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Das Mosaik Kosovo

Was über den Athisaari-Plan hinaus zu sagen ist, um das Land zu verstehen.

In Ochrid, Mazedonien, damals noch Jugoslawien, habe ich 1952 als junger Journalist ein Interview mit einem albanischen Holzschnitzer gemacht. Danach wollte er mehr über die Ungarn wissen, er hatte gehört, sie seien ein wildes Volk, das Fremde ausraube und abschlachte, er habe Verwandte in Subotica im Norden, die er besuchen wolle und fürchte sich sehr. Als ich ihm erklärte, er irre, dort sei alles durchaus zivilisiert, man halte dort jedoch sein Volk für ungebändigt und heißblütig - unhöflicher mochte ich mich nicht ausdrücken -, berichtigte er mich mit dem Brustton der Überzeugung: "Wir doch nicht! Die Ungarn sind schrecklich! Das weiß ein jeder!"

Ich habe damals zum ersten Mal begriffen, dass man sich voreinander fürchtet und hasst, wenn man sich nicht kennt, schlimmer noch, wenn man sich auf Grund von Vorurteilen zu kennen glaubt.

Die wilden Skipetaren

Vor einigen Jahren nahm ich als Urlaubslektüre zwei Bücher mit, die ich zuletzt als Kind gelesen hatte, die Romane In den Schluchten des Balkan und Durch das Land der Skipetaren von Karl May. An einer Stelle schreibt der einst so viel gelesene Autor über die Albaner, dass sie nichts taugen: "Das sind die frechsten und gefährlichsten Strolche, welche es nur geben kann, echte Skipetaren, kühn bis zur Verwegenheit, schlau wie eine Wildkatze, grausam und brutal." … "Nimm einmal die Albanesen an, die Arnauti, Skipetaren, Mirditen und all die Völkerschaften und einzelnen Stämme, von denen jede dieser Sippen ihre eigenen Gesetze, Gebräuche und Rechte hat … Das ist ein ewiger Krieg und da behält natürlich der gewalttätigste und größte Übeltäter die Oberhand …"

Serbische Feindbilder …

Das könnten heutige serbische Nationalisten von Albanern geschrieben haben. Als Kind schien mir das logisch. Mein Vater erzählte, wie er als k. und k. Fähnrich im Ersten Weltkrieg gegen Heckenschützen in Albanien kämpfte. In der Schule lernte ich, das geschlagene serbische Heer habe sich unter der Führung des greisen Königs Petar I. durch Albanien zurückziehen müssen und wurde von albanischen Freischärlern belästigt. Da die Österreicher und die Serben damals gegeneinander Krieg führten, verstand ich nicht, wieso die Albaner Feinde beider Seiten gewesen sein sollen. Heute verstehe ich nicht, warum die selben Extremisten im Kosovo sowohl die letzten noch hier lebenden Serben angreifen, als auch die ausländischen Ruhestifter, die UNMIK.

Vorurteile über wilde Ungarn, wilde Albaner, wilde Serben halten sich lange und werden zu Allgemeinplätzen, aber der größte Schauspieler des deutschen Sprachraumes am Anfang des vorigen Jahrhunderts, der alle große, klassische Rollen auf seinem Repertoire hatte, der erste Salzburger Jedermann, war ein Albaner: Alexander Moissi. Die bekannteste Segensbringerin und Heilige am Ende des vorigen Jahrhunderts war eine Albanerin: Mutter Theresa.

Noch lange werden wir bei Heiligen, Künstlern, aber auch bei Mördern gleich nach dem Namen hinzufügen, welcher Nationalität sie sind oder waren. Hierzulande passt dazu die alte Frage: War Hitler ein Deutscher und Beethoven ein Österreicher? Oder doch umgekehrt?

In Belgrad habe ich albanische Freunde, Intellektuelle, die ein akzentfreies Serbisch sprechen, was bei den meisten Serben aus dem Kosovo nicht der Fall ist. Als ich zu Zeiten von Slobodan Miloševi´c mitunter mit ihnen auf der Straße stand, meinte ich scheelen Blicken ausgesetzt zu sein und dachte, so müssen sich in Wien Ende der dreißiger Jahre Leute gefühlt haben, die sich mit Juden unterhielten. Oder bilde ich mir das nur ein?

