Der steinige Weg zu den Gotteshäusern

1945 1960 1980 2000 2020

Am 5. Mai verhinderten radikale Serben im südbosnischen Trebinje die Grundsteinlegung für den Wiederaufbau einer Moschee. Am 7. Mai gab es ähnliche Unruhen in Banja Luka. Ein prominenter österreichischer Muslim - selbst gebürtiger Bosnier - analysiert aus seinem Blickwinkel.

1945 1960 1980 2000 2020

Am 5. Mai verhinderten radikale Serben im südbosnischen Trebinje die Grundsteinlegung für den Wiederaufbau einer Moschee. Am 7. Mai gab es ähnliche Unruhen in Banja Luka. Ein prominenter österreichischer Muslim - selbst gebürtiger Bosnier - analysiert aus seinem Blickwinkel.

Während Papst Johannes Paul II. auf seiner Griechenland- und Nahostreise sich um Versöhnung mit der Orthodoxie und Islam bemüht, fliegen Steine und Flaschen gegen Köpfe der Vertreter der internationalen Gemeinschaft und der muslimischen Würdenträger, die sich zur Grundsteinlegung der wiederaufzubauenden Moscheen in Bosnien eingefunden haben. Die wilden Männer der Christenheit, deren seinerzeitige Übergriffe der Papst zu sühnen bemüht war, sind wieder - hier und heute - am Werk. Diesmal kommen sie aus dem Bereich des östlichen Christentums, dessen Kirche noch schwerlich den Gleichschritt mit dem demokratischen Europa erlangt.

Ethno-Fundamentalisten Gewaltausbrüche auf dem Balkan sind nichts Neues. In den vergangenen 315 Jahren hat es zehnmal Ausrottungsversuche an der dortigen muslimischen Bevölkerung gegeben. Der Ende der achtziger Jahre unter dem Kommunismus erfolgte Zwangsexodus der Türken und Pomaken aus Bulgarien ist noch in frischer Erinnerung. Mit dem Dayton-Abkommen und der Nato-Aktion in Kosovo haben die im Zusammenhang mit "ethnischen Säuberungen" entstandenen Probleme kein Ende gefunden. Die Konflikte glosen weiter.

Weltweit greifen bedrohliche Weltsichten um sich, die die Konflikte nähren: in Europas Osten und Südosten der orthodoxe Ethno-Fundamentalismus, in Asien und Afrika der Islamismus und im europäischen Westen der Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit.

An die Stelle des Kommunismus ist in Europa der Ethno-Fundamentalismus getreten. Bezeichnend für ihn ist die Ablehnung des Westens und des ihm innewohnenden Geistes. Er wehrt sich gegen die Säkularisierung und die Globalisierung und ist in eine mythische Welt eingebunden, von nostalgischen Neigungen zu den vermeintlichen Größen der eigenen nationalen Geschichte geprägt und gelegentlich an Realitätsverlust leidend. Die Menschen, die sich zu ihm bekennen, benehmen sich zuweilen wie Götter, wenn sie an der Macht sind. Woher kommt das?

Viele Serben leben emotionell in der Epik der Vergangenheit. Der Heroismus der alten Zeit trägt sie in gewissen Situationen. Solch geprägte Menschen handeln archaisch und nachträgerisch. Der Hass, aber auch die Gier nach fremden Gütern, können sie leicht ergreifen. Das ist in Bosnien 1992-1995 noch einmal deutlich geworden.

