im Lande auf acht Jahre beschränken würde. Um das durchzusetzen, bräuchte man aber den erklärten Willen der internationalen Gemeinschaft dazu.

Und die Religionen? Die beteuern ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Kardinal Pulji´c nennt den Interreligiösen Rat, in dem seit 1997 alle Religionen des Landes kooperieren. Auch die Muslime bringen sich darin ein. Von deren Seiten wird dabei immer wieder betont, dass der bosnische Islam ein europäischer ist. Ekrem Duzakovi´c, der Pressesprecher der Islamischen Glaubensgemeinschaft meint etwa, die bosnischen Muslime seien autonom und verwahrten sich gegen Einmischungen von außen. Allerdings gesteht Duzakovic zu: es gibt doch äußere Einflüsse. Auffällig ist, dass überall im Land - vor allem in der Bosnisch-kroatischen Föderation -Moscheen aus dem Boden schießen , eine Unzahl von prunkvollen Bethäusern -das Geld dafür kommt aus den reichen Ländern der islamischen Welt.

Aber bauliche Großspurigkeit fällt bei anderen Konfessionen ebenfalls auf: In Banja Luka gab es vor dem Krieg zwei orthodoxe Kirchen, heute sind es 24; auch in den katholischen Gemeinden der Herzegowina gehören die Kirchtürme der neu-bzw. wiedererbauten Kirchen nicht zu den kleinsten Bauwerken.

Daneben sind es Geschichten, die doch Hoffnungsspuren zeigen: Abt Danilo, der nach dem Wiederaufbau in ein von kroatischen Milizen zerstörtes serbisch-orthodoxes Kloster bei Mostar kam, erzählt, dass er zunächst kein Bankkonto hatte - und daher beim katholischen Pfarrer fragte, ob er dessen Konto "mitbenutzen" dürfe. Er durfte.

Und auch unter der Herrschaft des Ultra-Serben Dodik kann sich ein katholisches Pflänzchen entfalten: So gibt es seit 2011 in Banja Luka eine -von der Linzer Caritas, dem Land Oberösterreich und der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit finanzierte -Schule für Sozialberufe. Deren Leiter, Igor Lukenda, der als bosnischer Flüchtling in Westösterreich aufgewachsen ist, erklärt: In der zentral verwalteten Republika Srpska gab es gesetzliche Grundlagen für solch eine Schule, die das Land bitter nötig hat. In der auf neun Kantone aufgessplitterten Bosnischkroatischen Föderation wäre dieses Projekt kaum umsetzbar gewesen.

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