… wirken bis heute

Bis Ende der achtziger Jahre war es in Jugoslawien freilich egal, was man war. Nach Titos Tod war ein Jahr lang Vorsitzender des Staatspräsidiums - de facto Staatschef Jugoslawiens - der Albaner Sinan Hassani. Als ich ihm gratulierte und sagte, endlich bin ich mit einem Staatschef per du, antwortete er skeptisch: "Na ja, jetzt wo es nichts mehr nützt …"

Ist es seit dem Ende der Ära Miloševi´c besser geworden? Vor kurzem beklagte sich eine Albanerin bei mir, man habe ihren Sohn in der Schule zum Tag des Heiligen Sawa - des Schutzheiligen der Serben - aufgefordert, mit zu beten und sich zu bekreuzigen. Sie ging in die Schule, erklärte, die Familie sei atheistisch und wolle so etwas nicht, wurde aber belehrt, es sei für den Jungen besser, sich nicht abzusondern. Das ist kein Einzelfall. Dieselbe Erfahrung hat vor einigen Jahren auch mein Enkelsohn gemacht. Nicht Serbe zu sein und so zu tun, als sei man kein gläubiger Orthodoxer, ist nicht unbedingt empfehlenswert, zumindest nicht bequem im heutigen Serbien.

Serbische wie auch albanische Nationalisten führen als Argument in allen Debatten an, sie seien "früher da gewesen". Dabei berufen sich albanische Wissenschaftler darauf, ihr Volk sei Nachkomme der Illyrer. In einer Diskussion in Wien habe ich meinem verehrten albanischen Kollegen auf diese These geantwortet, das sei so logisch, als ob sich der ägyptische Präsident Mubarak auf den Pharao Ramses II. berufen würde. Und wenn mir Serben sagen, Grenzen müssten unversehrt bleiben, antworte ich, dann könnten die Türken "ihr Gebiet" bis Wien zurückfordern.

Es wird wegen der Interessenslage der Großmächte sehr schwer fallen, neue Grenzen anzuerkennen, ich glaube jedoch, auf dem Balkan wird es unvermeidbar sein. Nicht nur das Kosovo, auch Bosnien und Herzegowina existieren so, wie sie sind, nur dank internationaler Truppen, Polizei und Verwaltung. In beiden Teilen des ehemaligen Jugoslawiens haben das Sagen aufgeblähte, phänomenal gut bezahlte internationale Behörden und bewaffnete Einheiten, die auf Grund ihrer Qualifikation in ihren Heimatländern oft nicht ein Zehntel von dem verdienen könnten, was sie für ihre Auslandseinsätze bekommen.

Pfründe für Ausländer

Die Wirtschaft im Kosovo steht derweilen still. Wie groß die Arbeitslosigkeit wirklich ist, lässt sich kaum beziffern. Geld verdienen vor allem die Angestellten der Ausländer, Dolmetscher, Schreibkräfte, Köche und Kellner, Chauffeure und Handwerker für Büros und Wohnungen. Man muss hinzufügen, weil es einfach wahr ist: Prostituierte auch.

Zwei Beispiele, die zu denken geben. Im Kosovo gibt es so viel Braunkohle, die im Tagebau zu gewinnen ist, dass Ende der siebziger Jahre - ich habe gedolmetscht, deshalb weiß ich es - mit deutschen Investitionen der Strombedarf für große Teile Europas von hier aus gesichert werden sollte. In den letzten acht Jahren ist das Kosovo nicht fähig, genügend elektrischen Strom für den eigenen Bedarf zu produzieren und sitzt oft im Dunkeln. Mit dem Wein aus dem Kosovo konnte man gute Teile des Kontinents bedienen, ich erinnere an den billigen Amselfelder, der die Selbstbedienungsläden in Österreich und Deutschland überschwemmt hatte, aber ich habe einmal Kennern als Weinprobe auch nebeneinander Rotburgunder aus dem Kosovo und der Bourgogne serviert und sie konnten nicht entscheiden, welcher von woher kam. Dieser Wirtschaftszweig wurde ganz vernachlässigt. Die heutigen albanischen Machthaber im Kosovo haben die früheren Experten aus Serbien verjagt, aber wieso konnten die internationalen Behörden keine Sachverständigen für die Elektrowirtschaft, meinetwegen aus Österreich, und keinen Önologen aus Frankreich anheuern?