Der nach der internationalen Anerkennung Bosniens und der Herzegowina im Frühjahr 1992 von den Belgrader Machthabern eingeleitete Völkermord hat inzwischen die Züge eines regelrechten Kreuzzuges gegen den Islam angenommen. Die erbarmungslosen Ausrottungsaktionen - verharmlosend "Säuberungsaktionen" genannt - zielten auf die Vernichtung aller Bezugspunkte der nationalen, kulturellen und religiösen Identität der Urbosnier oder Bosniaken ab. Eine biologische Ausrottung dieses Volkes war geplant. An der geistigen Vorbereitung des Völkermordes haben sich neben nationalistischen und nationalkommunistischen Politikern in maßgeblicher Weise auch Männer der orthodoxen Kirche beteiligt. Die Vergiftung des zwischenmenschlichen Klimas ist zu einem Gutteil auch das Werk serbischer Orientalisten, "Islamwissenschaftler" und allerlei anderer Quasi-Fachleute, die publizistisch in Erscheinung traten. Deren unwürdige Arbeit wurde schon 1994 von Norman Cigar im Aufsatz "Serbia's Orientalists and Islam: Making Genocide intellectually respectable" (Serbiens Orientalisten und der Islam: Wie man den Völkermord intellektuell respektabel macht; in: Islamic Quarterly, 38/1994) detailliert beschrieben. Seitens der großserbischen Nationalisten wurden alle Moscheen und anderen Einrichtungen der islamischen Gemeinschaft zum Abschuss ausgeschrieben.

1.200 Moscheen zerstört Bis Ende 1994 war deren Hälfte - etwa 1.200 Moscheen -, neben einigen Dutzend katholischer Kirchen dem Erdboden gleichgemacht oder schwer beschädigt. Unter den vernichteten oder schwer demolierten Bauten befanden sich einige von unschätzbarem kunstgeschichtlichem Wert, wie die "Bunte Moschee" (Aladscha-Dschamija) in Foca, die Ferhadija-Moschee in Banja Luka, die Karadjoz-Moschee in Mostar und das alte Stadtzentrum von Pocitelj bestehend aus Moschee, Medresse und Imaret, in denen noch vor einigen Jahren eine international frequentierte Künstlerkolonie ihre Heimstätte hatte.

Nach der Zerstörung sämtlicher Moscheen in Banja Luka waren von Verantwortlichen der sogenannten "Serbischen Republik" Verdächtigungen in Umlauf gesetzt, die Muslime selbst hätten ihre Gebetshäuser vernichtet. In ähnlicher Weise pflegte die Propaganda der Karadzi'c-Serben auch andere Missetaten - wie die beiden entsetzlichen Massaker vom 27. Mai 1992 in Sarajevo und vom 25. Mai 1995, bei denen Dutzende von unschuldigen Zivilisten getötet wurden, den Bosniaken in die Schuhe zu schieben. Indessen wird in Bosnien das Unerträgliche vielfach relativiert: Die Täter werden mit den Opfern gleichgestellt. Aber in diesen Fällen waren die Fingerabdrücke ganz eindeutig festzustellen!

"Bosnien ist nicht Geschichte, sondern Zukunft", übertitelte 1993 der angesehene US-amerikanische Sicherheitsfachmann Albert Wohlstetter einen Artikel. Damit sollte gesagt werden, dass die Handlungsprinzipien, die von der Weltgemeinschaft in Bosnien angewendet werden, bestimmend für die Weiterentwicklung; der Welt sein werden.

Heilmittel Versöhnung?

Im Hinblick auf das Gesagte, ist es zweifelhaft, ob die Versöhnung allein ausreicht, um die vielen Schwierigkeiten auf dem Wege zur Gerechtigkeit und zum wahren Frieden auszuräumen. Die Bosniaken sind offenkundig kooperationswillig. Sie bekennen sich zum Dayton-Abkommen.

