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Wir essen Schwein und trinken Alkohol, warum tötet ihr uns?”

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Die tragische Situation der Bos-niaken ist für die fundamentalistischen Moslems in aller Welt Wasser auf ihre antiwestlichen Mühlen. Aber auch „normale” Moslems drehen deswegen schon einmal durch.

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Die tragische Situation der Bos-niaken ist für die fundamentalistischen Moslems in aller Welt Wasser auf ihre antiwestlichen Mühlen. Aber auch „normale” Moslems drehen deswegen schon einmal durch.

Als 1993 ein junger Mann in ein Kairoer Cafe barst und auf ausländische Touristen feuerte, dachte erst einmal jedermann an die Terroristen des in New York inhaftierten Shaikh ,Umar' Abdu-r-Rahmän. Dann stellte sich jedoch heraus, daß der Attentäter alles andere als ein Islamist war. Es handelte sich um einen Musiker, der einen in der traditionellen islamischen Gesellschaft höchst ungewöhnlichen Lebensstil lebte, insofern als er mit seiner algerischen Freundin zusammen auftrat. Die beiden lebten zusammen, unverheiratet. In einer islamischen Republik wären die beiden womöglich hingerichtet worden, wegen Hurerei und korrumpierender Musik, noch dazu öffentlich. Weshalb schoß der junge Künstler auf Touristen? Er tat es aus Wut über die Gemetzel in Bosnien. Dort wurden ja nicht Islamisten verfolgt, sondern Kulturmoslems abgeschlachtet, junge Leute wie seine Freundin und er, die keine praktizierenden Moslems waren, sondern nur zufällig moslemische Eltern hatten.

In Washington erschoß ein junger Pakistaner zwei Beamte des CIA und entfloh ins heimatliche Balutschistan. Über die Motive für den Mord gibt es die abenteuerlichsten Mutmassun-gen, zumal man des Täters nicht habhaft werden konnte. Er selbst hatte einem Freund gegenüber geäußert, er stecke voller Haß, weil die USA nichts zur Bettung der Bosnier unternehmen. Die Mordkomission täte gut daran, diese Worte etwas ernster zu nehmen. Auch dieser junge Mann war weder Frömmler noch Islamist. Und dies sind nicht die beiden einzigen Fälle dieser Art.

Bereits im Juli 1992 hatte Englands ehemalige Ministerpräsidentin Margret Thatcher auf einen militärischen Schlag gegen Belgrad gedrängt; wenn der groß-serbischen Expansionspolitik nicht einhält geboten werde, müsse sich in Europa unweigerlich eine islamische Zeitbombe bilden, schrieb Thatcher damals in der „New York Times”. Verständlicherweise schlachten die Islamisten die Stimmung voll aus. So legte ein palästinensischer Aktivist dem bosnischen Präsidenten folgende Worte in den Mund: Izetbegovic habe den Europäern gesagt: „Wir essen Schwein und trinken Alkohol, warum tötet ihr uns?”

Auf diese einfache Formel gebracht, läßt sich der Bosnienkonflikt als Warnung an alle Gemäßigten in der islamischen Welt benutzen: „Es nützt euch alles nichts, weder eure westliche Bildung noch eure demokratische Ausrichtung oder die Bejahung des Pluralismus und Multikulturalismus. Die Nicht-Moslems pfeifen auf eure Verständigungsbereitschaft. Streckt ihr ihnen die Hand zum Gruß entgegen, dann schlagen sie erst recht zu.” Seit nunmehr drei Jahren gibt es keinen Islamistentreff ohne reichliche Darbietung an Videokassetten mit Aufnahmen der grausigsten Szenen. Mancherorts laufen diese Filme Tag und Nacht. Was Menschen anderswo (zum Beispiel in den USA) sich zu wenig anschauen, das schaut man sich hier zu viel an. Es sind nicht nur Islamisten, die diese Videokassetten anbieten, doch ziehen die Islamisten mit ihren Vorführungen zahllose Nicht-Islamisten an.

Das soll nicht heißen, die Islamisten stünden an der Spitze einer weltweiten Soldaritätsbewegung mit Bosnien. Sie helfen in Bosnien gezielt nur Gruppen, die sie als Parteifreunde oder zumindest als potentielle Parteifreunde betrachten. Da es derer nicht viele gibt, unterstützen sie fast ausschließlich die arabischen Freischärler, die in Bosnien als Mudschahedin auftreten.

Eine arabische Islamistengruppe in den USA vertraute dem Bosnier Halil Puskar einen Betrag an zwecks Übergabe an Shaikh ,Äbd-l-'Aziz, einen Saudi, der in Bosnien Mudschahedin befehligt. Puskar konnte daheim nicht zu dem saudischen Islamistenchef durchdringen. Natürlich nahm er das Geld nicht wieder zurück nach Chika-go, sondern stellte es in Bosnien für humanitäre Zwecke zur Verfügung, mit entsprechendem Beleg. In Chicago aber wurde er darob von den arabischen Brüdern fast umgebracht und ihre Presse bezeichnet ihn seither als Betrüger, obwohl Puskar sich besonders verdienst gemacht und vielmals sein Leben riskiert hat. (Gegenwärtig liegt er verwundet in Bihac.)