Ahtisaari-Plan isoliert

Der so genannte Ahtisaari-Plan wird mit minimalen Veränderungen Ende März dem Sicherheitsrat der UN vorgelegt werden, er möchte das Kosovo weiterhin in einer Isolation festhalten, die das Gebiet nicht lebensfähig macht, und dazu verurteilen, auch weiterhin Pfründe für Beamte, Polizisten und Soldaten aus aller Welt zu stellen. Kosovo - so wie es ist - darf sich aber nicht erweitern, nicht an andere umliegende Staaten anschließen, soll dafür das Recht auf eine eigene Fahne und Hymne bekommen - die kann man aber nicht auf das kärgliche Brot streichen.

Albaner leben außer in Albanien und im Kosovo in Serbien, Montenegro und Mazedonien, aber auch in Griechenland. Sie haben die stärkste Natalität in Europa. Sie sprechen alle die selbe Sprache und können nicht einsehen, wieso sie nicht im selben Staat leben dürfen. Auseinanderhalten wird man sie mittelfristig nur mit Gewalt können.

Die Kosovo-Albaner halten sich für die Elite. Prishtina will nicht "unter Tirana" leben, sondern Zentrum des "natürlichen Albaniens" sein. Für mich bemerkenswert ist, dass Albanien vom Holocaust nicht betroffen war. Juden flüchteten aus anderen nahen Regionen nach Albanien. So war es nach 1945 das einzige Land Europas, in dem mehr Juden lebten als vor 1938. Im Kosovo war es anders, da wütete die 21. SS-Division Skanderbeg.

Belgrad droht, wenn das Kosovo von Serbien getrennt wird, wird es sich früher oder später mit Albanien vereinigen und andere mehrheitlich von Albanern bewohnte Gebiete in Serbien, Montenegro, Mazedonien und eines Tages in Griechenland beanspruchen. Das ist richtig. (In Griechenland geht man davon aus, wer im Lande lebt und orthodoxen Glaubens ist, sei Grieche. Das ist nicht richtig. Zahlreiche Albaner sind orthodox oder katholisch.) Aus Belgrad hört man auch: Falls man in Sachen Kosovo nachgibt, wird es einen "Dominoeffekt" geben, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina werden so, wie sie jetzt sind, nicht weiterexistieren können. Auch das ist richtig. Aber ich füge hinzu: Na und? Die jetzigen Grenzen in Europa sind genau so wenig heilig, wie es Grenzen in der Geschichte je waren. Die einzige Alternative ist für mich, dass Grenzen überflüssig werden - kurz gesagt: Auf Wiedersehen in Europa!

Vorerst allerdings werden nicht die Menschen im Kosovo über ihr Schicksal entscheiden dürfen, sondern über ihre Köpfe hinweg werden es, wie seit jeher, die Großmächte tun, die sich heutzutage "ständige Mitglieder des Sicherheitsrates" nennen. Als der Balkan in Berlin 1878 ebenfalls auf der Tagesordnung stand und weit reichende, falsche Entscheidungen getroffen wurden, war es genau so. Auch damals hing, wenn nicht alles, so doch sehr viel von Russland ab. Vor der neuen "Endlösung" werden Bush und Putin oder ihre engsten Vertreter ihre Köpfe zusammenstecken und ihre eigenen Interessen abwägen.

Die Welt ist klein geworden. Eines der Opfer im World Trade Center in New York am 11. September war Chef der Fensterwäscher, der sein Büro auf der 110. Etage hatte und sehr stolz darauf war - ein Albaner.

Der Autor lebt als freier Schriftsteller in Belgrad und Wien.

Zum Thema Kosovo siehe auch Seite 9

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