Beim Belgrader "Ökumenischen Dialog über Versöhnung" vom Februar 1996, zu dem übrigens weder Bosniaken noch Albaner eingeladen wurden, ist - wohl unter dem Druck des Auslandes - zum ersten Mal der Nagel auf dem Kopf getroffen worden. Im dritten Teil des nach Abschluss der Veranstaltung herausgegebenen Kommuniques wird nämlich Versöhnung ohne Buße und mitfühlendes Handeln zum leeren Wort erklärt. Dann werden die eigentlichen Aufgaben aufgezählt: Wiederaufbau der zerstörten Häuser, Suche nach den Vermissten, Bereitstellung von Arbeitsmöglichkeiten für Frauen und Kriegsversehrte, Wiederaufbau der Wirtschaft, Reparatur oder Wiedererrichtung von zerstörten gottesdienstlichen Gebäuden der eigenen oder der benachbarten Gemeinschaft ... Hier hat sich die serbisch-orthodoxe Kirche zum ersten Mal wenigstens verbal zu Buße und Wiedergutmachung bekannt. Doch das besagte Dokument ist allgemein gehalten und auch zweideutig. Die Kirche verpflichtet sich darin zum Wiederaufbau und zur Reparatur der eigenen oder der fremden Gebetshäuser, ohne sich auf die letzteren eindeutig festzulegen, die ja unter dem Zeichen des orthodoxen Kreuzes den Zerstörungen anheimfielen. Auch die Rückführung der Flüchtlinge an ihre angestammten Heimstätten ist mit keinem Wort erwähnt.

Menschlichkeit gefragt Die negativen Erscheinungen in den menschlichen Beziehungen bestimmen noch immer die Entwicklung. Es muss vor allem dem serbischen Volk, aber auch einem Teil der Kroaten, geholfen werden, sich von gewissen Stereotypen, Klischeevorstellungen und ahistorischen Ansichten zu befreien, die Hass erzeugen. Solche Stereotypen beherrschen bedauerlicherweise sogar die Gedankenwelt der Entscheidungsträger. So lebt etwa das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Pavle, im Glauben, dass die bosnischen Muslime, genauso wie die Kosovo-Albaner, mit den Türken im 15. Jahrhundert in ihre heutige Heimat gekommen seien: Er hält sie für Türken, was er öffentlich gesagt hat. Beide Ansichten widersprechen den Tatsachen. Die Bosniaken sind in Bosnien ebenso alteingesessen wie ein großer Teil der dortigen Kroaten und ein kleiner Teil der dortigen Serben. Sie sind und daran ist kein Zweifel - Slawen. Dem Patriarchen ist auch die Ansicht nicht fremd, dass durch die Annahme des Islam ein Verrat an der Nation verübt worden sei.

Wie erstaunlich begrenzt die Kenntnisse dieses Würdenträgers über den Islam sind, illustriert sehr gut sein Friedensaufruf vom Juli 1992, den er unter anderem an den Imam der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem gerichtet hat - wohl in der falschen Annahme, dass der Imam dieser Moschee eine Autorität des Islam von der Art des Papstes in der katholischen Kirche sei. Dieser Aufruf ist ebenso an Papst Johannes Paul II. gerichtet. Dieses Bildungsniveau steht wohl auf der gleichen Stufe wie jenes des Metropoliten der gleichen Kirche in Amerika, der freimütig zugab : "Ich weiß nicht sehr viel über die Muslime in Bosnien, aber sie sind eben Muslime."

Zeichen der Hoffnung Erst das Kosovo-Desaster 1999 scheint im serbischen Volk erkennbar die Idee aufkommen lassen, dass mit Mythen keine Geschichte geschrieben wird. Die schwer belastete serbisch-orthodoxe Kirche hat das als erste zu formulieren versucht. Aber die slawische Kirche hat, wie der Pariser orthodoxe Theologe Olivier Clement meint, "ein enormes Problem damit, ,mea culpa' zu sagen". Die beschämenden Ereignisse von Trebinje und Banja Luka sollten zum Anlass genommen werden, dass die längst fällige Umkehr allseits vollzogen wird.

Der Autor gebürtiger bosnischer Muslim, ist Kulturhistoriker und Islamexperte (u. a. war er Chefredakteur von "Islam und der Westen"). Bali'c lebt in Niederösterreich.

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