Dieses Beispiel mag als Illustration für ein generelles Phänomen dienen. Den Islamisten geht es weniger darum, Menschen zu retten, die ihr Schicksal selbst verschuldet haben -wegen Laschheit im Glauben, nach islamistischer Auffassung. Ihnen geht es vielmehr um die Errichtung islamistischer Herrschaft, wie sie es in Afghanistan zumindest partiell geschafft haben, und so wie sie es auch in Kaschmir betreiben. Der Schaden, der Land und Leuten zugefügt wird, ist zweitrangig. In Bosnien ist es eher proportional umgekehrt: Je mehr Tod und Elend, desto größer die Chancen für den Islamismus. Die große Mehrheit der bosnischen Moslems hat mit dem Islamismus nichts im Sinn, die Regierungspartei ist eindeutig säkula-ristisch. Hier läßt sich kein ideologischer Staat ä la Iran oder Sudan errichten, nicht einmal auf den Ruinen. Bevor die Islamisten so recht zum Zuge kommen, müßte das geschundene Bosnien noch einmal doppelt so viel leiden.

Das soll nicht heißen, daß sich bisher nichts im Sinne der Islamisten bewegt. Erste Anzeichen einer Badikalisie-rung in islamistischer Bichtung sind durchaus wahrnehmbar. So warnen zum Beispiel einige Prediger vor Mischehen. Vor 1992 war es ja keine Seltenheit, daß moslemische Mädchen kroatische oder serbische Männer heirateten. Bislang war Sarajewo Europas Musterbeispiel für „Multikulti”, davon wollen viele bosnische Moslems nun nichts mehr wissen. Vorläufig sind das jedoch noch-keine eingefleischten Haltungen. Kommt es allerdings in Bosnien zu keiner raschen Verbesserung der

Lage, und müssen die geplagten Menschen noch einen Winter hindurch hungern und frieren, dürfte es mit der bewährten bosnischen Großherzigkeit vorbei sein. Dann schlägt wirklich die Stunde der Islamisten.

Inzwischen kümmern sie sich um die Witwen, nach bewährtem Muster, wie schon in Afghanistan. So berichtete das islamistische Wochenblatt „ Al-Muslimun” von einem mit bosnischen Witwen beladenen Schiff vor Anker in Alexandria. Etliche Brüder hätten bereits bosnische Witwen geehelicht und priesen sie ob ihres Gehorsams. Mehrere Ägypterinnen hätten ihren Gatten ausdrücklich gestattet, solch eine Bosnierin als zweite Frau zu nehmen. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine Satire, sondern um einen völlig ernsten Bericht, der ein Positivum beschreiben will. Man muß wieder einmal darauf hinweisen, daß es sich bei den Islamisten um eine Minderheit von Radikalen handelt. Blätter wie Al-Muslimün haben dementsprechend einen beschränkten Leserkreis. Den Normalmoslem widern solche Praktiken an.

Über die Freischärler (Mudschahedin) gibt es widersprüchliche Angaben. Die arabischen Veteranen des Äf-ghanistankriegs sind ganz sicher kein militärischer Faktor, sondern haben sich auf dem Balkan ebenso blamiert wie am Hindukusch. Ob ihrer Disziplinlosigkeit sind sie der bosnischen Armija kaum eine Hilfe. Sicher gibt es Ausnahmen, wie den Algerier Abdullah Anas, der sich in Afghanistan hervortat und 1993 nach Bosnien ging. Insgesamt dürfte die Zahl der „arabischen Afghanen” in Bosnien bei kaum mehr als 500 Mann liegen. Was türkische Freiwillige betrifft, so handelt es sich im wesentlichen um ethnische Bosnier. Etwa fünf Prozent der rund 60 Millionen Türken sind bosnischer Herkunft - Opfer früherer Vertreibungen, speziell seit Gründung Jugoslawiens 1919. Viele Familien gelangten erst infolge der Pogrome von 1947-48 in die Türkei, als die meisten der sogenannten „bosnischen Serben” sich in Bosnien niederließen. Als Besultat jener Vertreibungen leben heute mehr Bosnier im Ausland (Türkei, Australien, Kanada, USA, Westeuropa) als in Bosnien.

Alles in allem dürfte die Zahl der moslemischen Freiwilligen weniger als zweitausend Mann betragen, also nicht einmal ein Fünftel der auf großserbischer Seite kämpfenden Bussen, Griechen urid anderer Osteuropäer.

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